242 Menschen werden in Baden-Württemberg aktuell wegen einer Corona-Infektion auf einer Intensivstation behandelt. Foto: dpa/Kay Nietfeld

Die Zahl der Corona-Fälle auf den Intensivstationen im Südwesten steigt weiter, die Warnstufe mit Einschränkungen vor allem für Ungeimpfte droht. Doch wie hoch ist der Anteil der belegten Intensivbetten tatsächlich – und was, wenn er weiter steigt?

Stuttgart - Die Zahl der Coronainfizierten, die im Südwesten auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, steigt weiter an. Im Land droht daher die Corona-Warnstufe mit stärkeren Einschränkungen vor allem für Ungeimpfte: Sie gilt, sobald die Zahl der belegten Intensivbetten in Baden-Württemberg an zwei Werktagen in Folge bei 250 oder darüber liegt. „Wie ernst die Situation ist, sehen wir nicht zuletzt daran, dass schon in dieser Woche im Land die Warnstufe erreicht werden kann“, sagte Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) am Mittwoch. Das Landesgesundheitsamt meldete am Mittwochnachmittag 242 Covid-19-Fälle auf den Intensivstationen im Südwesten.

Doch wie ernst ist die Lage auf den Intensivstationen wirklich? Die Warn- und Alarmwerte seien nicht gewürfelt, heißt es aus dem baden-württembergischen Sozialministerium – sie seien bereits im September eng mit Expertinnen und Experten aus der medizinischen Praxis festgelegt worden. Die verschärften Regeln zielen insbesondere auf jene ab, die noch nicht gegen das Coronavirus geimpft sind. Gesundheitsminister Lucha spricht von einer Entwicklung hin zur „Pandemie der Ungeimpften“: Vor allem Nicht-Immunisierte würden aktuell wegen einer Coronainfektion auf der Intensivstation behandelt.

Die großen Kliniken im Land bestätigen das, etwa 90 Prozent der Menschen in intensivmedizinischer Behandlung sind demnach ungeimpft. Bei den wenigen, die trotz Impfung in Behandlung seien, läge die Immunisierung länger zurück. Die Hoffnung ist nun, dass sich der eine oder die andere noch impfen lässt, wenn wieder schärfere Auflagen gelten. Und dass etwa Ältere sich ein drittes Mal impfen lassen.

Schwere Fälle landen verzögert auf der Intensivstation

Tatsächlich zeigt eine Überblickskarte für einige Landkreise durchaus noch freie Intensivbetten an. Im landesweiten Schnitt beträgt der Anteil der wegen Covid-19 belegten Betten an der Gesamtzahl der grundsätzlich betreibbaren Intensivbetten 10,6 Prozent, knapp zwölf Prozent sind aktuell noch frei. Ob jemand intensivmedizinisch behandelt werden muss, stellt sich in der Regel allerdings erst zwei bis drei Wochen nach der Infektion mit dem Coronavirus heraus. „Dieser Zeitraum muss daher einkalkuliert werden, bis sich die getroffenen Maßnahmen auf die Intensivbelegung auswirken“, sagt ein Sprecher des Ministeriums. Der Warnwert ist also so gesetzt, dass etwas Abstand zur maximal leistbaren Auslastung der Intensivbehandlungskapazitäten bleibt.

Bei dem Warnwert spielt aber noch etwas anderes eine Rolle: „Aufgrund von Personalmangel“ seien derzeit landesweit deutlich weniger Intensivbetten betreibbar als in den beiden vorausgegangenen Coronawellen, sagt der Sprecher des Gesundheitsministeriums. Wegen der Delta-Variante komme es außerdem zu längeren Intensivaufenthalten und damit zu einer höheren Belastung der Intensivstationen. „Auch die Patientinnen und Patienten sind im Schnitt jünger, die Liegezeiten dadurch länger“, erklärt der Sprecher. Je mehr Patientinnen und Patienten mit Covid-19 aber auf den Stationen zu versorgen seien, desto stärker müssten etwa Krebsoperationen verschoben werden. Hier soll also früh gegengesteuert werden.

Ermüdung, Personalausfälle und die Sorge vor dem, was kommt

Anfragen bei den großen Kliniken im Land bestätigen das Bild: „Die Ermüdung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Corona-Intensivstation ist trotz aller Entlastungsmaßnahmen groß und der Krankenstand aktuell deutlich höher als normal“, sagt Simone Britsch, Leiterin der Internistischen Intensivmedizin am Universitätsklinikum Mannheim.

Auch vom Uniklinikum Ulm heißt es, „die Belastungen der vergangenen Monate haben teilweise zu Personalausfällen und Arbeitszeitreduzierungen geführt“. Am Uniklinikum Freiburg und Uniklinikum Tübingen befürchtet man einen Anstieg an Patienten, auch auf den Intensivstationen: „Wir hoffen, dass wir nicht wieder in eine Situation geraten, in der wir planbare Eingriffe verschieben müssen“, heißt es aus Freiburg.

Zahlen könnten einem Modell zufolge erst einmal weiter steigen

Am Klinikum Stuttgart sei die Lage noch kontrolliert, man baue aber weiter Personal auf, sagt Jan Steffen Jürgensen, medizinischer Vorstand am Klinikum Stuttgart. Zur aufwendigen Versorgung der Corona-Patienten komme derzeit eine zunehmende Belastung im Kinderbereich durch schwerere Verläufe des Atemweginfekts RSV hinzu. „Sorge bereitet auch die Ungewissheit, ob neben Corona und RSV in den kommenden Wochen auch noch eine Grippewelle das Gesundheitswesen herausfordern wird“, so Jürgensen.

Die Prognosen jedenfalls weisen auf einen weiteren Anstieg hin. Nach einem Modell des Instituts für Infektionsprävention und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Freiburg könnte die Zahl der wegen Covid-19 belegten Intensivbetten schon in der kommenden Woche 300 erreichen und dann weiter ansteigen. Im schlimmsten Fall, so zeigen die Berechnungen, könnten es zum Ende der ersten Novemberwoche bereits 350 Fälle sein.

Ändern könnte sich der Trend, wenn striktere Beschränkungen mit Ausrufung der Warnstufe wie von der Landesregierung erhofft tatsächlich Verhaltensänderungen der Menschen nach sich ziehen – und das Infektionsgeschehen wieder abnimmt.

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