Die Ermordung des Präsidentschaftskandidaten Fernando Villavicencio wirft ein Schlaglicht auf die Macht der organisierten Kriminalität in Lateinamerika. Die Lage gerät außer Kontrolle.
Die Bilder gingen um die Welt: Präsidentschaftskandidat Fernando Villavicencio geht nach einer Wahlkampfveranstaltung umringt von Personenschützern zum Fahrzeug, das ihn wegbringen soll. Als er einsteigt und sich die Tür schließt, fallen Dutzende Schüsse, er wird am Kopf getroffen. „Sie erschießen ihn“, ruft ein Passant entsetzt, der das Attentat zufällig aus der Ferne mit dem Handy filmt. Die Helfer versuchen, den Journalisten und Politiker in ein Krankenhaus zu bringen. Doch dort können die Ärzte nichts mehr für ihn tun. „Wir haben soeben die Bestätigung erhalten, dass er gestorben ist. Es ist ein unbeschreiblicher Schmerz für die Familie“, sagt sein Onkel Galo Valencia. Villavicencio hinterlässt eine Frau und drei Kinder.
Ecuador – einst eines der sichersten Länder Südamerikas
Der Mordanschlag vom 9. August wirft ein Schlaglicht auf die Situation in Ecuador, einst eines der sichersten Länder in Südamerika. Inzwischen haben Kartelle das von Kolumbien und Peru umgrenzte Andenland im Würgegriff. Aufgrund seiner strategisch günstigen Lage zwischen großen Drogenanbaugebieten und dem Pazifikhafen Guayaquil ist es für die Banden hochattraktiv.
Am Sonntag wird in Ecuador gewählt. Der konservative Amtsinhaber Guillermo Lasso – er ist seit Mai 2021 Präsident Ecuadors – warf frühzeitig hin. Er löste das Parlament auf und stellte sein Amt zur Verfügung. Unter seiner Präsidentschaft war die Lage im Land immer schlimmer geworden. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Mordrate fast verdreifacht und ist heute höher als in Brasilien oder Mexiko. Auch in den überfüllten Gefängnissen Ecuadors eskaliert die Gewalt zwischen rivalisierenden Drogenbanden. Hunderte Häftlinge starben, weil sich die Banden, die den Drogenhandel auch aus dem Gefängnis heraus organisieren, Kämpfe um die Vorherrschaft liefern.
Das Attentat ist kein Einzelfall
Das Attentat auf Villavicencio ist kein Einzelfall. Eine Woche zuvor war der Bürgermeister der Hafenstadt Manta, Agustín Aníbal Intriago, von Unbekannten angegriffen und erschossen worden. Seine Schwester Ana Intriago richtete via X (früher Twitter) einen verzweifelten Appell an die Behörden: „Bitte, diese Tat darf nicht ungeahndet bleiben. Die Bösen dürfen nicht gewinnen.“ In dieser Woche wurde der regionale Parteiführer Pedro Briones, der der linksgerichteten Revolución Ciudadana angehörte, in der Provinz Esmeraldas erschossen.
Wer die Auftraggeber hinter diesen Attentaten sind, ist unklar, doch vieles deutet darauf hin, dass die organisierte Kriminalität Störenfriede oder Komplizen von Rivalen aus dem Weg räumen will. Der ermordete Präsidentschaftskandidat Villavicencio von der Mitte-rechts-Bewegung Construye hatte als Journalist unter anderem über die Korruption in der Amtszeit des linkspopulistischen Präsidenten Rafael Correa (2007 bis 2017) berichtet, der inzwischen in Belgien lebt. Doch auch Correa-Anhänger wie der Parteifunktionär Pedro Briones sind ermordet worden.
Gewalt gegen Journalisten und Aktivisten
Die Gewalt richtet sich inzwischen auch zunehmend gegen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten. Villavicencio hatte die herrschenden Eliten für die zunehmende Gewalt in Ecuador verantwortlich gemacht: „Heute wird Ecuador von Jalisco Nueva Generación, dem Sinaloa-Kartell und auch von der albanischen Mafia beherrscht. Mit anderen Worten, es ist für Lateinamerika wie für Kolumbien und Mexiko klar, dass es für den Drogenhandel nicht möglich ist, sich in einer Gesellschaft zu etablieren und sie zu unterjochen, ohne das Einverständnis und die Duldung der politischen Macht.“
Durch den Mord werden die Karten für die Präsidentschaftswahlen in Ecuador noch einmal ganz neu gemischt. Den Platz von Villavicencio auf dem Wahlzettel soll nun Christian Zurita einnehmen. Er ist ebenfalls Investigativjournalist und war eng mit dem Attentatsopfer befreundet.
Die Gewalt der organisierten Kriminalität hat längst den ganzen Kontinent erfasst. So wurde in Haiti Präsident Jovenel Moise vor zwei Jahren mutmaßlich von kolumbianischen Auftragsmördern in seinem Haus erschossen. Paraguays Staatsanwalt Marcelo Pecci wurde im Mai 2022 während der Flitterwochen in Kolumbien ermordet. Pecci hatte gegen paraguayische und internationale Drogenkartelle ermittelt.
Ein Geistlicher schlägt Alarm
Ein anderer Fall in Mexiko löste weltweit Entsetzen aus: Die Jesuiten Joaquín César Mora Salazar und Javier Campos Morales hatten einem Touristenführer in ihrer Kirche Schutz gewährt, der auf der Flucht vor einem Auftragsmörder war. José Noriel Portillo Gil alias El Chueco brachte dann gleich alle drei Männer um. Obwohl die Tat Schlagzeilen machte, tauchte der per Haftbefehl gesuchte El Chueco anschließend noch auf Partys auf. Das offenbarte auch die Komplizenschaft der Kartelle mit der Polizei. Schließlich tötete die Mafia El Chueco, er war zur Belastung geworden.
Der mexikanische Bischof und mehrfach ausgezeichnete Menschenrechtsaktivist Raúl Vera López schlug im Gespräch mit unserer Zeitung Alarm: Das organisierte Verbrechen wachse weiter, ohne dass der Staat eine ernsthafte Strategie dagegen haben. „Man glaubt, dass man durch die Einbindung der Armee die organisierte Kriminalität stoppen kann, aber das ist ein Irrtum.“ Die Armee sei nicht für die zivile Sicherheit ausgebildet, sondern für die Verteidigung des Landes gegen Feinde von außen, sagt Vera López. „Die mexikanische Regierung muss begreifen, dass sie eine Spezialeinheit der Polizei aufstellen muss, die mit konkreten Ermittlungen dem organisierten Verbrechen wirklich entgegentreten kann.“