Eine Handynachricht auf Instagram oder Telegram, und schon in kürzester Zeit ist der Drogenlieferant vor Ort. Ist es tatsächlich so einfach? Ein Selbstversuch in Stuttgart.
Das Adrenalin schießt durch meine Adern und lässt mein Herz schneller pumpen. Ob das alles eine gute Idee war? In meiner Vorstellung reißt mir gleich ein großer, breiter Mann meinen Rucksack aus der Hand, bedroht mich mit einem Messer und schreit: „Gib mir sofort dein Geld.“ Es wird langsam dunkel, die schlecht beleuchtete Straße erinnert mich an Filmszenen, in denen ja eigentlich immer etwas Schlimmes passiert. Ich wippe mit den Füßen hin und her, gegen die Aufregung. Funktioniert aber nicht.
19.01 Uhr: 30 Minuten ist es her, dass ich die Nachricht verschickt habe, insgeheim hoffend, dass niemand antwortet: „90 Euro, 1 Gramm“, an der und der Straßenecke. Doch die Antwort kommt sofort: „Okay, bis gleich.“
Der Drogenhandel floriert. Immer mehr Menschen koksen. Daten der Bevölkerungsstudie ESA zeigen, dass sich der Kokainkonsum in Deutschland von 1995 bis 2021 verdoppelt hat. Und immer mehr Menschen sterben durch den Konsum von Rauschgift. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt fast 2000 Menschen. Der höchste Wert seit 20 Jahren. Laut den Zahlen des Bundes liegt Baden-Württemberg nach Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen auf Platz vier der Bundesländer mit den meisten Drogentoten.
Dealer nutzen Plattformen wie Telegram
In den vergangenen fünf Jahren verzeichnete das Landeskriminalamt in Baden-Württemberg einen Anstieg der Handels- und Beschaffungsdelikte im Zusammenhang mit Kokain. Stuttgart war 2022 die deutsche Großstadt mit der höchsten Zahl von Drogendelikten pro Kopf. Ein Grund dafür könnten neue Vertriebswege sein. Dealer nutzen inzwischen das Darknet oder Plattformen wie Telegram und Instagram, um Konsumenten zu gewinnen. Eine Nachricht, ein Anruf und die Drogen werden innerhalb einer Stunde geliefert. Die Bestelldienste werden auch „Drogentaxis“ genannt.
Ich habe mich gefragt, wie das System dahinter funktioniert, wie schwer es in Stuttgart ist, an ein solches Netzwerk heranzukommen und was die Polizei dagegen unternimmt. Um das herauszufinden, habe ich einen Selbstversuch gewagt und mich auf die Suche gemacht.
Ein Freund sagt mir, ich solle mal beim Messengerdienst Telegram anfangen. Einschlägiges Zeug suchen, wie „Drogen Stuttgart“ oder „Taxi Stuttgart“. Das tue ich. Und werde fündig: Auf meinem Bildschirm tauchen etliche Gruppen auf, manche mit mehr als 5000 Mitgliedern. Wie auf einem Basar werden dort die Tagesmenüs vorgestellt. Dealer werben dort um die digitalen Kunden.
Fotos von weißen Brocken
Die Texte sind mit bunten Pillen oder Schneeflocken-Emojis verziert, die mich ein wenig an Abende auf dem Hamburger Dom erinnern: Alles blinkt, glitzert und schreit nach Angeboten. Es gibt dort Fotos von weißen Brocken – Kokain soll das sein – und großen Mengen an Cannabis in Tüten, in denen man einen Wocheneinkauf transportieren könnte. Auf dem Menü stehen neben den üblichen Partydrogen zudem Heroin, Crystal Meth, Wachstumshormone und Falschgeld.
Ein User mit einem Weihnachtsmann als Profilbild nennt sich „Santa Coke“ und schreibt „Hohoho, *Schneeflocken Emoji*, nur Premium Kokain, 24/7“. Der User „Scar Face“ bietet Testpakete und Labortests seiner Ware an. Andere werben mit „Erstkundenbonus“ und „Blitzangebote“, denn: „Der Kunde ist König.“
In einem Secret Chat, also einem verschlüsselten Privatchat, kann man die Händler anschreiben. Treffpunkt, Menge und Preis verhandeln. Manche bieten an, vorab Videos oder Fotos der Ware zu schicken.
Treffpunkt: Stuttgart Innenstadt
Ich stehe an einem Montagabend in der Stuttgarter Innenstadt und scrolle mich durch die Liste der Anzeigen. Und werde langsam nervös. Allein schon, weil mir ein Passant auf mein Handy glotzen könnte. Ich schreibe eine der Nummern an:
18.27 Uhr: „Hey, seid ihr heute unterwegs?“ 18.29 Uhr: „Ja, ich kann jetzt kommen“
Ich nenne ihm einen Treffpunkt in der Stuttgarter Innenstadt, ein Gramm Kokain, 90 Euro. Mein Plan ist es, den Kauf vor Ort abzubrechen, schließlich möchte ich mich nicht strafbar machen. „Geld vergessen“ – und dann abhauen. Aber ich möchte sehen, ob ein Kauf zustande kommen würde. Richtig wohl fühle ich mich dabei aber nicht.
18.37 Uhr: „Okay, bin in 15 Minuten da“ 18.41 Uhr: „Bin 5 Minuten da“ 18.41 Uhr: „Wie erkenn ich dich?“18.41 Uhr: „Stehe hier mit einer Cappie“ 18.43 Uhr: „Komme auf dich zu“
Wie ist die Lage in Stuttgart? „Die Nachfrage nach Beratungsplätzen aufgrund von Kokain sind kontinuierlich hoch“, sagt mir Dennis Jahnke am Telefon. Er arbeitet bei der Drogenberatungsstelle Release Stuttgart. Die große Gefahr bei der Droge sei ihr großes Abhängigkeitspotenzial, sagt er. Sie wirke euphorisierend und leistungssteigernd. Häufig nutzten Menschen die Droge, um bei der Arbeit zu funktionieren. Außerdem sei sie ein Statussymbol in gehobenen Kreisen.
Viele Nebenwirkungen und Risiken
Die Toleranzschwelle steige bei häufigem Konsum schnell, deswegen bräuchten Konsumenten immer mehr Stoff, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Da Kokain sehr teuer ist, kann das schnell zur Beschaffungskriminalität führen. Außerdem birgt die Droge ein hohes Gesundheitsrisiko. Neben Organschäden kann Kokain das Risiko für Psychosen, Depressionen und Angststörungen erhöhen, sagt Dennis Jahnke. Von Liefersystem wie Kokaintaxis hat man auch bei der Beratungsstelle Release Stuttgart schon gehört.
Aber gibt es nicht ein großes Risiko, erwischt zu werden? Wie beliebt sind solche Taxis und warum? Diese Fragen möchte ich einem Konsumenten stellen. Auf meinem Instagram-Kanal veröffentliche ich dafür einen Aufruf: „Für eine Recherche suche ich Personen, die in Stuttgart schon mal ein Drogentaxi bestellt haben. Natürlich alles streng vertraulich.“ Niemand meldet sich.
Zehn Tage später versuche ich es noch mal. Daraufhin meldet sich Anna (Name von der Redaktion geändert) bei mir. Sie möchte anonym bleiben. Solche „Kokaintaxis“ gebe es, sagt sie, in ganz Deutschland. Anna hat bestimmt schon 40-mal so eine Nummer angerufen oder angeschrieben. Das habe in verschiedenen deutschen Städten super funktioniert. In Köln lief es besonders gut. Sie rief eine Nummer an, fragte, ob die Person Zeit habe und musste eine SMS mit ihrem Standort hinterherschicken. Dann habe es zehn Minuten gedauert, bis jemand gekommen sei. Sich eine Pizza liefern zu lassen dauert normalerweise dreimal so lange.
Es wird immer einfacher, an Drogen zu kommen
„Die haben den Drogenverkauf perfektioniert“, sagt Anna. Immer die gleiche Menge, die gleiche Qualität, die gleiche Verpackung. Irgendwann sei es auch der gleiche Verkäufer gewesen, mit dem man sich wohlgefühlt habe. „Customer Experience wird da großgeschrieben“, sagt sie grinsend.
Dass es so einfach ist, Drogen zu kaufen, habe ihren Konsum deutlich erhöht, sagt Anna. Früher wäre das mit viel Stress verbunden gewesen, und man hätte zu einem Dealer fahren müssen. Aber gerade auf Partys komme die Lust auf Kokain häufig erst nach drei Bier, da sei ein Bestelldienst perfekt.
Angst, erwischt zu werden, habe sie kaum. „Das sind Profis, die wissen, was sie tun.“ Bei einem Treffen mit dem Kurier habe ein Polizist zwei Meter von ihnen entfernt gestanden. Der Dealer habe dann gesagt: „Alles entspannt, wir gehen einfach noch ein paar Meter zusammen“, und habe ihr das Kokain dann beiläufig in die Hand gedrückt.
18.46 Uhr: „Bro doch 3 Min noch“ 18.50 Uhr: „Doch noch 6 Minuten, gerade Stau hier, Sorry Bro“ 18.59 Uhr: „Bis gleich, sorry nochmal“
19.03 Uhr. Bei jedem Auto, dass vorbeirauscht, versuche ich aus der Ferne den Fahrer zu erspähen. Könnte das ein Dealer sein? Ich habe mir extra eine Retro-Trainingsjacke und eine ausgewaschene Polo Ralph Lauren Cap angezogen, um mehr nach „Straße“ auszusehen. Jetzt komme ich mir damit ziemlich lächerlich vor.
Begrüßung per Handschlag, dann wird es ernst
19.05 Uhr. Ein schwarzer Toyota, irgendwas Familienfreundliches, donnert links von mir die Straße hoch. Kurz darauf kommt der Dealer auf mich zu. Ich weiß sofort, dass er es ist. Er läuft hektisch, irgendwie unkoordiniert, schlackernd und kaut mit dem Unterkiefer, als hätte er einen Kaugummi im Mund. Er begrüßt mich mit Handschlag und entschuldigt sich zweimal für seine Verspätung. Dann zieht er ein kleines verschweißtes Plastiktütchen aus der Tasche, darin sind kleine weiße Steine. Jetzt wird es ernst.
Ich fange an, in meiner Tasche zu kramen, so wie früher in der Schule, wenn ich meine Hausaufgaben vergessen hatte: Man weiß, dass man sie nicht findet und sucht deshalb umso intensiver danach. Bis ich mit dem größtmöglichen Seufzer meinen einstudierten Satz herausmurmle:
„Shit, ich habe das Geld vercheckt. Ich hol’s schnell und melde mich noch mal.“
Sein Blick geht durch mich hindurch. Als wäre diese Information weder gut noch schlecht. Er zuckt die Schultern, sagt irgendetwas von „nicht viel Zeit“, nickt dann aber, und ich verschwinde.
Wie schätzt die Polizei die Lage ein?
Ich peile den Hauptbahnhof an, und schon nach wenigen Schritten wird mir klar, wo sich das alles gerade abgespielt hat: 120 Meter Luftlinie vom Stuttgarter Polizeirevier 1 entfernt.
Einige Tage zuvor hatte ich eine Anfrage an das Stuttgarter Polizeipräsidium gestellt, weil ich mit einem Experten über das Thema „Drogentaxis“ sprechen wollte. Darüber, wie die Polizei das System einschätzt und was sie dagegen unternimmt. Es vergehen allerdings einige Tage, und ich muss mehrmals nachfragen. Am Tag nach meinem Selbstversuch in der Innenstadt bekomme ich dann eine Antwort: „Vielen Dank für Ihre Anfrage. Leider können wir Ihnen in Bezug auf ,Drogen-Liefertaxis‘ keine Auskünfte geben, da wir in Stuttgart noch keinen entsprechenden Fall gehabt haben.“
Wenn man die Polizei in Berlin fragt, sieht das anders aus. Dort haben sich die Delikte mit den Liefertaxis seit 2020 mehr als vervierfacht, schreibt das Polizeipräsidium. Aufgrund der Flexibilität und der hohen Anpassungsfähigkeit der Lieferanten seien Ermittlungen in diesem Bereich deutlich erschwert. Auch in Hamburg stellt die Polizei vor allem seit der Coronapandemie einen Anstieg von Drogen-Liefertaxis fest. Die Polizei verfolge diese Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit und leite Maßnahmen ein, um dagegen vorzugehen, schreibt die Hamburger Pressestelle. Anders als bei Cannabis ist bei Kokain übrigens allein schon der Besitz strafbar.
Drei Tage später ploppen auf meinem Handy immer noch stündlich neue Push-Benachrichtigungen aus den Telegram-Gruppen auf: „TOP ANGEBOTE SCHLAGT ZU SOLANGE DER VORRAT REICHT! 5 *Schneeflocken Emoji* + 0,5 UMSONST!!! ABSOLUT SICHER.“