Insbesondere Alkohol wird in Deutschland immer noch viel zu viel getrunken, heißt es seitens der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). Foto: dpa

Die Problemdrogen in Deutschland sind nach wie vor Tabak und Alkohol. Warum es vielen so schwer fällt, das Risiko dieser Suchtmittel und auch das von Cannabis vernünftig einzuschätzen, versuchen Experten zu erklären.

Berlin - „Ein Feierabendbierchen am Tag schadet nicht“ oder „Rotwein tut dem Herz gut“ – Sätze wie diese gehören wissenschaftlich gesehen zu den Mythen, werden aber offenbar von den Deutschen zu gern geglaubt. Obwohl der Kauf und Genuss von Bier, Wein und weiteren Spirituosen insgesamt rückläufig ist, zählt Deutschland mit einem geschätzten Pro-Kopf-Konsum von 12,14 Litern Reinalkohol im Vergleich zum weltweiten Durchschnitt von 6,04 Litern pro Erwachsenem und Jahr zu den Hochkonsumländern.

So belegt es ein weiteres Mal der aktuelle Drogen- und Suchtbericht 2017, den Marlene Mortler an diesem Freitag veröffentlichte. Es ist Mortlers Bilanz über die Drogenpolitik in dieser Legislaturperiode. Und dabei zeigt sich: Es scheint für Mortler schwierig zu sein, auf die Gefahren des Trinkens hinzuweisen – in einer Nation, die Wein und Bier als Kulturgüter ansieht, von denen auch die Wirtschaft profitiert. Denn 7,8 Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Menge, sagte Mortler.

Vor allem Männer und Frauen mittleren Alters trinken zu viel

Die jugendlichen Rauschtrinker sind dabei weniger das Problem: Zwar trinkt dem Bericht zufolge jeder zehnte Jugendliche (10,9 Prozent) und jeder dritte junge Erwachsene (33,7 Prozent) mindestens einmal die Woche Alkohol. Und etwas mehr als 14 Prozent der 12- bis 17-Jährigen haben in den vergangenen 30 Tagen einen Rausch gehabt. Es sind aber vor allem die 55- bis 64-jährigen Männer, die mehr zu Bier, Wein und Schnaps greifen, als es ihrer Gesundheit guttut. Das bedeutet: Sie trinken täglich mehr als 20 Gramm Reinalkohol pro Tag, was in etwa einem Viertele Wein entspricht. Auch bei den Frauen ist diese Risikogruppe eher in den mittleren Lebensjahren zu finden – im Alter zwischen 45 und 54 Jahren.

Alkoholmissbrauch ist kein Merkmal von Armut oder mangelnder Bildung

Dabei ist die Alkoholsucht oder der Missbrauch von Spirituosen kein Merkmal unterer sozialen Schichten. Das bestätigt auch Sonja Martin, Oberärztin in der Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten des Klinikums Stuttgart: „Wir haben Patienten aus allen beruflichen Stellungen.“ Meist fängt es damit an, dass aus dem Glas Rotwein, anfangs noch als Genuss gedacht, nach und nach Mittel zum Zweck wird, etwa um sich abends zu entspannen. „Der Vorteil von Alkohol ist ja, dass er schnell beruhigend wirkt“, sagt Martin. Hinzu kommt der Gewöhnungseffekt: Hat ein Glas erst einmal ausgereicht, wird bald nachgeschenkt. So entwickele sich über Jahre hinweg schleichend eine Sucht, die man sich selbst nur schwer eingestehen kann. „Oft dauert es sieben bis zehn Jahre, bis die Patienten erkennen, dass sie ein Problem haben.“

Der Alkoholmissbrauch gerade bei den Erwachsenen mittleren Alters belastet stark die Rentenversicherung. In den beiden vergangenen Jahren seien allein 12 583 Frührenten wegen psychischer Probleme „und Verhaltensstörungen durch Alkohol“ bewilligt worden, berichtete die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf Zahlen der Rentenversicherung.

Drogenbeauftragte kündigt Alkohol-Atlas an

Um die Gesundheitskosten zu senken, setzt Mortler auf ein ähnliches Konzept wie beim Thema Nikotinsucht: Die CSU-Politikerin kündigte für diese Wahlperiode einen sogenannten Alkohol-Atlas an, der nach dem Vorbild des Tabak-Atlas Daten, Trends und gesetzgeberische Empfehlungen liefern soll. Damit werde sie sich „nicht viele Freunde und Freude machen“, sagte Mortler.

Immerhin, beim Rauchen hat es funktioniert: Insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene rauchen deutlich weniger. Nach den aktuellen Ergebnissen der Drogenaffinitätsstudie für das Jahr 2015 greifen insgesamt 9,6 Prozent der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen regelmäßig zur Zigarette, bei den jungen Erwachsenen ist es ein Drittel. Überraschend sind auch die Ergebnisse bei den Senioren: In der Gruppe der über 65-Jährigen ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. Dennoch: Schätzungen zufolge sterben in Deutschland jährlich 120 000 Menschen an den Folgen des Tabakrauchens.

Cannabiskonsum bringt auf Dauer Aufmerksamkeitsdefizite und Konzentrationsstörungen

Als weitere Herausforderung nannte Mortler den wieder gestiegen Cannabiskonsum. Laut Bericht konsumierten 2015 knapp neun Prozent der Männer und gut fünf Prozent der Frauen Cannabis – ein Anstieg um zwei beziehungsweise drei Prozent. Diese Entwicklung bereitet auch Suchtexperte Wolfgang Indlekofer Sorgen. Denn der therapeutische Leiter der Rehaklinik Freiolsheim im Nordschwarzwald weiß um die körperlichen und seelischen Schäden von Langzeitkiffern: „Zwar wird man von Cannabis nicht so schnell abhängig.“ Doch wer lange Zeit regelmäßig die Droge konsumiert, kann Aufmerksamkeitsdefizite und Konzentrationsstörungen nicht verhindern.

Hinzu kommt, dass mit der steigenden Zahl der jugendlichen Kiffer auch die Zahl derer wächst, die in einigen Jahren wegen eines massiven Drogenproblems in Suchtkliniken landen. „Die Erfahrung zeigt, dass es bei vielen, die Cannabis rauchen, auf Dauer nicht beim Kiffen bleibt.“ Es wird dann weiter experimentiert – mit Alkohol, dann mit Amphetaminen, Speed, Koks und Crystal Meth. Indlekofer ist sich sicher, dass aufgrund dieser gefährlichen Mixturen der Anteil der jugendlichen Patienten in Suchtkliniken steigen wird. Dabei seien insbesondere Jungen und Mädchen aus schwierigen sozialen Milieus gefährdet. „Sie haben beispielsweise Eltern, die selbst ein Suchtproblem haben“, so Indlekofer.

Hilfe für die Kinder von Suchtkranken angekündigt

Ein Problem, das auch Marlene Mortler angehen möchte: Als Herausforderung für die kommende Wahlperiode nannte sie die Verbesserung der Situation von Kindern suchtkranker Eltern. Es könne nicht sein, dass von den drei Millionen betroffenen Kindern nur die wenigsten Unterstützung erhalten.

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