Die Latte liegt hoch: Es ist nicht selbstverständlich, dass das Starterfeld des Reitturniers mit prominenten Namen glänzt. Foto: Baumann

John Whitaker, Kevin Staut und Eric Lamaze kommen nicht nach Stuttgart – drei Hochkaräter der Reiterszene fehlen, doch deshalb verfällt Turnierdirektor Carsten Rotermund nicht in Panik. Aus guten Gründen.

Stuttgart - Vor ein paar Tagen hat John Whitaker seinen Start am Neckar abgesagt,was die älteren Fans bedauern werden; der mittlerweile 63-Jährige ist so etwas wie das Markenzeichen des German Masters – schon bei der Premiere 1985 ritt der Brite im Parcours durch die Schleyerhalle. Dieses Jahr sattelt lediglich sein Bruder Michael (58) aus der wohl berühmtesten Reiterfamilie der Welt in Stuttgart. Kurz vor Beginn des Hallenturniers erreichte die Turnierleitung die zweite Hiobsbotschaft – Kevin Staut, Team-Olympiasieger mit der französischen Spring-Equipe in Rio 2016, spart sich ebenfalls den Trip auf den Cannstatter Wasen. Zwei Stars weniger in Stuttgart.

Überraschende Absagen kommen vor

Carsten Rotermund, einer der drei Turnierdirektoren, verfiel ob dieser Botschaften nicht in Schnappatmung, er ist lange im ­Geschäft und weiß mit überraschenden ­Absagen umzugehen. „Das Turnier besitzt ein hohes Niveau, so dass man entsprechend gute Pferde dabeihaben muss“, sagt Rotermund, „wenn ein Tier nicht zu 100 Prozent fit sind, sagen die Reiter besser ab.“ Im gedrängten internationalen Turniergeschehen müssen clevere Reit-Unternehmer gelegentlich taktieren, sie sitzen hier bei einer topdotierten Veranstaltung auf ihren Toppferden, um an die fetten Prämien zu gelangen – und eine Woche später präsentieren sie sich woanders mit Nachwuchspferden.

Wie Ludger Beerbaum, der Chiara (15) und Casello (15) bei der lukrativen Global Champions Tour in Doha vergangenes Wochenende unterm Sattel hatte und der in Stuttgart mit Cool down (9) und Cool feeling (10) antritt. Im Weltcup ist der 55-Jährige nicht startberechtigt, weil er in dieser Saison zu wenige Punkte gesammelt hat.

Starterfeld nur begrenzt beeinflussbar

Das Stuttgarter Chef-Triumvirat aus Rotermund, Andreas Krieg und Kai Huttrop-Hage hat ohnehin nur begrenzte Möglichkeiten, das Starterfeld aktiv zu beeinflussen. Die Nummer eins bis zehn der Weltrangliste haben ein Sonderrecht, für jedes Turnier melden zu können, bei dem sie teilnehmen wollen – vier der Top Ten sind in Stuttgart. Steve Guerdat (2/Schweiz), Henrik von Eckermann (3/Schweden), Marcus Ehning (4/Borken) und Peder Fredricson (6/Schweden). „Das unterstreicht die Wertigkeit des Turniers“, sagt Rotermund, der am Mittwoch auch noch die extrem kurzfristige Absage von Eric Lamaze (10/Kanada) verdauen musste.

Zudem existiert ein Schlüssel, wonach die internationalen Landesverbände eine feste Anzahl von Startplätzen bei Weltcup-Prüfungen erhalten. Nachdem John Whitaker für Stuttgart abgesagt hatte, nominierte der britische Verband als Nachrücker Robert Smith. Der Verzicht von Staut brachte Penelope Leprevost ins Spiel, die für den Europameister von 2009 auf den Wasen entsandt wurde. Hätten die Franzosen niemand als Nachrücker bestimmt, wäre der Platz an den gastgebenden Verband, die deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), gefallen. Dann hätte Springreit-Bundestrainer Otto Becker eine zusätzliche Einladung aussprechen dürfen. „Wir können bei diesen Nominierungen Wünsche äußern“, sagt Rotermund, der in der deutschen Reiterhauptstadt Warendorf zwischen Bielefeld und Münster ausgewachsen ist, „aber es bleiben eben Wünsche.“

FEI besitzt Recht, Wildcards auszugeben

Nicht zuletzt besitzt der Internationale Reitverband (FEI) das Recht, Wildcards auszugeben – dabei werden in aller Regel Sportler bedacht, die aus Nationen stammen, in denen der Pferdesport so bedeutsam ist wie in Deutschland etwa Lacrosse. Reit-Exoten könnte man diese Spezies nennen. Die Tickets für die Schleyerhalle erhielten die Finnin Juulia Jyläs und der Neuseeländer Daniel Meech. Bleiben nach diesem Zuteilungsprozedere noch Startplätze frei, dann kommt erst der Veranstalter zum Zug. Im Weltcup treten maximal 40 Paare an, bei den übrigen Prüfungen liegt die Obergrenze bei 50. „Wir können meist zwischen vier und sieben Startplätze frei vergeben“, sagt der 42 Jahre alte Rotermund, der bei Turnieren auf dem Mannheimer Maimarkt, in Verden und Balve Erfahrungen gesammelt hat. Ein wenig Auswahl hat er in Stuttgart. Immerhin.