Bei den Dreharbeiten zu „Sankt Maria“ Foto: Promo

Wie geht es eigentlich in der Ausbildung der Katholischen Kirche zu? Gerd Schneider war selbst Kandidat für das Priesteramt, jetzt erzählt er „mit dem Blick von innen heraus“ von den Befindlichkeiten jüngerer Priester. Gedreht wird auch in Stuttgart.

Wie geht es eigentlich in der Ausbildung der Katholischen Kirche zu? Gerd Schneider war selbst Kandidat für das Priesteramt, jetzt erzählt er „mit dem Blick von innen heraus“ von den Befindlichkeiten jüngerer Priester. Gedreht wird auch in Stuttgart.

Stuttgart - Drehort St. Maria, Tübinger Straße. Nebelschwaden im Kirchenschiff, Weihrauchduft, die farbigen Fenster von der Sonne zum Strahlen gebracht. Fünf Männer stehen vor dem Bischof, die Hände vor der Brust gefaltet. Priesteramtskandidaten sind sie, und das ist der Tag, an dem sie vom Bischof ­geweiht und das Gelübde der Ehelosigkeit ablegen werden.

In den ersten Bankreihen sitzt Kirchenvolk, fein gemacht aus gegebenem Anlass. „Wir sind fertig, die Ruhe kehrt ein“, schallt es von der Seite Richtung Altar. Eine junge Dame hält die Klappe bereit, doch die Glocken beginnen zu läuten. Also warten. Zweiter Versuch. Von keiner echten Priesterweihe ist hier zu berichten – ein Film wird gedreht in St. Maria in der Tübinger Straße in Stuttgart. Und jetzt geht es um die Szene der Priesterweihe.

„Die Verantwortlichen“ heißt der Arbeitstitel eines Spielfilmes, der im kommenden Jahr in den Kinos zu sehen sein wird. Die Geschichte erzählt vom sexuellen Missbrauch eines Minderjährigen durch seinen Gemeindepfarrer. Ein heikles Thema. Angelegt ist der Film als Versuch einer Antwort auf die Krise, in die im Sommer 2010 die Katholische Kirche in Deutschland durch die Aufdeckung ungezählter Missbrauchsfälle in katholisch geführten Einrichtungen geriet. „Seitdem bewegt eine Frage die ­Gesellschaft – wie ausgerechnet die Kirche diese Verbrechen verschwiegen hat und wer es war, der schwieg“, sagt Regisseur Gerd Schneider, der auch das Drehbuch geschrieben hat.

Spirale aus Zweifel, Hoffnung, schwindendes Vertrauen

In seiner Geschichte erzählt der Katholik von drei jüngeren Priestern, die sich beim Studium kennenlernten und vom Gedanken beseelt sind, in ihrer Kirche etwas bewegen zu können. Jakob ist Gefangenenseelsorger, Oliver nimmt seinen Weg in der Administration der Kirche, Dominik wirkt in einer ­Gemeinde. Dann gerät Dominik in den Verdacht des sexuellen Missbrauchs an einem Elfjährigen und wird inhaftiert. Die Spirale aus Zweifel, Hoffnung, schwindendem ­Vertrauen und Vertuschen dreht sich immer enger.

„Mit dem Blick von innen heraus“ erzählt Gerd Schneider diese Geschichte – der 40-Jährige war selbst Priesteramtskandidat. Sein Credo: „Die Leute können doch nicht den Glauben verlieren, nur weil einer seine Finger nicht bei sich behalten kann.“ Das Zölibat sei kein Grund für den Missbrauch, begünstige ihn aber.

Der Blick zurück in die Geschichte der Katholischen Kirche offenbart, dass in der Renaissance sich sogar Päpste nicht an den Codex Luris Canonici, der zur immerwährenden Enthaltsamkeit verpflichtet, hielten. Sie lebten im Konkubinat. Die Biologie war stärker als „die Gabe Gottes“, die doch das Zölibat aus Sicht der Katholischen Kirche sein soll. „Die Gabe Gottes“ wird offenbar auch heute von homoerotisch orientierten Priestern wenig wertgeschätzt. „Viele kommen aus frommen Familien, und wenn sie dann merken, sie sind homosexuell, haben sie schnell ein schlechtes Gewissen“, sagt Schneider.

Fatal sei das, denn man könne nicht im Zölibat leben, wenn man sich nicht vorher mit seiner Sexualität auseinandergesetzt habe. Trotzdem oder gerade deshalb glaubt der Regisseur, dass er mit seinem Spielfilm ein Stück zur Aufklärung des heiklen Themas beitragen wird. Dass er problemlos mehrere Stuttgarter (katholische) Kirchen zu Drehorten machen kann, dafür ist er der Diözese Rottenberg/Stuttgart dankbar. „Sie fanden das Drehbuch fair“, sagt der Autor und ­Regisseur.

Der katholische ­Kosmos sollte begriffen werden

Vorbereitet auf die Filmarbeiten haben sich die Hauptdarsteller Sebastian Blomberg, Kai Schumann, Jan Messutat mit ihrem Regisseur in einem Benediktiner­kloster. Denn kritische Kinogänger würden Fehler beim Anlegen der Messgewänder und im Ablauf der liturgischen Handlungen schnell erkennen. Und es ging um mehr: ­Begriffen werden sollte der katholische ­Kosmos. 30 Drehtage sind vorgesehen, 22 davon finden in Stuttgart statt. Über 270 Komparsen sind im Einsatz.

Das Spielfilmdebüt von Gerd Schneider ist eine Produktion der AV Medien Penrose und Penrose Film in Kooperation mit Südwestrundfunk, Bayerischem Rundfunk und Arte. Gefördert wird das Projekt neben anderen von der Medien- und Filmgesellschaft Filmförderung Baden-Württemberg.

Gibt es ein Fazit des Projektes? „Meine ­Recherche“, sagt Gerd Schneider, „zeigt, dass es kein System der Vertuschung innerhalb der Katholischen Kirche gibt, aber das Vertuschen systematische Züge hat.“

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