Dreharbeiten in München „Das Boot“ als Serie: Und es hat Ping gemacht!

Von Gunther Reinhardt 

Der Kriegsfilm „Das Boot“ wird als TV-Serie fortgesetzt – mit Stars aus „Game of Thrones“ und „Masters of Sex“ und mit mindestens ebenso vielen Szenen an Land wie auf und unter Wasser. Eindrücke von den Dreharbeiten in München.

München - Das kleine Bordell in La Rochelle riecht nach Staub, Schweiß und Asche. Schummriges Licht sickert unter mit Bommeln verzierten Lampenschirmen hervor, taucht den mit schweren roten Vorhängen und vergilbten Fransenornamenten dekorierten Raum in eine gespenstische Atmosphäre. Gerade haben sich hier noch 40 Leute gedrängelt, sich auf den paar Quadratmetern so gut es geht amüsiert, Zigaretten der Marke Etat du Nord gepafft, aus Bayern importiertes Bier getrunken und versucht zu vergessen, dass gerade Krieg ist.

Doch der Rotwein ist Trauben-, der Whisky Apfelsaft und das Bier alkoholfrei. Auch echten Sex gibt es hier nicht. Das Bordell ist nicht wirklich ein Bordell, sondern ein Filmset, die Prostituierten sind Stati­stinnen, die Matrosen Schauspieler. Und wir befinden uns nicht in der französischen Hafenstadt La Rochelle zu Beginn der 1940er Jahre, sondern vor den Toren Münchens. Hier inszeniert Andreas Prochaska gerade Szenen der Serie „Das Boot“, die seit August 2017 außerdem in La Rochelle, Prag und Malta gedreht wird und die im Herbst von Sky ausgestrahlt werden soll.

Draußen vor der Tür zeigt sich der Winter gerade von seiner tristesten Seite. Raureif liegt auf den Feldern. Die Isar ist vereist, und in der Tram 25, die zum Bavaria Filmpark fährt, ist auf Monitoren zu lesen, dass die Münchner immer seltener ins Kino gehen. Wahrscheinlich weil sie mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen. Solche Meldungen könnten auch der Grund sein, dass sich Bavaria Fiction, Sky Deutschland und Sonar Entertainment für den Filmklassiker „Das Boot“ kein Kino-Remake ausgedacht haben, sondern das vor vielen Jahren spektakulär untergetauchte Kinoungetüm ins goldene Zeitalter der TV-Serien herüberretten wollen.

„Das Boot“ war 1981 eine deutsches Kinowunder. Für insgesamt sechs Oscars war der Film nominiert, der die Geschichte der Besatzung eines deutschen U-Boots erzählt, das sich im Winter des Jahres 1941 auf Feindfahrt im Atlantik befindet. Noch heute sorgt das „Ping“ des Sonars, an dem sich die düster-atmosphärische Filmmusik Klaus Doldingers abarbeitete, für Gänsehaut-Momente. Wie Jost Vacano mit seiner Kamera durch das U-Boot hetzte, ist immer noch sensationell. Und die Schauspieler Jürgen Prochnow, Klaus Wennemann, Herbert Grönemeyer, Martin Semmel­rogge oder Uwe Ochsenknecht waren nie besser als damals, als sie sich von Wolfgang ­Petersen in diese Unterwasserblechdose zwängen ließen.

Viele Szenen spielen an Land

Das Original-Film-U-Boot steht seither auf dem Bavaria-Gelände – wenige Meter vom Filmset entfernt – und lädt dazu ein, sich überall den Kopf zu stoßen und sich zu wundern, wie man in so einer Röhre tatsächlich arbeiten konnte, ohne verrückt zu werden. Zum Glück haben sich die Macher der Serie dagegen entschieden, in Petersens U-Boot über ihre Arbeit zu informieren und stattdessen gleich nebenan in die Bavaria-Cafeteria eingeladen. Während ein Stockwerk höher eine Horde Kinder bei der Aufzeichnung der Show „1, 2 oder 3“ herumtobt, sitzen unten die Produzenten und berichten über den Verlauf der Dreharbeiten.

„Einer unserer Hauptdarsteller hat gerade angefangen zu drehen“, sagt Moritz Polter, ausführender Produzent von Bavaria Fiction – und meint damit das U-Boot, das sich gerade für Außendrehs auf den Weg nach Malta begeben hat. Dort findet der letzte Teil des Drehs mit Außenaufnahmen im Meer und im Wasserbecken statt. Die meisten anderen Hauptdarsteller der Serie sind dagegen schon mit den Dreharbeiten fertig: Tom Wlaschiha, der in der Fantasysaga „Game of Thrones“ die Rolle des Jaqen H’ghar, des Manns ohne Gesicht, gespielt hat, zum Beispiel; Vicky Krieps, die derzeit an der Seite von Daniel Day-Lewis im Film „Der seidene Faden“ zu sehen ist; oder die US-Stars Lizzy Caplan („Masters of Sex“) und Vincent Kartheiser („Mad Men“). Außerdem sind etwa Robert Stadlober, James D’Arcy oder der Jungstar Rick Okon mit an Bord. Wobei: Viele dieser Darsteller werden in keiner der acht einstündigen Episoden das U-Boot betreten: Die Serie, die einige Monate nach der Handlung des Originalfilms spielt, wird kein achtstündiges Unterwasser-Kammerspiel, sondern verschränkt zwei Handlungsstränge – und einer spielt ausschließlich an Land.

Strahlkraft der Marke „Das Boot“

Die Produzenten versprechen, dass die Handlung an Land einem Hitchcock-Krimi und die Geschehnisse an Bord des U-Boots einem Action-Thriller gleichen werden. „Der Film ‚Das Boot‘ lebte von der Atmosphäre im U-Boot und von der Klaustrophobie dort“, sagt Moritz Polter, „heutige Serien leben vor allem davon, dass man mit Charakteren auf eine Reise geht, dass sie sich verändern, dass wir ihre Vielschichtigkeit kennenlernen: Diese horizontale Erzählweise ist vielleicht der Hauptunterschied zwischen dem Film und unserer Serie.“ Oliver Vogel, Chief Creative Officer bei Bavaria Fiction, ergänzt: „Wir wollten auf keinen Fall ein Remake produzieren, da hatten wir viel zu viel Respekt vor der Arbeit des Produzenten Günter Rohrbach, des Regisseurs Wolfgang Petersen und vor der Leistung der Schauspieler.“

Petersens Film kostete Anfang der 80er Jahre schon 32 Millionen D-Mark. Das Budget von 26,5 Millionen Euro für die Serie wirkt da sogar vergleichsweise gering. Tatsächlich sei der Kern des „Boots“ recht billig darzustellen, sagt Jan Kaiser, Geschäftsführer von Bavaria Fiction: „Die Strahlkraft der Marke ist einzigartig. Es reicht eine schwarze Leinwand zu zeigen und aus den Lautsprechern das Brummen des Dieselmotors und zweimal das Sonar erklingen zu lassen – und alle wissen: Das ist ‚Das Boot‘“, erklärt Kaiser und rechnet augenzwinkernd zusammen: „Produktionskosten 3,80 Euro.“ Aber weil beim Drehen dann doch nicht alles für 3,80 Euro zu haben und Zeit Geld ist, muss weitergearbeitet werden – und die Schein­werfer im kleinen Bordell vor den Toren Münchens gehen wieder an.

Schöner Auftauchen: Buch, Film, Serie

Buch Lothar-Günther Buchheim ver­arbeitet in dem Roman „Das Boot“, der im ­Jahr 1973 ­erscheint, seine Erfahrungen als Kriegs­berichterstatter im Zweiten Weltkrieg in U-Booten wie dem U 96 und U 309.

Film Wolfgang Petersens Adaption kommt 1981 ins Kino und wird für insgesamt sechs Oscars nominiert.

Serie Im Herbst soll die neue TV-Fort­setzung von Sky ausgestrahlt werden.

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