Gibt es noch eine Galgenfrist? Foto: factum/Granville

Kamerateams, Schauspieler und jede Menge Komparsen nehmen den Tammer Westen in Beschlag: Die „Soko Stuttgart“ begibt sich ins Western-Milieu. Für den spektakulären Dreh auf dem Gelände des Westernreitclubs Tamm wird kein Aufwand gescheut.

Tamm - Die Leiche hatte ihren Auftritt schon. Als Lea und Jens Karjoth, in kernige Cowboykluft gewandet und ihre Quarterhorse-Stute Snappy am Zügel, nichtsahnend durchs verwitterte Tor kamen, lag der Gemeuchelte an der Feuerstelle neben dem Saloon – von einem Wurfmesser tödlich in die Brust getroffen. Die Leiche ist jetzt weg, Lea und Jens Karjoth sind immer noch da, seit Stunden. Genauso wie Michael Gaedt alias „Schrotti“, Karl Kranzkowski alias Kriminaldirektor Michael Kaiser oder „Caveman“ Martin Luding, der hier als Cowboy Andy Hartmann am Start ist. Der Drehtag auf dem Gelände des Tammer Westernreitclubs ist lang: vom frühen Nachmittag bis Mitternacht. Dafür, freuen sich die Karjoths, sind sie voraussichtlich am 28. Februar 2019 samt Pferd im ZDF zu sehen.

In der Prärie im Tammer Westen, wo sich sonst Fuchs und Hase gute Nacht sagen, wirbelt die Bavaria Fiction derzeit einigen Staub auf. Sie dreht für die ZDF-Krimiserie „Soko Stuttgart“ eine Folge mit dem Arbeitstitel „Gelobtes Land“, die um einen Mord im Westernclub-Milieu kreist. Der Aufwand erinnert eher an Hollywood als an Vorabendserie. Fast 150 Beteiligte, Kamerakran, Steiger, enorme Kulissenbauten: „Dafür, dass die Folge im Bereich Vorabend läuft, ist das oberes Limit“, sagt Rolf Steinacker.

Für den Westernreitclub ist es ein Sechser im Lotto

Der Produktionsleiter hustet – ihn ereilte punktgenau zu den Außen-Dreharbeiten eine Erkältung. „Ein Glück, dass wir so großartiges Wetter haben“, meint er. „Würde es regnen oder schneien, müssten wir trotzdem drehen.“ Die Drehtage und -orte sind lange vorausgeplant, Locations gebucht, Schauspieler, Statisten und Crew einbestellt – da kann man nicht mal eben umswitchen. Meistens wird allerdings wetterunabhängig im Studio im Stuttgarter Römerkastell gefilmt.

Für den kleinen Westernreitclub Tamm ist der große Auftrieb der Filmleute ein Sechser im Lotto. „Als mich im September kurz vor meinem Urlaub jemand angerufen und sich mit Bavaria gemeldet hat, war meine erste Reaktion: Ich brauch’ keine Versicherung“, erinnert sich Vorsitzender Jens Karjoth lachend. „Als mir dann dämmerte, dass Bavaria gar keine Versicherung ist, wurde es interessant.“

Jemand aus der Filmcrew hatte das abgelegene Areal des Vereins mit Saloon und überdachter Bar von einem Spaziergang in Erinnerung behalten. Karjoth und seine Vorstandskollegen mussten bei der Frage, ob sie das Gelände für „Soko-Stuttgart“-Dreharbeiten zur Verfügung stellen würden, nicht lange nachgrübeln: „Das ist für einen kleinen Verein wie uns mit rund 40 Mitgliedern doch eine super Sache!“

Mordspekulationen unter dem Sternenzelt

Nicht nur, weil es einen Obolus für die Verein gibt und seinen Bekanntheitsgrad steigert. Sondern auch, weil die meisten Mitglieder auch als Komparsen gecastet wurden und Lasso schwingend, Büchsen werfend, sich zuprostend oder dekorativ durchs Bild flanierend in die Darstellerriege aufstiegen. Ebenso wie das eine oder andere Ross aus dem Verein. „Unsere Coolen halt, denn all das hier nichts ausmacht“, sagt Karjoth zur Auswahl der Filmpferde.

Wo der „Schrotti“ steppt

Denn los ist am Drehort jede Menge. Den ganzen Nachmittag gingen schon Proben über die Bühne, kleine Filmschnipsel wurden gedreht. Das ohnehin respektable Wildwest-Ambiente ergänzte Ulrich Burkhardt aus Bietigheim-Bissingen: Der „Soko“-Kulissenbauer zimmerte unter anderem ein zweistöckiges Beerdigungsunternehmen auf die Wiese. Unter dem Schild „Best Western Funerals“ und einem Rinderschädel stehen dort unheilschwanger mehrere Särge. „Es ist toll, wenn man was baut und das dann belebt ist“, sagt Burkhardt mit zufriedenem Blick auf sein Werk. „Die Arbeit hat unheimlich Spaß gemacht.“

Jetzt, als die Dämmerung hereingebrochen ist, ein Lagerfeuer unter sternklarem Himmel knistert und ein Flutlicht-Kran den Ort beleuchtet, werden Szenen von einem Westernfest gedreht, auf dem manche Emotion hochkocht. Denn der Mörder wird im Clubmilieu vermutet. In Aktion sind nun auch eine Country-Band und eine Linedance-Gruppe, die neben einem Galgen unermüdlich ihre Choreografie klackert – mittendrin steppt Michael Gaedt mit, der auch in der Nacht noch seine gelbe Brille aufhat.

Dreharbeiten sind auch Geduldsproben

Dirigiert werden die Massen von Regisseurin Steffi Doehlemann. Bevor die Kommandos „Ton ab!“ und „Kamera läuft!“ kommen, wird allerdings x-mal geprobt, neu austariert, umgestellt. Das beschert den filmunerfahrenen Komparsen neben der Perspektive, frei nach Andy Warhol einmal 15 Minuten lang berühmt zu sein, eine weitere Erkenntnis: Dreharbeiten sind auch Geduldsproben. Die Profis wie Karl Kranzkowski nehmen das mit stoischer Gleichmut – oder mit Ulk wie Michael Gaedt: „Ihr gruppiert euch ja nur alle um mich, damit ihr nachher nicht aus dem Bild rausgeschnitten werdet“, haut er bei einem Fotoshooting seine Nachbarn an. Auch das Füllhorn am Catering-Wagen hebt die Moral.

Was vom Tage übrig bleibt? Wenn das Filmteam sein Soll erfüllt, hat es nach einem Drehtag wie diesem sechseinhalb sendefertige Filmminuten im Kasten.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: