In Baden-Württemberg kommt es seit Jahren zu den bundesweit meisten Erkrankungen mit dem Hantavirus. Rötelmäuse, die häufigsten Träger, konnten sich zuletzt gut vermehren. Foto: dapd

Rötelmäuse gelten als Überträger – Alle drei Jahre kommt es zu einem Anstieg der Erkrankungen.

Stuttgart - Treffen kann es jeden. Mitte ­Juli fiel der Trainer des Fußball-Zweitligisten VfR Aalen wegen einer Erkrankung mit dem Hantavirus aus. Bei Ralph Hasenhüttl ist es noch mal gut gegangen. Er ist genesen. Am Sonntag sitzt der 44-jährige Österreicher wieder auf der Bank. Andere Patienten müssen zur Dialyse, und mancher erleidet sogar ein Nierenversagen. Das starke Fieber (über 38 Grad) verläuft mit grippeähnlichen Symptomen wie Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen, Sehstörungen oder Blut im Urin. 70 Prozent der Infektionen werden dagegen nicht entdeckt, weil die Betroffenen keine oder nur leichte Allgemeinbeschwerden haben, so dass von einer deutlich höheren Dunkelziffer auszugehen ist. Dass es sich nicht nur um eine harmlose Erkältung handelt, wird immer wieder erst beim Bluttest festgestellt. Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin empfiehlt, bei gemeinsamem Auftreten mehrerer Symptome einen Arzt aufzusuchen. Die Behandlung erfordert einen Klinikaufenthalt. Bislang ist kein Todesfall in Baden-Württemberg bekannt, der auf das Hantavirus zurückgeht.

Übertragen werden die Krankheitserreger über Speichel, Kot und Urin von Nagetieren. Besonders oft sind die Rötel- und die Brandmaus die Träger. Erstere ist eines der häufigsten Säugetiere in Europa. Die Mäuse und Ratten selbst erkranken an dem Virus nicht. Der Name des Virus ist an den koreanischen Fluss Hantan angelehnt, wo während des Koreakriegs 1950 viele Soldaten an hohem Fieber erkrankten. Neue Krankheitsfälle müssen seit 2001 gemeldet werden. Das RKI verzeichnete in diesem Jahr bislang bundesweit 1985 Meldungen. Der Großteil entfiel mit 1554 auf das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg. Die Region Stuttgart war von 604 Erkrankungen betroffen. Die meisten Infektionen davon traten im Stadtgebiet Stuttgart (189) und in Göppingen (135) auf. Ludwigsburg (49) und der Rems-Murr-Kreis (19) wiesen kaum ­Vorfälle auf.

Rötelmäuse haben den Winter aufgrund der milden Temperaturen gut überstanden

Aufgrund der Populationszyklen der ­Rötelmäuse kommt es etwa alle drei Jahre zu einem Anstieg der Erkrankungen. 2007, 2010 und in diesem Jahr kam es zu besonders vielen Krankheitsfällen. Als Ursache für den Anstieg der Infektionen gilt die starke Vermehrung der Rötelmäuse nach trockenen Sommern mit reicher Bucheckern-Ernte des Vorjahres. Zudem haben die Tiere den Winter aufgrund der milden Temperaturen gut überstanden. Im Frühling begann die Fortpflanzung dann auf einer zahlenmäßig breiteren Basis. Je mehr Tiere es gibt, umso größer ist auch die Wahrscheinlichkeit der Übertragbarkeit. Entscheidend ist jedoch, ob sie auch Virusträger sind und Menschen mit ihnen in Kontakt kommen. Denn Menschen können die Viren zusammen mit Staubpartikeln einatmen. Die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit (Inkubationszeit) beträgt für gewöhnlich zwei bis vier Wochen. Das RKI geht nicht von einer Ansteckung von Mensch zu Mensch aus. Nach Angaben des Instituts treten die meisten Infektionen von Anfang Mai bis September auf. Vermutet wird, dass die Verhältnisse bei einer Erkrankung im März, wenn in Garage, Dachboden und Schuppen der Frühjahrsputz beginnt, andere sind als jetzt im Hochsommer. Daher befragt das Landesgesundheitsamt derzeit Betroffene und deren nichterkrankte Nachbarn als Kontrollpersonen nach ihrem Freizeitverhalten. Anhand dessen soll auf die Infizierungsumstände geschlossen werden.

Mehr als zwei Drittel der Betroffenen sind Männer, wovon wiederum die Hälfte zwischen 30 und 49 Jahre alt ist. Das Landesgesundheitsamt nimmt an, dass dies auf die Art der Tätigkeiten zurückzuführen sei, bei welchen Infektionen vermutet werden. Beispielsweise erfordere Holz spalten große Kraft und werde deshalb häufiger von Männern verrichtet. Zur Vorbeugung sollte der Kontakt zu Mäusen vermieden, Lebensmittel unzugänglich aufbewahrt und Eintrittsstellen ins Haus abgedichtet werden.

Beim Fegen von Schuppen oder Garagen empfiehlt sich das Tragen einer Staubmaske

Müssen tote Kleintiere oder ihre Ausscheidungen etwa bei Reinigungsarbeiten doch berührt werden, ist es angebracht, Arbeitshandschuhe zu tragen. „Wasser ist eine gute Möglichkeit, den Staub zu binden. Wo möglich, sollte feucht geputzt werden, etwa mit Sprühnebel“, rät Günter Pfaff vom Referat für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung des Landesgesundheitsamts.

Verwendete Putztücher sollten danach im Müll entsorgt werden. Beim Fegen von Schuppen oder Garagen empfiehlt das Landesgesundheitsamt in Stuttgart das Tragen einer Staubmaske. Pfaff sieht es als problematisch an, wenn man „nur schnell mal“ etwas im heimischen Garten erledigen will: „Im Beruf ist es oft viel selbstverständlicher, auf Arbeitsschutz und Hygiene zu achten“, sagt der Gesundheitsexperte, „privat wird der Selbstschutz nicht so genau genommen. Mundschutz, wie jedes Bauhaus ihn anbietet, sollte ja nicht nur wegen des Hanta­virus, sondern allein um die Lunge zu schützen ­getragen werden.“