Drangsal aka Max Gruber Foto: Thomas Hauser

Drangsal hat im Frühjahr 2018 ein neues Album veröffentlicht. 2019 kommt der Mann, der eigentlich Max Gruber heißt, und in seiner Musik, Pop, New Wave und Indierock vermischt, mit „Zores“ endlich nach Stuttgart. Am 16. März tritt er im Wizemann auf.

Berlin - „Zores hat drei Bedeutungen. Man kann ein Zores sein, ein jähzorniger Mensch“, erklärt Drangsal, der mit bürgerlichem Namen Max Gruber heißt. Weitere Deutungen laut Gruber: „Man kann Zores haben, also Streit. Es gibt aber auch die Zores, eine Gruppe Menschen, mit der man sich bloß nicht abgeben soll.“

Man könnte den Eindruck haben, dass Max Gruber, 24 Jahre alt, genau das ist: ein Zores, ein zorniger junger Mann. Da sitzt er, frisch gescheitelt in den Räumen seiner Plattenfirma in Berlin-Kreuzberg, entschuldigt sich dafür, dass er gerade mal acht Minuten zu spät kam. Erster Eindruck: netter Anti-Popstar, was er sogleich widerlegen möchte: „Ich werde sehr schnell, sehr leicht, sehr wütend. Ich möchte aber nicht als Streithahn wahrgenommen werden. Ich habe sehr starke Meinungen. Ob die fundiert sind, wage ich zu bezweifeln“, sagt Gruber. Und weiter: „Ich habe die ersten zwanzig Jahre meines Lebens damit verbracht, mich in meinem exorbitanten Geltungsdrang zu suhlen, bis man mir endlich mal ein Mikrofon hingehalten hat.“

Das war dann Album Nummer Eins. Es hieß „Harieschaim“, erschien im Frühjahr 2016, die Musik war orchestraler 80er-Jahre-Synthie-Pop, auf die sich sehr viele einigen konnten. Im Video zu „Allan Align“ hatte er ein Date mit Jenny Elvers in einer Kirche: Boulevard trifft Indiepop, Dschungelcamp-Insassin auf New-Wave-Provinzboy. Der Titel „Harieschaim“ war ein altertümlicher Name seines Heimatortes Herxheim.

Eine Popnummer, die auch die Münchner Freiheit geschrieben haben könnte

Dass nun mit „Zores“ ein pfälzisches Wort als Albumtitel taugt, liegt bei Drangsal nahe: Ihn verbindet eine Hassliebe zu seiner Heimat, auch wenn er seit ein paar Jahren in Berlin lebt. „Wenn ich an Heimat denke, denke ich an Herxheim. Da komme ich halt her. Es müssen noch einige Jahre ins Land ziehen, bis ich länger woanders gelebt habe“, sagt Gruber. Das Erstaunliche an „Zores“: Gruber singt jetzt zum Großteil auf Deutsch, reimt stellenweise so, dass man sich an Schlager erinnert fühlt, um dann im nächsten Moment doch die Kurve zum Pop zu kriegen. Ein Song heißt „Gerd Riss“, nach einem Pfälzer Speedwaystar. Musikalisch ist das eine Popnummer, die auch die Münchner Freiheit geschrieben haben könnte. Genregrenzen kennt Drangsal keine.

Max Gruber ist in einem „musikaffinen Haushalt“ aufgewachsen, wie er selbst sagt. Seine Eltern hörten und hören viel Musik: „Gegen diese Eltern konnte ich nicht rebellieren. Marilyn Manson durfte ich immer hören, Slipknot nicht. Schminke ja, Masken nein. Warum auch immer. Es war aber sehr leicht, im Dorf zu rebellieren.“ Max bemalte sich die Fingernägel, trug die Haare lang.

„Ich bin zu alt, um Rin gut zu finden“

Als Gruber nach Berlin kam, war er überfordert von der Großstadt. Die Boulevard-Presse titelte „U-Bahn-Treter“, ein Jahr lang hat Gruber keine Bahn betreten. Inzwischen lebt er in Kreuzberg. Nur: Onlinebanking macht er heute auch noch nicht. Er ist ein verschrobener junger Mann, der sich scheinbar gegen die Moderne sträubt, popmusikalisch viel der vergangenen dreißig Jahre in sich aufgesaugt hat und auch gerne mal aneckt und provoziert.

Als er 2017 den Preis der Popkultur als „hoffnungsvollster Newcomer“ bekam, sagt er in der Dankesrede: „Hauptsache nicht Annenmaykantereit“. Max Gruber kann nichts anfangen mit der gefühlsduseligen deutschen Popmusik derzeit. „Gerade ist es nonexistent, was ich unter deutscher Popmusik verstehe. Selbst so Bands wie Wir sind Helden, die ich spitze finde, gibt es nicht mehr. Deutsche Popmusik ist heute nur noch Trap und Rap. So etwas wie Bausa und Rin.“ Max Gruber ist einer, der sehr viel Musik hört. Ständig, überall – und er konstatiert: „Ich bin zu alt, um Rin gut zu finden. Ich finde es beeindruckend, wie steil das gegangen ist. Ich bin aber zum ersten Mal in der Bredouille, dass ich merke, dass ich nicht mehr die Zielgruppe bin. Ich habe zu viele Umsatzsteuervoranmeldungen gemacht, um das noch gut zu finden.“

Wenn er seine eigene Musik einem Genre zuordnen solle, dann wäre das „Rockpop“. „Man darf sich nicht schämen, Popmusik zu machen. Das ist doch gut.“ In den zwei Jahren zwischen den Alben hat er vor allem Tool und Metallica gehört. Und Prefab Sprout und die Bienenjäger, die Band von Jochen Distelmeyer vor Blumfeld. Und Judith Holofernes: „Die hätte ich gern als Mutter, die schreibt so tolle Songs, vollkommen unterschätzt.“

Er schaut auf seinem Handy, was er noch so alles gehört hat und zählt auf: Abba, Ariel Pink, Britney Spears, Die Nerven, The Germs, Grauzone, Hole, Lady Gaga, Madonna, Metallica, Mia, Misfits, Morrissey, Motorhead, Nick Cave, Nine Inch Nails, Paul Simon, Placebo, Queen, REM, Rammstein. Popmusik eben. Auf „Harieschaim“ waren die Songs ohne Skelett, jetzt sind es richtige Popsongs mit Strophen und Refrain. Manche erinnert es an Die Ärzte. Das ist Pop. Er feiert in „Turmbau zu Babel“ die Liebe und klingt bisweilen durchaus heiter. „Es gibt mehr denn je viele Gründe, an der Welt zu leiden. Aber vielleicht muss man sich gerade deshalb auf die schönen Dinge konzentrieren? Je schlimmer die Umwelt ist, desto weniger kämpfen die Leute dagegen an, weil sie einfach erschlagen sind.“

„Ich bin großer Fan von Die Nerven, Karies, Peter Muffin“

Sein Produzent bei „Zores“ war wieder Markus Ganter und Co-Produzent war Max Rieger von Die Nerven. „Man darf das Fansein nicht verlernen. Ich bin großer Fan von Die Nerven, Karies, Peter Muffin“, erzählt Gruber, der über Facebook Max Rieger vor ein paar Jahren einfach anschrieb. Heute ist sich Gruber sicher: „Der wird alle deutschen Produzenten wie Moses Schneider mal arbeitslos machen. Und Kevin ist ein einzigartiger Schlagzeuger, der spielt das Schlagzeug wie ein tonales Instrument.“

Auf „Zores“ sind einige Gäste dabei, neben Rieger und Kuhn sind das Grubers Liveband, Marcel Römer von Juli und Jannis Kleis (All diese Gewalt) dabei. Aus gutem Grund: „Wenn man allein ist, verrennt man sich schnell in Dingen. Es ist wichtig, in dieses Haus auch andere Leute einziehen und die auch mal dekorieren zu lassen.“

Drangsal spielt am 16. März im Wizemann in Stuttgart.

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