In Korallenriffen ist die Artenvielfalt besonders stark bedroht. Foto: dpa

Die Artenvielfalt ist weltweit massiv bedroht. Bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten könnten in den kommenden Jahrzehnten aussterben, warnt eine neue Studie. Höchste Zeit also, wirkungsvoller für den Artenschutz zu kämpfen, meint Klaus Zintz.

Stuttgart - Bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten werden in den kommenden Jahrzehnten von der Erde verschwinden. Das sagen nicht irgendwelche übereifrigen Naturschützer. Es ist die international abgestimmte Einschätzung des Weltbiodiversitätsrates. Dabei wird deutlich, dass das massive Artensterben nicht mehr nur ein ethisches Problem ist, sondern verstärkt ökologische und ökonomische Folgen drohen: Weil ganze Ökosysteme instabil werden, ist deren Funktion als Grundlage für Nahrung und sauberes Wasser gefährdet. Das aber wird nun zur massiven Gefahr für die Lebensgrundlagen des Menschen – vor allem in denjenigen Regionen, die unter Nahrungsmangel leiden, aber auch in hoch industrialisierten Ländern wie Deutschland.

 

Hauptursache Mensch

In aller Deutlichkeit benennen die Wissenschaftler auch die Hauptursache für diese Entwicklung, die sich seit Jahren immer mehr beschleunigt: Es ist der Mensch. Und sie sagen zudem klar, dass es grundlegender Veränderungen im Denken und Verhalten der Menschen bedarf, damit sich die Situation bessert – und wir nicht den Ast vollkommen absägen, auf dem wir sitzen. Denn gesägt wird schon nach Kräften: Die menschlichen Aktivitäten führen derzeit zu einem Artensterben, wie es letztmalig vor etwa 65 Millionen Jahren stattfand. Damals war allerdings ein Naturereignis – der Einschlag eines riesigen Meteoriten – dafür verantwortlich, dass unzählige Arten von der Erde verschwanden, darunter die Saurier.

Immerhin scheint sich endlich etwas zu bewegen. Dass jetzt die 132 Mitgliedsstaaten nach einwöchiger Debatte in Paris den Bericht des Weltbiodiversitätsrates mit solch deutlichen Botschaften politisch abgesegnet haben, ist bemerkenswert. Da werden Erinnerungen an den Weltklimagipfel 2015 in Paris wach, bei dem das Ziel beschlossen wurde, die Erwärmung der Erde auf 1,5 Grad zu begrenzen. Wie man an dem Klimaabkommen sieht, ist es allerdings mit der bloßen Verabschiedung noch lange nicht getan – die Umsetzung in die Praxis ist weitaus mühsamer.

Mühsamer Artenschutz

Deutschland macht da keine Ausnahme, auch hierzulande kommt der Artenschutz nur langsam voran. Natürlich ist es erfreulich, wenn nun zunehmend Streifen mit blühenden Wildblumen angelegt werden – in den Städten, aber auch in den monotonen Agrarlandschaften. Das nutzt nicht nur den hochgradig gefährdeten Wildbienen, sondern auch vielen anderen Tier- und Pflanzenarten. Aber von einem generellen Umdenken hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft, wie es in dem Bericht des Weltbiodiversitätsrates gefordert wird, ist nicht nur Deutschland noch weit entfernt. Auch die heftige Debatte um den Wolf zeigt, dass der viel beschworene Artenschutz schnell an Grenzen stößt, wenn Urängste hochkommen und wirtschaftliche Interessen berührt sind. Und das sind nur zwei Beispiele, wo es beim Erhalt der Artenvielfalt hakt.

Dabei gibt es zu einem wirkungsvollen Artenschutz keine Alternative – das zeigt der jetzige Bericht in aller Deutlichkeit. Wenn so wenig wie bisher getan wird, um die Biodiversität zu erhalten, wird es für unsere Nachkommen noch viel teurer. Offenbar ist es den Menschen heute noch viel zu wenig bewusst, dass an vielen „Dienstleistungen“ der Natur nur vordergründig kein Preisschild klebt. Doch wenn man ihren immensen Wert für Ernährung, sauberes Wasser und frische Luft sowie als Rohstoffquelle für Industrie und Medizin erhalten will, dann ist dies nicht zum Nulltarif zu haben. Nach dem Klimaschutz haben die Wissenschaftler nun auch beim Erhalt der Biodiversität den Ernst der Lage mehr als deutlich gemacht. Nun ist es an der Politik und vor allem an den Bürgerinnen und Bürgern, sowohl das Wirtschaften als auch das persönliche Verhalten nachhaltiger zu gestalten.