Nach der Pandemie wird der große Mangel an Arbeitskräften wieder offensichtlich. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz hat einen Fehlstart hingelegt und ist bisher wenig hilfreich. Doch es gibt Rezepte gegen die Not.
Deutschland hat nicht nur ein Fachkräfte-, sondern schon ein Arbeitskräfteproblem. Auf breiter Front gehen Beschäftigte verloren. Die Not lässt sich nur noch mit mehr Zuwanderung lindern, doch da hakt es an zentralen Stellen. Ein Überblick.
Wie hoch muss die Zuwanderung ausfallen, um den Bedarf zu decken? Jedes Jahr verliert der Arbeitsmarkt infolge der Demografie zwischen 360 000 und 380 000 Menschen im erwerbsfähigen Alter. Dies wird sich bis Ende des Jahrzehnts beschleunigen, wenn 400 000 bis 500 000 Menschen verloren gehen. Das bedeutet laut der Bundesagentur für Arbeit: Brutto müssten pro Jahr 1,6 Millionen Arbeitskräfte zu uns ziehen, um das Erwerbspersonenpotenzial stabil zu halten – netto 400 000 mehr.
Im vorigen Jahrzehnt gab es eine Einwanderung von 500 000 Personen netto jährlich. Davon waren bis zu 25 Prozent Geflüchtete und gut die Hälfte aus der Europäischen Union. Doch geht die Einwanderung aus EU geht stark zurück: 2019 betrug sie nur noch ein Drittel des Niveaus von 2015. „Die Party mit der EU-Osterweiterung ist vorbei“, betonte Herbert Brücker, Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM), in Nürnberg.
Was bringt das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz? Im Fachkräfteeinwanderungsgesetz wurde zum 1. März 2020 ein Rahmen für den Zuzug aus Drittstaaten geschaffen. Bisher wirkt es jedoch kaum. „Die Kanäle für die erwerbsbezogene Einwanderung funktionieren nicht“, sagt Brücker, der auch am Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit (IAB) führend tätig ist. Von den erforderlichen 1,6 Millionen Menschen müsste ein Drittel über die gesteuerte Einwanderung kommen, um den demografischen Wandel nachhaltig zu gestalten. 2019 seien über diesen Weg aber lediglich gut 60 000 gekommen – und 20 000 hätten das Land schon wieder verlassen.
2020 schafften es mit dem Gesetz 30 000 Menschen, in der Pandemie brach die Einwanderung ein. So muss nachgesteuert werden. „Niemand, der das Gesetz gelesen hat, glaubt ernsthaft, dass wir mit diesem rechtlichen Rahmen mehrere hunderttausend Arbeitskräfte bekommen“, sagt Brücker.
„Das war kein optimaler Start“, räumt Leonie Gebers, Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium, ein. „Wir sehen, dass Dinge sich verbessert haben, aber wir müssen weitergehen, um mehr Fachkräfte aus Drittstaaten zu holen.“ Nach dem „harten Kampf“ mit der Union um das Gesetz „werden wir weitermachen“, verspricht sie für dieses Jahr. Da sei sie sehr zuversichtlich, in der neuen Koalition weiterzukommen, „weil wir viele Dinge pragmatischer angehen“. Weil die Vergabe von Arbeitsvisa so lange dauert, müssten auch die Verwaltungsprozesse viel unbürokratischer und digitaler gestaltet werden. Die Unternehmen müssten mutiger sein und von der Ausländerbehörde verlangen, dass die Aufenthaltstitel schneller vergeben werden. Da stehe man noch sehr am Anfang. „Es braucht viele, die da mittun.“
Wo muss die Politik nachbessern? Wer über ein erwerbsbezogenes Visum nach Deutschland gelangt, kommt am Arbeitsmarkt besser voran als der Durchschnitt der Bevölkerung – wer als Geflüchteter mit Hochschulabschluss kommt, „performt“ schlechter als jemand ohne Berufsabschluss, stellt Brücker fest. Woran liegt das? Es gibt es viele Anhaltspunkte, dass die Anerkennung der Abschlüsse als Voraussetzung für die Einwanderung entscheidend ist. „Die Anerkennung ist sinnvoll, aber sie zum Einwanderungskriterium zu machen, führt zu einem unglaublichen bürokratischen Aufwand.“
Der IAB-Forscher rät, das System „radikal zu vereinfachen“. Berufs- oder Studienjahre von Migranten sollten im Prinzip der deutschen Qualifikation gleichgestellt werden. Man müsse hinnehmen, dass Bildungssysteme unterschiedlich seien und dann auch Zertifikate akzeptieren, wenn Menschen drei Jahre auf Bachelorniveau studiert oder eine berufliche Ausbildung absolviert hätten – ohne nachweisen zu müssen, dass ihre Qualifikation mit der deutschen identisch ist.
Bei der Westbalkanregelung, die 2016 in Kraft getreten ist und bis Ende 2023 verlängert wurde, gibt es die Voraussetzung nicht. Die auf diesem Weg Zugewanderten haben sich gut integriert – unter ihnen gibt es fast keine Leistungsbezieher. Mehr Pragmatismus also! Wenn Menschen mit dem Jobangebot von Unternehmen einwanderten, habe ihr Abschluss einen Wert im Arbeitsmarkt, sagt Brücker. Wer mit einem Arbeitsangebot reinkomme, habe fünf Jahre später eine bessere Beschäftigungsprognose als der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer.
Was können die Unternehmen tun? Befragungen zufolge wirbt ein sehr geringer Anteil von Firmen aktiv Arbeitskräfte im Ausland an. Selbst dort, wo die Personalnot groß ist, wie in Kliniken und Pflegeeinrichtungen, seien die Zahlen sehr gering. „Die Umstellung auf den demografischen Wandel hat noch nicht stattgefunden“, rügt Brücker. „Die Strukturen in den Unternehmen müssen sich verändern.“ Bei 40 Prozent Beschäftigten mit Migrationshintergrund solle niemand glauben, dass alles bleibt wie es ist.
Helfen die Menschen aus der Ukraine? Zwar zeigt sich, dass zu 80 Prozent Frauen mit Kindern aus der Ukraine kommen. Doch ein erheblicher Teil will je nach Kriegsverlauf in die Heimat zurückkehren oder ist schon wieder weg. Je länger die Menschen hier sind, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie bleiben. Denn allmählich können sich Netzwerke formieren, und viele Ehemänner könnten später nachkommen.
Das Gros der Frauen ist Brücker zufolge sehr gut qualifiziert – der Anteil mit Hochschulabschluss sei höher als in der deutschen Bevölkerung. Daraus folgt, dass sie „mit überwältigender Mehrheit unter ihrer Qualifikation tätig sind, wenn sie sich in den Arbeitsmarkt integrieren“. Dies bringe eine neue Herausforderung: „Wir müssen den Frauen helfen, dass sie Chancen auf den beruflichen Aufstieg erhalten.“ Gemeint sind etwa berufsbegleitende Sprachkurse oder die Kinderbetreuung, wo sich auch schon Jobcenter und Kommunen einbringen.