Ein einziges Trümmerfeld: die Böblinger Marktstraße nach dem verheerenden Bomberangriff vom 7. auf den 8. Oktober 1943. Foto: Stadtarchiv Böblingen

Wenn die Generation 80-plus den Schrecken des Krieges gegen die Ukraine sieht, kommen Kindheits-Erinnerungen an Bombenangriffe und Bunkernächte zurück. Gudrun Blank, Immanuel Rühle und Elisabeth Rothfuss haben nichts von dem Grauen vergessen. Wie könnten sie?

Sindelfingen/Dagersheim - Schaut Gudrun Blank abends die Nachrichten, ist sie wie so viele sprachlos. Zerbombte Häuser in ukrainischen Städten verstören sie. Wenn sie in die Augen der Kinder sieht, die mit ihren Müttern in U-Bahnschächten kauern und an deren Hand die Flucht ergreifen, könnte sie heulen. „Das nimmt mich hochgradig mit“, sagt die Maichingerin, die im September 83 wird. Gudrun Blank weiß, wovon sie spricht. Sie hat den Krieg selbst erlebt, damals im September 1944 in Sindelfingen, dem schlimmsten mehrerer Bomberangriffe der Alliierten. Gerade mal fünf war sie, ihre Schwester Irmgard ein Jahr älter.

 

Von Sirenengeheul aus dem Schlaf gerissen

An ihren fünften Geburtstag erinnert sich Gudrun Blank nicht mehr groß. „An den Tag danach umso mehr“, schreibt sie in ihren Erinnerungen. Sie hat sie als Buch gesammelt. „Es war Sonntag, der 10. September 1944, als lautes Sirenengeheul den sonnigen Herbstmorgen durchhallte und Langschläfer aus den Betten riss.“ Gott sei Dank war der Weg zum Bunker von der Burggasse relativ kurz. „In großer Eile drückte meine Mutter Ruth noch zwei Sofakissen auf die Tasche, ergriff unsere Händchen links und rechts und rannte mit uns über die Straße zum Bunkereingang.“ Groß das Gedränge dort, kaum noch Platz. „Pech für die Spätkommer“, schreibt Gudrun Blank: „Meine Mutter schaute hilflos und resigniert in die Runde; ihre Angst gehörte vor allem uns Kindern – und letztlich war sie wohl froh, dass wir überhaupt noch Unterschlupf gefunden hatten.“

Im Bunker herrschte ein Gefühl des Weltuntergangs

Annedore, ein kleines „Mädelchen“, fällt der Fünfjährigen auf in einem schönen weißen Strickjäckchen. Es habe wohl gerade erst laufen gelernt. Dann der Angriff: „Die Flugzeuge dröhnten nun direkt über uns, der Lärm war ohrenbetäubend, der Weltuntergang nahe. Ein fürchterlicher Knall! Ein Aufschrei! Weitere Explosionen rundum. Dann verflüchtigten sich die Flieger mitsamt ihrer tödlichen Gefahr. Schockstarre im Bunker, sekundenlange Stille. Was meine Mutter in diesem Moment wohl empfunden hat? Ihr Mann war an der Front und sie hier mit den beiden Kindern allein. (…) Tränen liefen ihr übers Gesicht. Vielleicht waren es ja sogar Tränen der Erleichterung. Wir hatten überlebt.“

Gerade hat ein kleines Mädchen noch gelacht – dann ist Annedore tot

Im hinteren Teil des Bunkers hatte es Tote gegeben. „Sie waren gleich geborgen worden und lagen für kurze Zeit, in Tücher gehüllt, aneinander gereiht auf der Straße, neben dem rauchenden Bombenkrater (…) In dem kleinsten Bündel lag Annedore, die mich vor Kurzem noch so glücklich angestrahlt hatte. Das konnte und wollte ich nicht verstehen“, schreibt Gudrun Blank als Zeitzeugin.

Vater Siegfried schreibt Dutzende Postkarten aus der Gefangenschaft

Ihr Vater Siegfried war im Krieg und dann in jahrelanger russischer Gefangenschaft. „Schauen Sie, hier“, öffnet Gudrun Blank einen Schuhkarton, in dem sie Dutzende Feldpostkarten ihrer Mutter Ruth verwahrt hat. In akribischer, kleiner Schönschrift teilt sich der Vater darin mit. Schreibt von Hunger. Und von Hoffnung. Mit Datum vom 28. Januar 1949, dem Jahr seiner Freilassung, lässt Siegfried Blank wissen: „Du glaubst ja gar nicht, wie ich mich nach Dir sehne und wie ich es kaum erwarten kann, bis ich Dich und die Kinder in meine Arme schließen kann.“ Ihr Vater schreibe stets liebevoll in diesen Notizen, sagt die 82-Jährige.

Sie hat nicht nur all die Mitteilungen aufgehoben. Auch einen Tisch und vier Stühle, die ihr Vater für die Puppenstube seiner Tochter im Kriegsgefangenenlager in Kiew geschnitzt hat. Gudrun Blank hängt sehr an diesem Werk aus Hand und Herz. Doch sobald ein Flüchtlingskind in Maichingen ankommt, will es die Seniorin dem schenken. Das möge eine mentale Brücke zwischen zwei unsäglichen Kriegen schlagen, hofft die Seniorin, und einem weiteren Kind Trost spenden und Lieblingsspielzeug sein.

Die Fliegeralarme hat Immanuel Rühle jetzt noch im Ohr

„Es schmerzt, dieses Leid zu sehen“, sagt auch Immanuel Rühle, der sechs war, als der Krieg begann. Und elf, als er Sindelfingen erreichte. Mit seiner Schwester war der Bub zum Bunkerbauen am Herrenwäldlesberg abkommandiert. Die Kinder mussten ausgehobene Erde in Eimer abfüllen. Plötzlicher Sirenen- und Fliegeralarm. Bloß rein in den Bunker. Als ihn Rühle und seine Schwester wieder verließen, war Sindelfingen nicht mehr, was es zuvor war: 22 Tote, 120 zerstörte Häuser, 760 Häuser beschädigt, 480 Menschen obdachlos. Nicht der erste, aber der schwerste Angriff auf die Daimlerstadt. „Die Ruhe nach dem Angriff am 10. September hatte etwas Unheimliches. Alles war wie gelähmt“, schildert der ehemalige Architekt.

Den Geruch zweier verbrannter Pferde, der sich vielleicht auch mit dem Geruch verbrannten Menschenfleisches verband, wird Rühle zeitlebens nicht aus seinem Kopf bekommen: „Die toten Tiere wurden am nächsten Tag in einen Bombenkrater geworfen und mit Erde bedeckt.“

Die Schlagzeilen aus der Ukraine tun Rühle „in der Seele weh“, so der 88-Jährige. Großmütter und Mütter auf Flüchtlings-Tracks zu sehen, „und die Väter bleiben zurück“ - Rühle muss schlucken. Die Nachrichten schaue er „dosiert“, um nicht am Elend zu verzweifeln. Selbstschutz. Ja, auch er habe – Kubakrise hin, Vietnam- und Kalter Krieg her – gedacht, dass ein Krieg in Europa nicht mehr möglich sei: „Die Schlachtfelder, die es gab, waren ja immer weit weg.“ Jetzt sei alles so nah, sagt der praktizierende Christ.

„Jetzt isch dr Kriag ausbrocha!“, schreit Hedwig Dannecker aus dem Fenster

Die Mutter betet im Gewölbekeller: „Behüt uns Gott in Gnaden!“

Sieben war Elisabeth Hermine Rothfuss, geborene Dannecker, als Hitler am 1. September 1939 Polen überfiel. Man habe gerade im Hof von Lore Eisler „Versteckerles“ gespielt, als Hedwig Dannecker aus dem Fenster gerufen habe: „Jetzt isch dr Kriag ausbrocha!“ Vermutlich habe sie das im Volksempfänger gehört. Was die Kinder daraufhin taten? „Weiterspielen in den Winkeln der Weiß-Gass’. Wir verstanden ja nicht, was das heißt. Kinder halt“, erzählt die Dagersheimerin, die im Juli 90 wird und alle ihre sechs Geschwister überlebt hat. Immanuel, der Zweitälteste, hatte sich freiwillig zu den Fallschirmjägern gemeldet – und fiel in Italien mit gerade mal 21 Jahren.

Gebet im Gewölbekeller: „Behüt uns Gott in Gnaden“

Elf war „Lisbeth“, als das größte Unheil seinen Lauf nahm in Gestalt eines Bomber-Verbands. In der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943 richteten die Piloten mit ihrer tödlichen Fracht ein flammendes Inferno in Böblingen an mit 44 Toten. Elisabeth Rothfuss wird diese Mitternacht nie vergessen, auch wenn Dagersheim, damals rund 1300 Einwohner groß, nur am Rande in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Ihre Mutter Maria nahm ihr Häuflein Kinder in den Gewölbekeller, wo man mit einer Funzel ausharrte. „Behüt uns Gott in Gnaden“, habe die Mutter gebetet, als eine in den Luckengarten einschlagende Bombe Teile des Dachs abgedeckt habe. Dieses „unvorstellbare Pratzeln“ hat die 89-Jährige bis heute im Ohr.

Auch an mehrere Bunker kann sich Elisabeth Rothfuss erinnern. Bis heute hat sie im Kopf, wie die Menschen um ihr Leben gelaufen sind, um Schutz zu finden. Nicht alle haben es geschafft. Ein Schriftstück des Bürgermeisteramts Dagersheim vom 13. Oktober 1948 ans Württembergische Statistische Landesamt, unterzeichnet von Bürgermeister Erich Maier, hält fest: „Auch erlitten drei Frauen und zwei Kinder, die sich auf dem Weg zum Bunker und vor dem Bunker befanden, den Tod durch Artillerie-Treffer.“ Die Bilder aus der Ukraine – sie traumatisieren die Kriegs-Generation erneut.