In Alpirsbach beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit: Die Stadtwerke Stuttgart warten auf die Genehmigung für ein Windrad. Alpirsbach weiß erst seit Kurzem davon – und ist dagegen.
Als Stuttgarter solle man sich am besten vorstellen, dass dort drüben, Luftlinie 700 Meter, der Fernsehturm throne. Annette Eberhard steht im brombeerfarbenen Anorak neben dem Rathaus und zeigt zwischen den Schwarzwaldhäusern hoch auf den bewaldeten Reutiner Berg, der sich wie eine Wand aufschwingt, so nah ist er. Dort soll sich bald ein Windrad drehen, das auf die Klimaziele der Landeshauptstadt Stuttgart einzahlt. In Alpirsbach denkt man: na Prost.
Dass die Stadtwerke Stuttgart hinter den Kulissen vorbereitet haben, was man hier in Alpirsbach als längst verhindert glaubte, versetzt das Städtchen im oberen Kinzigtal aktuell in Aufruhr. „Das hat uns völlig unvorbereitet getroffen“, sagt Annette Eberhard. Seitdem gärt es.
Windrad plötzlich ganz oben auf der Tagesordnung
Ging es bis dato in der Alpirsbacher Kommunalpolitik zum Beispiel um die Frage, was neben das neue Feuerwehrhaus an der Hauptstraße gebaut werden soll oder wie man den historischen Ortskern verschönern könnte, landete Ende Februar ein Punkt wie aus dem Nichts ganz oben auf der Tagesordnung: das Stuttgarter Windrad.
Annette Eberhard, die den Fernsehturm-Vergleich zieht und damit – die Flügel mitgezählt – höhenmäßig nah dran liegt, sitzt im Gemeinderat für „Zukunft für Alpirsbach“. Die Lokalpolitikerin ist nicht allein gekommen, um zu erklären, warum sich gerade eine Front bildet. Neben ihr stehen ihr Fraktionskollege Thomas Gutmann sowie Kurt Kalmbach und Harald Weber, der im Namen des Vereins Lebenswertes Oberes Kinzigtal in wenigen Tagen mehr als 500 Unterschriften gesammelt hat. Sie liegen schon beim Landrat. „Wir sind nicht gegen ein Windrad“, sagt Annette Eberhard. „Wir sind gegen diesen Standort.“ Neben ihr einmütiges Nicken.
Kloster und Brauerei haben Alpirsbach berühmt gemacht
Noch besser können sie ihre große Sorge am Aussichtspunkt oberhalb des Kurgartens zeigen, der von einer Zeit erzählt, als es hier noch eine Handvoll Kurkliniken gab. Zur Rechten liegen Kloster und Brauerei, die Alpirsbach so berühmt gemacht haben. Wer Alpirsbach hört, denkt Bier. Touristen, die von hier aus fotografieren, hätten im Hintergrund die Windmühle. Die pittoreske Kulisse wäre verschandelt. „Der Tourismus und der Wald sind unser Kapital“, sagt Annette Eberhard. 60.000 Übernachtungen zähle Alpirsbach im Jahr, Tendenz steigend.
Um das Windrad begann in Alpirsbach Ende Februar ein Wettlauf gegen die Zeit, den die Schwarzwaldgemeinde auch verlieren könnte. Die Stadtwerke Stuttgart haben den Genehmigungsantrag nach eigenen Angaben am 15. Januar beim Landratsamt Freudenstadt eingereicht. Alpirsbach habe erst Ende Februar von den Plänen der Stuttgarter Wind bekommen, sagen die Alpirsbacher. Im Raum stand die Bitte um Stellungnahme. Die könnte nicht deutlicher ausfallen.
Dann hätte Alpirsbach Pech
Vor Rudolf Müller liegt ein Stoß Papier. Ausklapppläne, Paragrafen, Abbildungen. Insgesamt füllt der Fall drei Ordner, sagt er. Rudolf Müller ist Stadtbaumeister in Alpirsbach. „Wir waren natürlich völlig irritiert“, sagt er. Anfang März ist er direkt zum Anwalt nach Freiburg; seitdem überschlagen sich die Dinge – ein wahrer Krimi im Kinzigtal.
Am 11. März hat der Regionalverband Nordschwarzwald den Teilregionalplan Windenergie verabschiedet. Insgesamt 2,8 Prozent der Fläche sind darin als potenzielle Windkraft-Standorte ausgewiesen – der Reutiner Berg fehlt. Normalerweise dauere es circa drei Monate, bis dieser Plan Rechtskraft erlange, sagt Rudolf Müller. Gut möglich, dass die Genehmigung an die Stuttgarter bis dahin schon raus ist, dann hätte Alpirsbach Pech. „Wir sind gerade in einer Situation, die schwierig ist“, sagt er. „Wir bauen jetzt so viele Störfeuer wie möglich auf.“
Eine Idee sei, die Grundstücke, die die Stadtwerke Stuttgart rund ums Windrad noch brauchen, zu kaufen und dann Veto einzulegen. Oder den Regionalplan durchzupeitschen. Oder aber das Landratsamt zu verklagen. „Da sind wir hemmungslos“, sagt Rudolf Müller.
Neben ihm sitzt die noch recht neue Bürgermeisterin Vanessa Schmidt. Die Stimmung ist angespannt. Und das nicht nur, weil das Rathaus diesen Standort längst vom Tisch wähnte. Die Heimlichtuerei verärgert die Bürgermeisterin mindestens genauso.
Damit mehr Windräder gebaut werden – und schneller
Dazu muss man sagen, dass sich die Rahmenbedingungen für Projektierer gelockert haben – damit es nicht mehr um die sieben Jahre dauert, bis so ein Windrad steht. Projektierer kann die Öffentlichkeit beteiligen, muss es aber nicht. Auf die Gefahr hin, dass es dann kurz vor knapp eskaliert.
Die Bürgermeisterin Vanessa Schmidt sagt, sie verstehe, dass Stuttgart seine Klimaziele erreichen wolle und dafür selbst zu wenig Platz habe. Aber nicht auf diese Tour. „Ich wünsche mir, dass ein Antragssteller vorher mit betroffenen Gemeinden redet.“ Am 10. März, nur einen Tag vor der Regionalversammlung, lud sie die Bürger zu einer Info-Veranstaltung über das Stuttgarter Windrad ein. Die Emotionen kochten hoch, erzählen Leute, die im „Haus des Gastes“ dabei gewesen sind. Ein Grund dafür dürfte gewesen sein: Der Gast, nämlich die Stadtwerke Stuttgart, sagte sein Kommen wieder ab. „Sie haben sich einfach entzogen“, findet Rudolf Müller.
„Sehr gerne hätten wir das Projekt vorgestellt und Fragen aus der Bevölkerung beantwortet“, entgegnet Rojda Firta, Sprecherin der Stadtwerke Stuttgart. „Doch leider wollte sich die Stadt Alpirsbach im Vorfeld nicht mit den Stadtwerken Stuttgart zum Inhalt und Ablauf der Veranstaltung abzustimmen. Aus diesem Grund sind wir der Veranstaltung ferngeblieben.“ Zu vermuten wäre: Die Stadtwerke wussten nicht, was sie erwartet. Grundsätzlich wolle man den Austausch mit der Kommune vertiefen. „Uns liegt viel an einem offenen Dialog. Aber dazu gehören immer alle Seiten.“
Die Bürgermeisterin von Alpirsbach erzählt, dass gerade eine E-Mail aus Stuttgart bei ihr einging – ein Gesprächsangebot. „Ich hoffe, wir kommen wieder auf eine sachliche Ebene“, sagt Vanessa Schmidt. Es gibt halt diesen Zielkonflikt. „Wir wollen diese Anlage dort nicht. Punkt“, sagt der Stadtbaumeister.
Alpirsbach will kein Stuttgarter Windrad vor der Nase
Bereits vor zehn Jahren stand der Reutiner Berg für ein Windrad zur Debatte. Aber viele waren schon damals dagegen, es kamen um die 700 Unterschriften zusammen; Alpirsbach hat um die 6000 Einwohner. Drei der Stadtteile schmiegen sich an den Südhang. Für sie alle würde sich die Aussicht mit Windrad drastisch ändern. „Egal wo Sie sich bewegen, Sie haben das Windrad vor der Nase“, sagt Thomas Gutmann. „Wir wollen nicht, dass die Stuttgarter kommen und uns die Sicht versperren.“ Wie das Ganze aussehen könnte, hat einer fotomontiert. Was man sich denken kann: Der Himmel hinter dem Windrad, das so groß wirkt wie das Kloster, ist auf der Visualisierung Wolken verhangen. Da oben liegt Reutin.
Der direkte Weg in den Stadtteil ist zurzeit gesperrt, Thomas Gutmann lenkt seinen Wagen über einen Umweg die Serpentinen hinauf. Reutin ist ein Höhenstadtteil und vielleicht die beste Wohnlage in Alpirsbach. Hier lebt man auf ebenem Grund, was keine Selbstverständlichkeit ist an diesem Ort, der zwar ein hübsches Fleckchen Erde ist, aber halt in einem verdammt engen Tal.
Oben, auf dem Höhenrücken gen Rottweil, drehen sich etliche Windräder. Aus Sicht der Alpirsbach die perfekte Nachbarschaft fürs Stuttgarter Windrad. „Das hat Konzept“, sagt Thomas Gutmann und biegt rechts ab nach Reutin. Hier gibt es keine Gehwege, die Straßen sind schmal. „Vom Windrad selbst würden wir gar nicht so viel mitbekommen“, sagt Annette Eberhard, die hier wohnt. Wenn es dann mal steht. Sie will sich nicht vorstellen, wie es vorher zugeht, wenn Tausende Lastwagen Beton und die Rotorflügel durch das Dörflein rüber zum Wald karren. Vor allem aber, sagt sie, kämpft sie aus Solidarität mit der Talgemeinde gegen die Windmühle.
Das sagen die Stadtwerke Stuttgart zum zeitlichen Ablauf
„Unsere Entscheidung, ob das Windrad gebaut werden wird oder nicht, hängt in erster Linie von der Baugenehmigung und wirtschaftlichen Aspekten ab“, sagt die Stadtwerke-Sprecherin Rojda Firat. Mit einer Rückmeldung des Landratsamts rechne man frühestens Ende April. „Die Einbindung lokaler Akteure und eine transparente Kommunikation sind zentrale Bestandteile unserer Projektarbeit“, sagt sie. „Dazu gehören unter anderem der frühzeitige Austausch mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern und weiteren relevanten Stakeholdern.“
Von Frühzeitigkeit kann aus Sicht der Alpirsbacher jedenfalls nicht die Rede sein. Ihnen kommt es vor, als wäre ihn über Nacht der Stuttgarter Fernsehturm in die Kulisse montiert worden.