Timo Neumann bringt in seinem Atelier viele Stunden damit zu, Kostüme für Faschingsvereine und Travestiekünstler zu schneidern oder optisch aufzuhübschen. Die Arbeit macht dem 32-Jährigen großen Spaß. Foto: Gottfried Stoppel

Timo Neumann lebt mit Partner und Hund in Urbach. Wenn er dort die Tür zu seinem Atelier öffnet, betritt der 32-Jährige die Welt seines Alter Egos: Als Dragqueen Tina Glamor hatte er schon viele Auftritte und er schneidert unter dem Markennamen.

In Timo Neumanns Leben gibt es zwei ganz unterschiedliche Welten: auf der einen Seite die des Bauzeichners mit Partner und Hund in einem schicken Haus in Urbach, auf der anderen jene des Travestiekünstlers mit bunten Federn, riesengroßen Brüsten, Glitzer und Theaterschminke. Denn Timo Neumann ist auch Tina Glamor – beziehungsweise war es. Mittlerweile verwandelt sich der 32-Jährige nur noch selten in die schrille Lady – sein Alter Ego Tina Glamor ist eher Markenname für seine Travestie-, Theater- und Faschingskostüme, die er in seinem kleinen Atelier schneidert und von dort aus über das ganze Land sowie darüber hinaus verschickt. Zu seinen Kunden zählen Privatpersonen, Faschingsvereine, Theater-, Musical- und Travestiekünstler aus Deutschland, der Schweiz und Österreich.

 

Das Atelier ist eine andere Welt mit Utensilien in allen Farben des Regenbogens

Wenn Neumann die Tür zu dem Raum öffnet, in dem er Fotografien von Auftritten, bunte Kostüme, aufwendige Deko und alles, was das Travestieherz sonst noch begehrt, aufbewahrt, dann öffnet sich eine andere Welt. Nähmaschinen, Nähgarn und Federn in allen Farben, eine überdimensionale Perücke aus Schaumstoff, Rüschen, Holzleim zum Pailletten kleben – der Kontrast zum Rest des Hauses könnte wohl nicht größer sein. Hier, auf den wenigen Quadratmetern mit all den Farben, Federn und dem vielen Glitzer, weht ein Hauch von Moulin Rouge.

Hier kann sich Timo Neumann ausleben und beim Schneidern den Stress des Tages loswerden. „Als Bauzeichner gibt es viele Vorgaben und anstrengende Situationen, beim Nähen kann ich kreativ sein und alles selbst bestimmen“, sagt der Mann aus Urbach. „Ich habe schon eine riesige Bratwurst als Verkleidung erschaffen oder ein Kostüm, in das ein Schloss integriert war. Einmal gab es den Kundenwunsch nach einer Narrenkappe als Bischofshut, aufklappbar mit dem Mainzer Dom im Inneren.“ Das Material für all diese aufwendigen Kreationen kauft Neumann bei Bedarf auch im Baumarkt.

Weil er den Job nicht hauptberuflich macht, kann er sich die Aufträge aussuchen

Weil er den Job nicht hauptberuflich macht, kann er sich die Aufträge für die Bühnenkostüme und Kopfbedeckungen aussuchen und nur das annehmen, was besonders kreativ ist und ihm Spaß macht. Auf dem Tisch im Atelier liegen Skizzen. Timo Neumann visualisiert die ausgefallenen Kundenwünsche so, dass er sie auch schneidern und herstellen kann.

Gelernt hat er das Handwerk nicht. „Ich habe mir das alles selbst beigebracht, ohne Nähkurs, komplett autodidaktisch. Kostüme und Verkleiden waren einfach schon immer mein Ding.“ Kein Wunder: Denkt Timo Neumann an seine Kindheit, dann fallen ihm sofort die Weihnachts- und Geburtstagsfeste mit kleinen Playback-Showeinlagen ein, mit denen alle viel Spaß hatten – Verkleiden war Programm in der Großfamilie Neumann. „Wir waren Karnevalsfans. Wenn wir alle zusammenkamen, schneiderte meine Oma aus alten Vorhängen Kostüme, und wir sangen und machten Party.“

Doch auch wenn Neumann damit aufgewachsen ist, sich durch Kleidung und Schminke in eine andere Person zu verwandeln, zur Dragqueen wurde er eher aus der Not heraus: Als er sechzehn Jahre alt war und in Hose und Pullover vor Clubs stand, musste er oft unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen – die Kontrollen waren streng, und die Türsteher sagten ihm regelmäßig, dass er nicht in den Club reinkomme. Irgendwann reichte es dem Teenager. Er sagte den Türstehern den Kampf an. „Eines Abends erklärte ihnen, dass ich jetzt heimfahren und mich umziehen werde.“ Gesagt, getan.

Aber er zog nicht einfach eine andere Jeans und ein feineres Hemd an, sondern bediente sich am Kleiderschrank seiner Schwester, bastelte sich aus seinen eigenen Haaren und einer Clownsperücke eine beachtliche Frisur und zog Schuhe mit Keilabsatz an. Dann noch ein bisschen Farbe ins Gesicht – und die Verwandlung war perfekt. So perfekt, dass die Türsteher ihn sprachlos durchgewunken hätten. „Die waren baff. Ich musste keinen Eintritt zahlen, und drinnen gab es Getränke umsonst“, erzählt er.

Das war die Geburtsstunde seiner Travestiekunst. Schnell war ihm klar, dass er sich abheben und seine Kostüme selbst schneidern wollte. „Es gibt ja nichts Schlimmeres, als wenn zwei Frauen das gleiche anhaben.“ Er wurde immer bekannter, sein Netzwerk wuchs. Schnell wurde er für die ersten Auftritte gebucht. „Ich war bald ziemlich populär als Dragqueen. Aber irgendwie war es trotzdem nie so ganz mein Ding. Das Schneidern jedoch schon.“ Dementsprechend viele Stunden verbringt er damit, bunte Kostüme zu fertigen, manchmal pimpt er ein schon bestehendes Kleidungsstück auch nur mit Federn, Tüll oder anderen Elementen auf. Oder er bringt Wochen damit zu, von Hand Pailletten auf ein Outfit zu nähen. Was seine Werke kosten, kann Neumann deshalb nicht pauschal beantworten. „Die Spanne liegt so zwischen 300 und 5000 Euro, aber wenn ich nur eine Kleinigkeit anbringen muss, liegen wir natürlich drunter.“

Beim alljährlichen Christopher-Street-Day ist Tina Glamor Stammgast

Auch wenn er nicht mehr oft zu der mal sexy blinzelnden, mal elegant daherschreitenden, mal Witze reißenden Tina Glamor wird: Beim alljährlichen Christopher-Street-Day ist er weiterhin Stammgast – und zwar in voller Montur. In seiner aktiven Zeit war er auf vielen Bühnen präsent, unterhielt als Tina Glamor mit einem lustigen, anzüglichen Programm, nahm Geschlechterrollen und die schwäbischen Marotten auf die Schippe oder servierte als Dragqueen Getränke und Häppchen. „Egal ob auf der Bühne oder als Ausstellungsstück, die Schminke musste ordentlich dick sein und die Kostüme mussten was aushalten können, schließlich war auch mal ein schneller Outfitwechsel nötig“, sagt Timo Neumann, der auch schon in Radio und Fernsehen präsent war und in dem Kinofilm „God of Happiness“ eine Prostituierte spielte.

Auch eine Abschminknummer gehörte mit zum Repertoire

In seinen aktiven Zeiten gehörte oft eine Abschminknummer dazu. „Ich wollte das Publikum nicht mit der Illusion entlassen, ich sei eine Frau. Ich habe ihnen auch gerne was zum Nachdenken mitgegeben und sie gefragt, ob sie glücklich wären, wenn ihr Sohn hier stünde.“ Der 32-Jährige ist ein bisschen Timo und ein bisschen Tina. Aber vor allem ist er ein Mensch, der Spaß am Verkleiden hat und für Toleranz steht. Bei all dem ist Timo Neumann Travestiekünstler, kein Transmann. „Es ist eine Kunst wie jede andere. Ich bin ein normaler Mann und würde nie Beine rasieren.“ Stattdessen trug Tina Glamor blickdichte Strumpfhosen und eine Schaumstoffhose für die passenden Rundungen. „Damit auch alles stimmt mit den Brüsten und dem gebärfreudigen Becken.“

Timo Neumann Als Tina Glamor ist Neumann am Montag, 5. August, in der SWR-Sendung „Sag die Wahrheit“ zu sehen. Weitere Informationen gibt es unter www.tina-glamor.com