Beim Drachenfest in Löchgau sind einige originelle Exemplare zu sehen. Foto: Werner Kuhnle

Drachenflieger reisen europaweit von einem Fest zum anderen. Unser Reporter und Drachen-Laie trifft in Löchgau auf Reiner Kiefer, einen Profi aus dem Schwarzwald, der viel Zeit in sein Hobby steckt und einen ganz besonderen Drachenflieger-Wunsch hegt.

Drachen und ich – das ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Nie fliegen diese Dinger. Liegt es denn am schlechten Material, oder habe ich ganz einfach zu wenig Wissen? Vermutlich stellen sich auch viele andere diese Frage. So reise ich voller Hoffnungen zum Drachenfest nach Löchgau. Werde ich dort mit meinen 59 Jahren endlich einen Drachen in der Hand halten, der wirklich in die Lüfte steigt?

 
Experte Reiner Kiefer (rechts) überlässt dem Reporter Oliver von Schaewen den Drachen „Phönix“ zum Beschnuppern. Foto: Werner Kuhnle

Bereits bei der Anfahrt dämpft unser Fotograf meine Hoffnungen auf ein Erfolgserlebnis. „Es weht kein bisschen Wind“, sagt Werner Kuhnle am Telefon. Immerhin werden mir Experten in Aussicht gestellt, die sich auskennen. Kurzerhand habe ich mir einen alten Lenkdrachen der Lebensgefährtin aus dem Keller geschnappt, der dort schon lange Jahre darbt. Ich frage mich, ob das der Drachen sein wird, mit dem ich aus meiner seit den Kindheitstagen anhaltenden Misere emporsteigen werde wie der sagenumwobene Phönix aus der Asche.

Es weht in der Tat kein Lüftchen, als ich ankomme. Immerhin sind an diesem Sonntag tausende Besucher auf dem Flugplatz der Luftsportgemeinschaft Bietigheim-Lauffen-Löchgau. Das Drachenfest steigt zum fünften Mal. „Für Familien im Herbst ist das eine Gelegenheit, etwas zu erleben“, sagt Kai Schollenberger, der im Verein die Pressevertreter betreut. Fliegende Drachen sind an diesem grauen Herbsttag nicht zu sehen auf der Wiese, die den Profis vorbehalten ist. Dafür sind die Verpflegungsstände super besucht – gut für die Vereinskasse.

Drachen steigen lassen – was machen Väter falsch?

Auf dem Weg zu den Experten schießen mir Erfahrungen mit Flugdrachen durch den Kopf. Mein Drachen schmierte einst ab und war schnell kaputt. Sven, bester Kindheitsfreund, hatte einen Lenkdrachen. Ich schaute ihm meistens zu, wenn er damit hantierte. Nie wieder fand ich einen Bezug. Auch kürzlich auf der Wiese mit den Kindern eines Verwandten flogen die von ihm selbst gebauten Drachen nicht. Woran liegt das – was machen Väter falsch, frage ich mich und suche den Drachen, der steigt.

Dann stehe ich Reiner Kiefer gegenüber, dessen bunte selbst genähte Papageiendrachen sofort sympathisch wirken. Als ich ihm meinen noch eingepackten Altdrachen zeige, winkt er freundlich, aber bestimmt ab. „Der hat Glasfaserstäbe – er ist zu schwer, um heute fliegen zu können.“ Aha, denke ich und wittere: Es liegt doch am Material und nicht an meinen Flugfähigkeiten. Und richtig – mein Drachen bringe 60 bis 70 Gramm auf die Waage, seiner nur 27 Gramm, erklärt der Drachenfan aus dem Schwarzwald. „Es kommt hier auf jedes Gramm an.“

Beim Drachensteigen kann man wunderbar entspannen

Als ob ich es gewusst hätte, heißt sein Einleindrachen – im Fachkreisen wird diese Art „Eddy“ genannt – „Phönix“. Ich halte ihn in der Hand, er ist federleicht, und ich ahne, dass ich mit ihm meiner lang gehegten Drachenphobie beikommen könnte. Im Gespräch erfahre ich noch viel von der Begeisterung, mit der Reiner Kiefer seinem Hobby nachgeht. „Ich habe früher in der Kunststofffertigung gearbeitet – wenn ich mit dem Drachen eine Stunde auf die Wiese ging, fiel bei mir alles ab.“ Entspannung. Auf die Wiese gehen, an die frische Luft. Ist es nicht das, was auch ich, ja die Gesellschaft, eigentlich bräuchte? Ich bin angefixt.

Was mich als Wohnmobilisten ebenfalls neugierig macht: Die Kiefers kommen herum. So gibt es eine richtige Drachenfliegerszene. Die Profis reisen mit ihren Drachen in Wohnmobilen und Caravans von einem Drachenfest zum anderen. Kiefer fährt mit seiner Frau bis nach Dänemark und Italien, liest Fachzeitschriften. „Man muss unbedingt Fanø gesehen haben – es ist das Mekka der Drachenfeste mit über 5000 Fliegern.“ Bei mir entsteht Lust, mehr Drachenfeste zu besuchen, mit oder ohne Flugdrachen. Kiefers Traum: in der Badehose am Strand von Fuerteventura Drachen steigen lassen.

Die Kinder rennen mit den Drachen – sie steigen trotz Flaute ein bisschen

Auf der Wiese für Familien steigen viele Drachen ein wenig, „aber nur weil die Kinder rennen“, erklärt Kiefer. Die Trennung zu den Profis müsse sein. Die Schnur eines Fünf-Euro-Drachen könne die teurere im Falle eines Verhedderns zerschneiden. Offenbar sind die Billigexemplare aus Fernost robust. Welche Drachen er als Kind hatte? „Auch die Einleindrachen mit Holzgerüst – wir bettelten beim Schreiner um Lattenholz.“ Natürlich seien auch die sehr schwer gewesen.

Tröstlich für mich – auch der Profi blieb im Laufe seines Drachenlebens von verheerenden Desastern nicht verschont. Als Kind sei ihm der Drachen weggeflogen, und vor etwa 25 Jahren gelang es ihm nur mit einem Sprung in den Brombachsee, seinen Lenkdrachen zu retten. Abgesehen von solchen kleinen Abenteuern schätzt Reiner Kiefer die Arbeit an selbst gebauten Drachen, wie einem bunten Papageien, der in 150 Stunden entstand. „Man muss sehr genau an der Nähmaschine arbeiten, damit die Drachen auch fliegen.“ Interessant auch Kiefers Nebenbemerkung: „Unter den Drachenbauern sind es meistens die Männer, die nähen.“

Der federleichte Drache ist nach einer Bauanleitung gebaut

Nähen ist nicht mein Ding, denke ich, verstehe aber, dass das wohl ein Schlüssel zum besonders leicht gebauten Drachen sein kann. Denn „Phönix“, den Reiner Kiefer nun in die Hand nimmt, stammt nicht aus dem Laden, sondern ist nach der Bauanleitung eines Ludwigsburgers selbst gebaut. Für Laien gebe es den Handel: „Sie müssen zu Metropolis – die haben super Drachen.“

Dann erlebe ich meinen großen Moment. „Kurbeln Sie einfach“, sagt mein Gegenüber, und „Phönix“ steigt und steigt trotz Windstille. Ich ziehe ihn aus einer Entfernung von etwa 100 Metern immer weiter zu mir her – bis er sanft landet. Glücksgefühle steigen auf, ich lächele. Das bemerkt auch Reiner Kiefer. „Zum Anfangen ist es nie zu spät“, sagt er und ermutigt mich, das Hobby neu zu entdecken. Darüber, dass ich beim Kurbeln die Leine neben der Spule schief gewickelt habe, sieht er großzügig hinweg.