Doris Leibinger unterstützt mit ihrer Stiftung die bundesweit rund 10 000 Taubblinden. Eine kleine Begebenheit hatte einst den Anstoß gegeben für das Engagement der Unternehmerwitwe, die auch ihresgleichen einiges zu sagen hat.
Strohgäu - Sie scheut das Rampenlicht. Doch wenn sich Doris Leibinger dazu entschließt, in die Öffentlichkeit zu treten, geht sie auf die Menschen zu, offen, direkt mit einem fröhlichen Lachen im Gesicht. Und bei Bedarf auch deutlich in der Ansprache. Der Staat könne nicht alles richten, ist sie überzeugt. Deshalb sei der einzelne gefordert. „Die Selbstverantwortlichkeit fehlt bei vielen“, beobachtet sie. Aber viele Menschen litten eben auch Not.
Leibingers Augenmerk gilt dabei besonders Kindern, Jugendlichen und Taubblinden. Die Witwe des langjährigen Trumpf-Chefs Berthold Leibinger unterstützt sie mit ihrer eigenen Stiftung. Dafür wurde zuletzt eine Fördervereinbarung mit der Stiftung taubblind leben geschlossen. Unter anderem wird die Ausbildung von Taubblindendolmetschern gefördert.
Offen sein für die Not anderer
Nach Stiftungsangaben stehen für die bundesweit rund 10 000 Taubblinden lediglich vier Lormdolmetscher zur Verfügung. Erst sie ermöglichen Taubblinden den Arztbesuch, einen Notar- oder Anwaltstermin.
„Mir ist gegeben und geschenkt worden“, nennt die 85-Jährige eine Motivation ihres Engagements. „Meine Aufgabe ist es, Beispiel zu geben und meine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen.“ Ihr gehe es gut, ebenso ihrer Großfamilie. Mehr noch: Der praktizierenden Christin ist es eine Verpflichtung, genau hinzuschauen. „Der Mensch muss sich aufgerufen fühlen zu helfen nach seinen Möglichkeiten. Wir sind, jeder einzelne ist dazu aufgerufen.“
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Sie weiß, dass sie dies aus einer wirtschaftlich außergewöhnlichen Situation heraus sagt. Aber sie kokettiert nicht damit. „Man muss offen sein für die Not der anderen“, meint sie. Das fordert sie auch ein – zum Beispiel von ihresgleichen. Denn „der, der hat, soll großzügig sein“.
Sie hilft, um Not zu lindern, nicht um sich damit zu schmücken. Natürlich wolle sie auch etwas bewirken – im konkreten Fall etwa eine optimierte Hilfsmittelversorgung für Taubblinde. Zumal im Kontext der Digitalisierung neue Möglichkeiten entstünden: von der Transkriptions-App auf dem Computer oder Smartphone, die die Braille-Schrift in Buchstabenschrift oder das gesprochene Wort in Braille-Schrift wandelt, bis hin zum Vibrationsalarm, der dem Taubblinden signalisiert, dass jemand den Raum betritt. „Ich kann nicht alle Not lindern“, sagt sie, die doch etwas bewirken will. Sie weiß, dass sie auswählen muss. Doch wenn sie sich engagiert, dann weil es ihr ein Anliegen ist, weil sie dazu etwas zu sagen hat. Für die Taubblinden etwa macht sie sich stark, weil diese keine Fürsprecher hätten. Leibinger will nicht von Lobbyismus sprechen, das ist bei ihrem Verständnis vom Miteinander in der Gesellschaft fehl am Platz. Wer in Not sei, müsse die Unterstützung bekommen, die eines Menschen würdig ist, meint sie. „Wir sind aufgerufen, das Leid zu lindern.“
Dafür muss man bisweilen genau hinschauen. Leibinger selbst führte eine einzige Situation zu ihrem Engagement für Taubblinde. Jahrzehnte sei dies her, erzählt die gebürtige Ditzingerin. Sie war auf dem Weg von Stuttgart nach Berlin, als ihr auf dem Flughafen eine Frau mit einem Kind auffiel, das ganz offensichtlich nicht allein zurecht kam. Die Frau schob das hilflose taubblinde Kind vor sich her, um es, wie sie erzählte, in ein Heim zu bringen. Für Leibinger, die Nahbare, war dies der Moment, der sie zeitlebens nicht mehr loslassen sollte.
Doch erst eine Summe von Aspekten verwandelten ihr Erlebnis in ein Handeln. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass daran maßgeblich ihr Mann beteiligt gewesen sei, der im Oktober 2018 verstorbene langjährige Chef des Ditzinger Laserspezialisten Trumpf. „Fantasie, große Begabung und Einsatz“ hätten ihn geprägt, sagt seine Witwe. Er sah seine Mitmenschen, ganz gleich, an welchem Platz sie in der Gesellschaft wirkten. „Er hat ein gutes Gespür gehabt“, sagt Brigitte Diefenbacher. Sie ist Geschäftsführerin sowohl der Doris- als auch der Berthold-Leibinger-Stiftung. So prägte er auch seine Frau.
Soziale Aktivitäten gebündelt
Die 2007 gegründete Doris-Leibinger-Stiftung verfügt nach eigenen Angaben über ein Stiftungskapital in Höhe von rund 2,9 Millionen Euro. Die Unternehmergattin wollte ihre sozialen Aktivitäten in der Stiftung bündeln. Schwerpunkt der Förderung sind Kinder und Jugendliche sowie Familien mit körperlich und geistig schwerbehindertem Nachwuchs.
Und doch geht es Leibinger nicht um das Geben allein. Denn sich als Wohltäterin über den Mitmensch zu stellen, widerspräche ihrer Grundhaltung. „Es geht um die Würde des Menschen – Almosen sind etwas Schlimmes“, sagt sie. Das bedeutet im Umkehrschluss eben auch anzunehmen, wenn ihr selbst etwas angeboten wird. Leibinger legt Wert auf diese vermeintlichen Kleinigkeiten, sie sind ihr ein Ausdruck dafür, wie die Gesellschaft miteinander umgehen sollte: „Wir sind Menschen und leben miteinander.“ Das beinhaltet ihrer Meinung nach den höflichen Umgang miteinander, wie etwa den Gruß auf der Straße. Das kann aber auch heißen, dass sie direkt sagt, was sie denkt: Es sei selbstverständlich gewesen, die beiden jungen Besucher der Ausstellung im Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin anzusprechen. Ihr Interesse hatte sie begeistert.