Das feierliche Gelöbnis der Rekruten anlässlich 70 Jahre Bundeswehr hat auf dem Mariahilfplatz in München stattgefunden. Foto: IMAGO/Sven Simon

Die Bundeswehr feiert eine Art Doppeljubiläum: Sie ist 70 Jahre alt. Seit 25 Jahren dienen auch Frauen an der Waffe. Doch die Armee ist nicht in Bestform.

Die Geschichte der bundesdeutschen Armee beginnt mit einer „Stunde der Besinnung“. Zu einer solchen hatte Bundesverteidigungsminister Nummer eins, Theodor Blank (CDU), den Akt erklärt, als er vor 70 Jahren erstmals Freiwillige für die Bundeswehr verpflichtete. Die Bundeswehr hieß damals noch gar nicht so. Der Name wurde ihr erst im Frühjahr 1956 übertragen.

 

Wie kam es zur Bundeswehr?

Nach der Kapitulation des Hitler-Regimes am Ende des Zweiten Weltkriegs hatten die Siegermächte eine Entmilitarisierung Deutschlands angeordnet. So beschlossen sie es mit dem Potsdamer Abkommen im Sommer 1945. Offiziell wurde die Wehrmacht – so hieß Hitlers Armee – ein Jahr später mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 34 aufgelöst. Danach oblag die Sicherheit Deutschlands für zehn Jahre dem Militär der Besatzer.

Der erste Kanzler der neuen Bundesrepublik, Konrad Adenauer (CDU), brachte schon kurz nach seinem Amtsantritt im Herbst 1949 eine Wiederbewaffnung ins Spiel. Er schlug vor, dazu deutsche Streitkräfte einer europäischen Armee zuzuordnen. Der Bundestag lehnte dies Ende November 1949 ab.

Vor dem Hintergrund des Koreakriegs, der die Furcht vor einer Expansion der Sowjetunion befeuerte, erneuerte Adenauer seinen Vorschlag. Im Oktober 1950 ernannte er den späteren Verteidigungsminister Blank zu einem Sonderbeauftragten für militärische Fragen. Wenige Tage zuvor hatte der französische Ministerpräsident René Pleven die Idee einer Europaarmee mit deutscher Beteiligung unterbreitet („Pleven-Plan“). Dem stimmte der Bundestag Anfang November 1950 zu. Einen Monat später billigten dies auch die Verteidigungsminister des neu gegründeten Nordatlantikpakts (Nato).

Die innenpolitischen Widerstände gegen eine Wiederbewaffnung waren jedoch enorm. Protest kam vor allem aus den Reihen der protestantischen Kirchen und der Gewerkschaften, auch aus Teilen der SPD. 1954 fand sich im Bundestag jedoch eine Zweidrittel-Mehrheit für einen „deutschen Wehrbeitrag“ im Rahmen einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Diese scheiterte letztlich jedoch in der französischen Nationalversammlung. Ein Jahr später wurde Deutschland in die Nato aufgenommen. Die neuen Streitkräfte der Bundesrepublik waren von Anfang an als eine Armee unter internationaler Kontrolle gedacht.

1955 und im Jahr danach beschloss der Bundestag eine Reihe von Gesetzen, die das Fundament für die Bundeswehr schufen. Am 16. Juli 1955 wurde entschieden, 6000 Freiwillige für den Wehrdienst einzustellen. Zwei Wochen später hatten sich 150.000 Bürger dafür gemeldet. Am 12. November wurden die ersten 101 freiwilligen Soldaten verpflichtet – im Rahmen der eingangs erwähnten „Stunde der Besinnung“.

Warum heißt die Bundeswehr so?

Die früheren Bezeichnungen für deutsche Streitkräfte waren erheblich belastet. Hitlers Wehrmacht war in Kriegsverbrechen verstrickt, die Reichswehr der Weimarer Republik galt als tendenziell illoyal gegenüber der demokratischen Regierung und folglich als „Staat im Staate“. Der Begriff „Bundeswehr“ fand sich schon 1849 in Vorschlägen an die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche für eine deutsche Volksarmee. 1956 griff der CSU-Politiker Richard Jaeger, damals Vizepräsident des Bundestags, diesen Namen auf. Als eigentlichen Namensgeber nannte er den ehemaligen General Hasso von Manteuffel.

Die unselige Vergangenheit des deutschen Militärs überschattete auch die Anfänge der Bundeswehr. Um zu vermeiden, dass frühere Nazi-Offiziere Befehlsmacht erlangen, schuf das Parlament auf Drängen der SPD einen sogenannten Personalgutachterausschuss. Er sollte alle Kandidaten für höhere Offiziersränge überprüfen. Von 600 Bewerbern lehnte er 53 ab. Kanzler Adenauer gab jedoch zu bedenken, dass sämtliche Offiziersbewerber mit militärischer Erfahrung bereits in der Wehrmacht gedient hätten. Er könne keine 18-jährigen Generäle einstellen, sagte der Christdemokrat. Tatsächlich hatten 1959 von knapp 15.000 bis dahin eingestellten Bundeswehroffiziere 12.360 eine Vorgeschichte in der Wehrmacht. 300 entstammten der Waffen-SS.

Wie entwickelte sich die Truppe?

Ihre ersten Kontingente formierte die Bundeswehr aus knapp 10.000 ehemaligen Beamten des Bundesgrenzschutzes. Ein Jahr nach dem formellen Gründungsbeschluss verfügte sie über 47.000 Soldaten. Im Sommer 1956 wurde die Wehrpflicht für Männer zwischen 18 und 45 Jahren eingeführt. Am 1. April 1957 traten die ersten 10.000 Wehrpflichtigen des Jahrgangs 1937 ihren Dienst an. Anfangs dauerte der Grundwehrdienst zehn Monate. Später wurden es bis zu 18 Monate. Kurz bevor die Wehrpflicht 2011 auf Eis gelegt wurde, waren es noch sechs Monate.

Mehr als acht Millionen deutsche Männer haben in der Bundeswehr bis dahin ihren Wehrdienst absolviert. Noch vor der Wehrpflicht stand allerdings das Recht auf Kriegsdienstverweigerung im Grundgesetz. Von 1956 bis 2024 haben 4,2 Millionen Personen davon Gebrauch gemacht.

Schülerinnen und Schüler haben jüngst gegen die Wehrpflicht demonstriert. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Frauen blieben zunächst von sämtlichen militärischen Aufgaben ausgeschlossen. 1975 wurden auf Vorschlag des damaligen Verteidigungsminister Georg Leber (SPD) die ersten fünf weiblichen Sanitätsoffiziere eingestellt. Nach einem Beschluss des Europäischen Gerichtshofs war die Bundeswehr seit 2001 auch uneingeschränkt Frauen zugänglich. Vor 25 Jahren wurden die ersten 244 Rekrutinnen an der Waffe ausgebildet. Inzwischen leisten fast 25.000 Frauen Militärdienst in der Bundeswehr, darunter 7246 Offizierinnen. Das sind 13,7 Prozent aller Soldaten.

1963 umfasste die Bundeswehr 400.000 Soldaten. Damals investierte der Staat 4,9 Prozent der Wirtschaftskraft in das Militär – mehr als jemals später. Bis Ende der 1980er Jahre zählten 500.000 Soldaten zur Bundeswehr, dazu 7000 Panzer und 1000 Flugzeuge. Mit dem Zwei-plus-vier-Vertrag, der die deutsche Einheit besiegelte, wurde die Kopfzahl der Bundeswehr auf 370.000 limitiert. Die Bundeswehr übernahm Soldaten, Waffen und Gerät der Nationalen Volksarmee der DDR. Die meisten Unteroffiziere und sämtliche Offiziere wurden jedoch entlassen.

Zur Jahrtausendwende hatte die Bundeswehr noch 300.000 Soldaten. Inzwischen sind es 182.000. Der aktuelle Bestand an Kampfpanzern wird auf 300 geschätzt. Die Luftwaffe hat etwas mehr als 200 Kampfjets und knapp 300 Hubschrauber.

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