Sitzplätze verzweifelt gesucht: Begrüßung der Erstsemester an der Uni Hohenheim. Foto: Max Kovalenko/PPF

Eigentlich hatten die Universitäten und Hochschulen angesichts des Doppeljahrgangs der Abiturienten einen nie gekannten Ansturm von Erstsemestern erwartet. Doch vor Semesterbeginn am Montag zeichnet sich ab, dass die Zahl der Studienanfänger teilweise sogar unter der des Vorjahrs liegt.

Stuttgart - Es ist voll. Und es ist stickig. Der große Hörsaal B1 der Uni Hohenheim platzt am Freitag aus allen Nähten. Die Erstis sind da. Neugierig blicken sie auf Rektor Stephan Dabbert, der sie begrüßt und verspricht: „Obwohl Sie viele sind, versuchen wir, Sie gut zu betreuen.“ Es ist der gefürchtete Doppeljahrgang, der hier sitzt. Rund 2500 Abiturienten der G-8- und G-9-Züge beginnen am Montag in Hohenheim einen Bachelor- oder Masterstudiengang. Das sind sehr viele, aber nur wenig mehr als im Wintersemester 2011/12.

Der ganz große Ansturm im Bachelor-Bereich ist ausgeblieben – und das hat seine Gründe. „2011 rieten viele Lehrer ihren Schülern, sofort mit dem Studium zu beginnen, um dem Ansturm zuvorzukommen“, sagt Professor Michael Kruse, Prorektor für Lehre in Hohenheim. Auch in diesem Jahr verhalten sich die Schulabgänger offenbar taktisch klug. „Viele scheinen erst einmal ein Auslandsjahr oder ein Praktikum einzuschieben.“ Zudem ist das Ausbauprogramm 2012 des Landes an den Hochschulen so gut wie abgeschlossen. Neue Studienplätze sind in diesem Wintersemester nicht mehr hinzugekommen. Von 2007 bis 2011 hatte die Uni ihre Bachelorstudiengänge samt neuen Professuren schrittweise ausgebaut. Nur in den wenigen zulassungsfreien Fächern könnten sich noch Nachzügler einschreiben.

Trotzdem wird es eng. Die Bibliothek ist nach dem Brand vor knapp einem Jahr noch nicht benutzbar, den gewünschten neuen Hörsaal wird es kaum vor Ende nächsten Jahres geben. Prüfungen werden nur noch in den Semesterferien geschrieben, um die Räume frei zu halten. „Deshalb können wir keine großen Konferenzen mehr abhalten“, sagt Uni-Sprecher Florian Klebs. Und schon sieht die Uni das nächste Problem auf sich zukommen. Durch den bundesweiten Ausbau der Bachelorstudiengänge drängen immer mehr junge Akademiker in die Masterstudiengänge. „Wir haben einen Anstieg der Bewerber um 25 Prozent, auch hier brauchen wir Unterstützung“, so Rektor Dabbert.

„Leere Reihen wird es in den Hörsälen kaum geben"

Ganz ähnlich sieht es an der Uni Stuttgart aus, wo sich die Zahl der Neueingeschriebenen mit über 5000 ebenfalls auf einem hohen Niveau eingependelt hat. Besonders beliebt sind wie seit Jahren die Fächer Technisch orientierte Betriebswirtschaftlehre, Maschinenbau, Sozialwissenschaften, Architektur und Stadtplanung sowie Luft- und Raumfahrttechnik. „Leere Reihen wird es in den Hörsälen kaum geben“, sagt Pressesprecher Hans-Herwig Geyer.

Die Hochschule der Medien (HdM) hat zum 1. Oktober 778 neu eingeschriebene Bachelor- und Masterstudenten gezählt. Damit werden 50 Prozent mehr Anfängerplätze angeboten als noch zum Wintersemester 2007/08. Allerdings: „Die HdM setzt auf angewandte Wissenschaften und hat traditionell viele Bewerber mit anderen Hochschulzugangsberechtigungen, bei denen es keinen Doppeljahrgang gibt“, so Mathias Hinkelmann, Prorektor für Lehre. Der „extreme Run“ sei daher ausgeblieben. Weitere Entlastung verspricht sich die Hochschule von Neubauten. So soll im Jahr 2014 der Ableger in der Wolframstraße schließen, der Studiengang Bibliothekswesen auf dem Campus in Vaihingen in einen Neubau einziehen. Schon im nächsten Jahr weicht der provisorische Pavillon einem soliden Gebäude und bringt deutlich mehr Platz.

Hohe Nachfrage nach Zimmern in Wohnheimen

An der Hochschule für Technik (HfT) ist die Zahl der Erstsemester vom Höchststand 635 im Vorjahr auf nun 622 leicht gesunken. Die Hochschule sieht dafür zwei Gründe. Zum einen wurden im Vorjahr neue Studiengänge, die erst im Sommersemester 2012 beginnen sollten, vorzeitig gestartet. Zudem ist an der HfT zu beobachten, dass immer mehr Erstsemester im Frühjahr ihr Studium aufnehmen. Waren es zum Sommersemester 2010 noch 315 Studienanfänger, stieg deren Zahl in den beiden folgenden Jahren auf 405 und 554.

Schwierig wird die Suche nach einer Bleibe am Studienort. „Die Nachfrage nach Zimmern in Wohnheimen ist hoch“, sagen übereinstimmend die Sprecher der Studentenwerke Stuttgart und Tübingen-Hohenheim. „Aber sie ist nicht so gravierend, wie man es hätte erwarten können.“ Etwa 3000 Bewerbungen seien in den vergangenen Monaten für Stuttgart eingegangen, 1300 für Hohenheim. „Der Großteil ist inzwischen untergekommen.“ Gleichwohl existiert beim Studentenwerk Stuttgart derzeit noch eine längere Warteliste. „Wir erwarten aber, dass die bis zum Ende des Jahres abgearbeitet ist“, sagt die Sprecherin.

Um den im Wintersemester wachsenden Andrang in den Mensen besser zu bewältigen, hat das Studentenwerk in der Stadtmitte und auf dem Campus Vaihingen in den Mensen jeweils eine zusätzliche mobile Essensausgabe eingerichtet. Außerdem wurden die Essenszeiten um 45 Minuten bis 15 Uhr verlängert. Ähnlich reagiert man in Hohenheim.

Die Uni Stuttgart empfängt ihre Erstsemester am Montag, 15. Oktober, um 18 Uhr in der Liederhalle. Freie Studienplätze in Baden-Württemberg und in anderen Bundesländern sind in der kommenden Woche unter www.studienplatzboerse-bw.de zu finden.

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