„Ich ist ein anderer“, schrieb der Psychoanalytiker Jacques Lacan. Ist der Doppelgänger schon in der Ich-Werdung über ein Spiegelbild angelegt? Foto: Unsplash/Jurika Koletic

Wir leben in einer Zeit der Doppelgänger, der Zerrbilder. Als unheimliche Doubles klammern sie Facetten aus, stellen verengte Positionen heraus und Realität infrage. Die Toleranz gegenüber Ambivalenzen sinkt.

Die amerikanische Wissenschaftlerin Naomi Klein hat während der Pandemie etwas Beunruhigendes beobachtet. Die Beobachtung wirkt auf den ersten Blick harmlos, geradezu komisch. Klein schreibt, sie sei im Internet plötzlich ständig mit Naomi Wolf verwechselt worden, einer anderen Wissenschaftlerin und Autorin. Diese Erfahrung steht zentral in Kleins aktuellem Buch „Doppelganger“, das in den USA auf den Bestsellerlisten gelandet ist und von der „New York Times“ als ein „Book of the Year 23“ ausgezeichnet wurde.

 

Die Biografien der beiden Naomis wirken auf den ersten Blick tatsächlich ähnlich. Beide sind als Kritikerinnen des Kapitalismus und Chauvinismus bekannt geworden, Wolf 1990 mit der feministischen Analyse „Der Mythos Schönheit“ und Klein 2000 mit dem globalisierungskritischen Essay „No Logo“. Beide Naomis galten als links und progressiv.

Doppelgänger sind unheimlich, sie sind vertraut und fremd zugleich

Doch dann trat Wolf während der Pandemie zunehmend mit Rechtsradikalen wie Steve Bannon auf und verbreitete als Maßnahmengegnerin und Impfskeptikerin Verschwörungstheorien. Immer wieder wurde Naomi Klein in den sozialen Netzwerken angegriffen: Was ist nur mit Naomi geschehen? Die Nutzer verwechselten sie mit der anderen Naomi. Die war zu einer unheimlichen Doppelgängerin geworden, deren Wirken Klein in der folgenden Zeit fasziniert und verunsichert zugleich verfolgte. Klein wollte offiziell klarstellen, dass sie nicht die andere Naomi war. Zugleich fragte sie sich, ob sie durch ihre Reaktion nicht noch unnötig Aufmerksamkeit auf die Doppelgängerin lenkte.

Doppelgänger sind unheimlich, sie sind vertraut und fremd zugleich. Unheimlich, schrieb der Psychoanalytiker Sigmund Freud, ist „alles, was ein Geheimnis, im Verborgenen bleiben sollte und hervorgetreten ist“ – etwas Verdrängtes, das an die Oberfläche kommt, etwas ehemals Heimisches, Altvertrautes: Es ist un-heimlich im doppelten Wortsinn. Der Doppelgänger kann einer sein, der ausagiert, was der andere sich verwehrt, wie bei Dr. Jekyll und Mister Hyde, und auf diesen zurückverweisen. Der Psychoanalytiker Jacques Lacan, bekannt für seine Theorien über das Spiegelstadium bei der Ich-Konstruktion, ging so weit zu behaupten: „Ich ist ein anderer.“ Die Ich-Konstruktion entwickle sich, so Lacan, anhand der äußerlich wahrgenommenen Reflexion des Kleinkindes im Spiegel. Das Sich-Erkennen sei ein Verkennen, denn das Kind sieht nur sein Spiegelbild, nicht wirklich sich. Der Doppelgänger wäre damit schon in der Ich-Werdung über ein Spiegelbild angelegt.

Wird es zunehmend schwerer, auch Grautöne zu sehen?

Naomi Kleins unheimliche Doppelgänger-Erfahrung steht auch stellvertretend für das Erleben vieler seit Beginn der Pandemie. Identifikationsfiguren oder private Alliierte drifteten plötzlich ab. Man lernte: Jeder kann kippen. Schauspieler, Aktivisten oder Politiker bekannten sich als Impfgegner. Verwandte und Freunde informierten sich auf „alternativen Medienseiten“, verbreiteten Verschwörungstheorien. Seit Beginn der Kriege in der Ukraine und in Nahost setzt sich diese Erfahrung fort, zuletzt mit den antisemitischen Äußerungen der Fridays-for-Future-Ikone Greta Thunberg und ebenso streitbaren Kommentaren amerikanischer Linker zum Krieg in Israel. Erst vergangene Woche zeigten sich Journalistinnen der „Zeit“ und der „Süddeutschen Zeitung“ entsetzt über die französische Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux, die den Deutschlandboykott „Strike Germany“ unterstützt. Der Boykott gilt deutschen Kultureinrichtungen – Unterstützer klagen, Deutschland sei zu israelfreundlich und diskriminiere Palästinenser.

Es kann verwirrend sein zu beobachten, wie sich jene positionieren, von denen man glaubte, sie einordnen zu können, auf deren Urteilsbildung man vertraute. Für manche gilt das auch dann, wenn linke Politikerinnen wie Sahra Wagenknecht mit konservativen oder rechten Positionen Karriere machen oder Alice Schwarzer, früher Kämpferin für die Rechte Ausgegrenzter, zur Ausgrenzung von Transsexuellen aufruft.

Doch sind diese Personen wirklich gekippt? Oder wird es zunehmend schwerer, auch Grautöne, Veränderungen, Schattenseiten als Teil des Ganzen zu sehen? Manche glauben vielmehr: Zuordnungen passen nicht mehr, Kontinuität ist verloren gegangen, Individuen wirken wie Zerrbilder ihrer selbst. Woran liegt das? Man muss keine Kapitalismuskritikerin wie Naomi Klein sein, um das Phänomen des Doppelgängers und der Zerrbilder als eines der interessantesten der Gegenwart zu identifizieren.

Im gesellschaftlichen Miteinander werden Identitäten immer schematischer wahrgenommen

Doppelgänger begegnen jedem heute im Alltag. Dann, wenn er sich im Internet und in sozialen Netzwerken bewegt. Die Profile der anderen, auch die von uns selbst, sind Kopien, die in ihrer Zuspitzung und Verkürzung aufeinander losgelassen werden. Die Öffentlichkeit ist eine Maschinerie, die immer neue Bilder und Realitäten erzeugt, potenziert bald ins Unendliche durch Künstliche Intelligenz. Was ist echt, und wer kann das erkennen? Die bekannte Verschwörungstheorie „Paul is dead“ behauptet seit Jahren, Beatles-Mitglied Paul McCartney sei 1966 durch einen Doppelgänger ersetzt worden, nachdem er bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Der russische Präsident Putin hat angeblich Doppelgänger, die an seiner statt auftreten. Keiner kann sagen, ob das stimmt und welches dann der echte Putin ist.

Im gesellschaftlichen Miteinander werden Identitäten derweil immer schematischer wahrgenommen: der Deutschtürke, der Spätaussiedler, die Transfrau. Man wird als solcher oder solche erkannt, ohne über diese Identität bestimmen zu können.

Zur gleichen Zeit stellt die Psychologie die Frage: Sind wir wirklich ein ganzes Leben lang derselbe? Woraus ergibt sich die Permanenz unserer Existenz? Haben wir nicht in Wahrheit mehr mit unserer gleichaltrigen Freundin gemein als mit unserem Ich vor dreißig Jahren? An Demenz erkrankte Ältere zeigen, dass jemand noch genau so aussehen kann wie vor wenigen Jahren und doch bei Weitem nicht mehr er selbst ist, sich nicht einmal mehr an sich erinnert.

Multiversen sind heute nicht mehr allein Stoff für Hollywood

Filme, Bücher und Mythen des Alltags wie die vom Wechselbalg – dem nach der Geburt vertauschten Kind – oder trivialkulturelle Sendungen wie „Frauentausch“ greifen das Motiv der Doppelgänger und Verwechslung auf: Was, wenn der, von dem wir glauben, ihn zu kennen, ein anderer wäre? Und wie könnte unser Leben dann verlaufen? Haruki Murakamis bekannter Roman „1Q84“ spielt in einer Spiegelwelt, in der ein zweiter Mond am Himmel auftaucht. Ein zweiter Mond? Die Welt ist noch die gleiche, doch die Dinge sind seltsam verändert. Eine andere Realität ist immer da, so der Subtext.

In dem 2022 mit sieben Oscars ausgezeichneten amerikanischen Film „Everything everywhere all at once“ heißt es einmal: „Spürst du es nicht auch? Deine Kleidung passt den nächsten Tag nie genauso gut. Dein Haar fällt nie auf dieselbe Art. Sogar der Kaffee schmeckt falsch.“ Und: „Unsere Institutionen zerbröckeln, niemand traut mehr seinem Nachbarn. Anstatt zu schlafen, grübelst du.“ Das greift die Befremdung vieler in der Gegenwart auf. Doch die einen interpretieren solche Beobachtungen als Zeichen einer umwälzenden Zeit, in der das Individuum irritiert ist von der Herausforderung, sich fortlaufend neu anpassen zu müssen. Die anderen sehen darin unheimliche Zeichen eines universellen Niedergangs. Der prämierte Science-Fiction-Film präsentiert die Beobachtungen in seiner Erzählung als Beweis der Existenz verschiedener Universen, die nebeneinander existieren.

Multiversen waren noch vor wenigen Jahren allein Stoff für Hollywood. Heute jedoch spinnt Hollywood solche Geschichten aus den Theorien der zeitgenössischen Physik. Die Stringtheoretiker sprechen seit einigen Jahren von zehn hoch 500 Lösungen ihrer Gleichungen, von denen jede einzelne ein eigenes Universum sein soll. Der amerikanische Physiker Ed Witten, der für viele als Einstein der Gegenwart gilt, hat kürzlich in einem Interview mit der „Zeit“ erklärt: „In den achtziger Jahren hatten wir gehofft, einen Weg zu finden, der die meisten dieser Lösungen ungültig machen würde. Aber das war nicht der Fall. Ich fand das beunruhigend, weil es bedeuten würde, dass das Universum schwerer zu verstehen ist.“ Einige Physiker glauben heute, es könnte alternative Universen mit Doppelgängern von uns allen geben und alternative Zeitläufte, in denen Trump nicht US-Präsident wurde.

Was, wenn der Mensch gar nicht so individuell ist, wie er glaubt?

Obwohl solche Theorien schwer vorstellbar und nur theoretisch-mathematisch sind, entfaltet ihre Kommunikation im medialen Umfeld natürlich eine Wirkung. Sie stellen subtil die Frage: Was, wenn der Mensch gar nicht so individuell ist, wie er glaubt? Das wäre eine Zeitenwende ähnlich den „drei großen Kränkungen“ – ein Begriff, den Freud prägte. Er sprach von der kosmologischen Kränkung (Kopernikus entdeckte, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist), der biologischen (Darwin fand heraus, dass Mensch und Affe die gleichen Vorfahren haben) und der psychologischen (die Psychoanalyse wies darauf hin, dass der Mensch nicht „Herr im eigenen Haus“, sondern vom Unbewussten gesteuert ist). Die Kränkung durch den potenziellen Wertverlust des Individuums ergibt sich auch aus dem großen Gegensatz zwischen dieser Abwertung und der zeitgenössischen Auffassung von maximaler Selbstoptimierung in einer „Gesellschaft der Singularitäten“, die Soziologe Andreas Reckwitz beschrieb.

Sinkende Toleranz gegenüber Ambivalenzen und Komplexität

Politisch betrachtet hat das Doppelgängerwesen Folgen. Allzu häufig stehen sich Positionen gegenüber, die sich vor allem durch ihre Abgrenzung vom Gegenüber definieren („nicht linksgrün“, „nicht rechtsradikal“, „kein Verschwörungstheoretiker“). Individuen und Medien im Internet arbeiten mit Techniken der Zuspitzung, nicht zuletzt, um als Marke wahrgenommen zu werden. So werden wettbewerbsfähige Haltungen kultiviert mit der Folge sinkender Toleranz gegenüber Ambivalenzen und Komplexität. Diese Haltungen klammern Facetten aus, stellen verengte Positionen heraus und konstruieren ein Spiegelkabinett der Identitäten, Doppelgänger und Stellvertreter. Politik gerät in die Gefahr, nicht mehr veränderungs- oder debattenfähig zu sein.

Doppelgänger in Filmen oder Romanen verweisen immer zurück auf den, der sie sieht. Sie sind Schatten, werden bedrohlich, wenn jemand durch sein Doppel überschrieben wird. Die Autorin Naomi Klein hat festgestellt: Ein unheimliches Double löscht man nicht aus, indem man es ignoriert. Denn dann würde man auch sich selbst opfern. Bestimmte Kreise, wie etwa die der Verschwörungstheoretiker, hören auch nicht einfach auf zu existieren, nur weil sich Medien abwenden. Sie bewegen sich längst auf eigenen Plattformen, wo sie von einem wachsenden Zielpublikum wahrgenommen werden.