Krönung der Dressur-Königinnen im Schlossgarten von Versailles: Jessica von Bredow-Werndl und Isabell Werth triumphieren im Einzel und im Team-Wettbewerb – und lassen ihre Zukunft offen.
Manchmal müssen sich Minuten anfühlen wie eine kleine Ewigkeit. Jessica von Bredow-Werndl, die beste Dressurreiterin der Welt, war in der Einzel-Entscheidung der Olympischen Spiele nach einer kleinen Schwäche am Vortag nicht die letzte Starterin. Nachdem sie diesmal eine perfekte Kür gezeigt hatte, drehte sie auf Dalera noch ein paar Runden auf dem Abreiteplatz, dann suchte sie sich einen Platz vor dem dort aufgestellten Bildschirm. Max von Bredow, ihr Mann, nahm sie in den Arm, massierte ihr die Schultern, wollte sie beruhigen. Vergeblich. Denn Cathrine Laudrup-Dufour versuchte im Schlossgarten von Versailles, der Königin den Thron streitig zu machen. Allerdings ohne Erfolg. Als das Ergebnis der Dänin aufleuchtete (Rang fünf), gab es am Abreiteplatz kein Halten mehr.
Von Bredow-Werndl stieß einen Jubelschrei aus, fiel ihrem Mann um den Hals, weinte vor Glück, feierte mit ihrem Team – und das alles auf einmal. Es war ein Moment für die Ewigkeit. Und die Krönung der deutschen Reiter-Spiele. Zu denen neben dem Erfolg von Michael Jung in der Vielseitigkeit auch die Geschichte einer Ikone gehört, die ihren Platz im Olymp längst sicher hat.
Winziger Vorsprung reicht zum Olympiasieg
Am Samstag holte die schwarz-rot-goldene Equipe jenes Gold, das viele Experten als sicherstes für das Team D vorhergesagt hatten – das aber plötzlich gar nicht mehr sicher war. Frederic Wandres (37) und Isabell Werth (55) legten gut vor, doch Jessica von Bredow-Werndl (38) war ausnahmsweise mal nicht die Beste der Konkurrenz. Das deutsche Trio rechnete schon mit Silber – und freute sich umso mehr über den nicht mehr für möglich gehaltenen Sieg und den winzigen Vorsprung von 0,121 Punkten auf Dänemark. „Das war ein echter Thriller und die knappste Entscheidung, die es in unserem Sport je gegeben hat. Da sage nochmal jemand, die Dressur sei langweilig“, meinte Werth, „es ist ein fantastisches Gefühl.“ Für sie sogar in doppeltem Sinne.
Denn mit dem Sieg am Samstag löste Isabell Werth (8x Gold/5x Silber) die frühere Kanutin Birgit Fischer (8/4) als erfolgreichste deutsche Sommer-Olympionikin ab. „Ich habe mich mit dem Thema im Vorfeld ja nicht beschäftigt“, erklärte sie, „jetzt kann ich sagen, dass mich das stolz macht und ich mich sehr darüber freue.“ Was sie da noch nicht ahnte: Es sollte alles noch viel glanzvoller werden.
Gold-Kür zur Musik von Edith Piaf
Im Einzel am Sonntag starteten Isabell Werth und Wendy als fünftletztes Duo – und zeigten eine herausragende Kür. „Es war nahezu perfekt, einfach nur zum Genießen“, meinte Werth, die ihr Pferd seit sechs Monaten reitet, „es war erst unsere dritte gemeinsame Kür, das ist einfach unglaublich.“ Werth ging mit 89,614 Punkten in Führung, am nächsten kam ihr die Britin Charlotte Fry (88,971). Dann ritt Jessica von Bredow-Werndl in das atemberaubende Viereck mit Blick aufs Schloss.
Diesmal gab es bei der Doppel-Olympiasiegerin von Tokio 2021 und Dalera keinen Wackler, keine Unkonzentriertheit, kaum Abzüge. Die Musik war geprägt vom berühmten „Je ne regrette rien“ der französischen Sängerin Edith Piaf – eine „Hommage an Paris, die Liebe und Dalera. Sie wollte den Erfolg mindestens so sehr wie ich“, sagte von Bredow-Werndl über ihre Trakehner-Stute, „es ging nur um Vertrauen. Als ich am Morgen aufgewacht bin, wusste ich: Sie kann es, ich kann es, wir können alles. Diese Kür war ein emotionaler Orkan. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder so etwas erleben darf wie mit Dalera.“ Das Problem: Sie hatte zwar 90,093 Punkte erhalten, ihr Sieg aber stand noch längst nicht fest.
Die Zukunft beider Dressur-Stars bleibt offen
Es folgte das nervenzehrende Warten am Abreiteplatz. „Das waren die anstrengendsten Minuten seit Tokio“, sagte die doppelte Doppel-Olympiasiegerin, nachdem sie mit Werth und Fry die Ehrenrunde in der Arena absolviert hatte, „ich bin ein paar Tode gestorben.“ Zeit, um kurz in die Zukunft zu blicken, blieb trotzdem.
Drei, vier Abschiedsauftritte wird Dalera in dieser Saison noch absolvieren, nächstes Jahr, so der Wunsch ihrer Reiterin, „soll sie Mutter werden“. Wie es dann mit von Bredow-Werndls Karriere weitergeht, ist offen: „Ich habe Pferde, denen ich Los Angeles 2028 zutraue, aber sie sind noch ein bisschen grün. Ich selbst habe es im Hintern, noch mal eines auszubilden.“
Wendy ist erst zehn Jahre alt und hat eine glänzende Perspektive, wie es bei ihr selbst aussieht, darüber wollte Isabell Werth aber noch keine näheren Aussagen machen. Es sollte allerdings niemanden überraschen, wenn sie ihre einmalige Laufbahn fortsetzt. „Ich habe eine Passion für Pferde und diesen Sport“, sagte sie, „und ich mag den Wettbewerb – je härter er ist, umso mehr liebe ich ihn.“ Insofern ist ihre Leidenschaft in Versailles sicherlich nicht kleiner geworden.