Dopinggegner Werner Franke Foto: dpa

Geht es um Doping, dann rückt meist auch der Arzt hinter dem Athleten in den Blickpunkt. Bestraft werden die Drahtzieher allerdings viel zu selten – findet Dopinggegner Werner Franke.

Stuttgart - Geht es um Doping, dann rückt meist auch der Arzt hinter dem Athleten in den Blickpunkt. Bestraft werden die Drahtzieher allerdings viel zu selten – findet Dopinggegner Werner Franke.


Herr Franke, Sie hatten im Betrugsprozess gegen Radprofi Stefan Schumacher vor dem Stuttgarter Landgericht einen denkwürdigen Auftritt. Warum haben Sie sich so aufgeregt?
Es wurde hinterher ja geschrieben, ich hätte laut geschimpft. Dabei war alles wohlkalkuliert. Mir geht es beim Thema Doping immer um die intellektuellen Täter, die Drahtzieher, die Hintermänner. Deshalb gehören Namen genannt. Es handelt sich schließlich um Kriminelles!

Sind Sportler wie Stefan Schumacher, die gedopt haben und nun Namen von Ärzten verschweigen, Täter oder Opfer?
Der Athlet ist immer nur das Objekt. Täter ist derjenige, der Dopingmittel verabreicht. Ich habe den Schumacher-Prozess bisher als gewaltiges, ignorantes Chaos erlebt. Doch letztlich werden die Zusammenhänge nicht verborgen bleiben. Deshalb habe ich auch vier Gerolsteiner-Ärzte angezeigt – wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz und Beihilfe zur Körperverletzung.

Beihilfe zur Körperverletzung?
Natürlich, denn nur der Arzt weiß ja in dem Moment, in dem er dem Sportler etwas gibt, was dieses Mittel wegen seiner gefährlichen Nebenwirkungen im Körper des Athleten anrichten kann. Und diese Körperverletzung lässt sich auch nicht zeitlich begrenzen. Eine ganze Reihe von Schäden, und dies ist mir sehr wichtig, treten erst viel später auf.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Sicher. Der frühere Telekom-Radprofi Gerd Audehm sitzt in Cottbus in einem Vorgarten, er hat nach einem Hirnschlag sein Gehirn zu einem großen Teil verloren. Er erkannte seine Frau und seine Kinder nicht wieder, ist nun längst geschieden. Ein Wrack! Das ist eine typische Spätfolge von Epo-Doping. Wenn ich die Zahl der roten Blutkörperchen erhöhe, dickeres und dickeres Blut mache, dann klumpt es eben irgendwann. Tour-de-France-Sieger Bjarne Riis ist damals mit einem Hämatokritwert von 64 rumgefahren, da kann ich zur Verhinderung der Blutgerinnung nur noch medikamentös eingreifen.

Sind Ärzte, die dopen, die schwarzen Schafe der Medizin?
Nein, das ist nur eine Selektion. Sie halten sich für Schafe, die durch sportliche Medaillen funkeln.

Warum dopen Ärzte?
Sportmediziner sind dazu da, die Athleten gesund zu halten – nicht um ihre Leistung heimlich und durch Risikoerhöhung zu verbessern. Sie befriedigen ihr Ego im Sport, indem sie Athleten aufs Treppchen bringen, die so gut eigentlich gar nicht wären. Sie sehen sich neben dem Medaillengewinner auf dem Podest stehen.

Dem ärztlichen Eid zum Trotz?
Ganz offensichtlich ja. Diese Dopingärzte haben keinen Begriff von Ethik. Sie kennen nur ihr Ego, und das ist ihnen wichtiger als jede Ethik.

Gibt es noch andere Motive?
Geld natürlich. Andreas Schmid und Lothar Heinrich, die Dopingärzte des Team Telekom, haben neben ihrem Gehalt von der Uni Freiburg noch – ich denke, es waren – weitere 50 000 Euro pro Jahr vom Team bekommen.
b> „Holczer hat mehrere Ärzte, die als Doper bekannt waren, angeheuert“
Und ein dritter Grund?
Es gibt auch eine Art persönliches Mitleid. Der fürsorgliche Arzt fühlt sich oft verantwortlich für den Sportler und seinen Erfolg. Deshalb unterstützt er ihn mit allen Mitteln. Auch mit Doping. Armin Klümper war so einer. Er hat sich persönlich identifiziert mit dem Athleten und seinen Zielen.

Wie viele Sportmediziner in Deutschland befinden sich auf Abwegen?
Ich würde schätzen, es sind rund zwei bis drei Dutzend, die beim Thema Doping dick mitmischen. Wie hoch die Dunkelziffer ist, kann ich nicht sagen.

Zu den umstrittenen Medizinern gehört Ernst Jakob. Er kommt aus der Freiburger Schule, hat zum Thema Doping geforscht und war jahrelang oberster Arzt beim Radrennstall Gerolsteiner. Wenn Teamchef Hans-Michael Holczer so einen Mann verpflichtet . . .
. . . dann weiß er genau, warum er das tut. Er hätte ja auch einen anderen nehmen können.

Es gibt also trotz allem genügend Ärzte, die vertrauenswürdig sind?
Ja.

Ein Teamchef kann sich also nicht damit herausreden, keine Wahl gehabt zu haben?
Holczer hat mehrere Ärzte, die schon als Doper bekannt waren, angeheuert.

Zum Beispiel?
Schumacher hat ja offenbar Dopingmittel in sehr großen Mengen von Giuliano Peruzzi bekommen, wohl auch das Cera vor 2008. Peruzzi war, schon bevor er zu Gerolsteiner kam, in Italien als Doper bekannt. Warum stelle ich so jemanden ein?

Was ist mit Mark Schmidt?
Auch er ist alles andere als neu in der Szene. Dazu passt, dass sein Vater Anwalt ist – in der Erfurter Kanzlei von Heinz-Jochen Spilker, der als Leichtathletik-Bundestrainer in den 80er Jahren verantwortlich für das „Hammer Wunder“ im Sprint war. Er hat junge Athletinnen mit vermännlichenden Medikamenten gedopt, er ist nichts anderes als ein Mädchen-Virilisierer und wegen seiner Verstöße gegen Arzneimittelgesetze auch rechtskräftig verurteilt. Und die Mutter von Mark Schmidt war zu DDR-Zeiten Ärztin im bekannt dopingverseuchten Radsport in Thüringen. Schmidt kommt also aus der Erfurter Dopingfamilie.

Dennoch musste Ex-Gerolsteiner-Profi Bernhard Kohl, der behauptet hatte, Schmidt habe ihn beim Blutdoping unterstützt, deshalb eine Unterlassungserklärung unterschreiben.
Unterlassungen erhält ja ganz leicht, wer zum Beispiel in Hamburg zur Pressekammer geht. Dort gilt: Kritiker, Schnauze halten! Ich musste viereinhalb Jahre prozessieren, bis ich gegen Jan Ullrich, der mich auch so zur Unterlassung gezwungen hatte, letztlich doch recht bekam und nun öffentlich sagen darf: Ullrich ist ein Lügner und Betrüger, der zum Beispiel den in dieser Woche dafür strafrechtlich verurteilten spanischen Dopingarzt Fuentes für Doping großartig bezahlt hat. Außerdem: Es war doch schon bewiesen, dass Doping bei allen Spitzenmannschaften, die bei der Tour de France gefahren sind, gang und gäbe war. Auch Gerolsteiner ist ja jetzt aufgeflogen und muss zu den verseuchten Rennställen gezählt werden. Aber wissen Sie, was mich wirklich aufregt?

„Die Ärzte können machen, was sie wollen, mit zum Teil tödlichen Spätfolgen“


Bitte.
Die große Scheinheiligkeit. Alle DDR-Ärzte, die Sportler gedopt haben, sind wegen Beihilfe zur Körperverletzung verurteilt worden. In Westdeutschland und im wiedervereinigten Deutschland noch kein einziger. Und es hat auch noch keiner dieser in die komplett falsche Richtung ehrgeizigen Ärzte seine Approbation verloren, wie jetzt gerade Fuentes in Spanien. Auch im Doping-Medizin-Loch Freiburg nicht!

Warum ist das so?
Weil offenbar die deutschen Ärztekammern einen erfolgreichen Lobbykampf betreiben – im Hintergrund. Die Ärzte können machen, was sie wollen, mit zum Teil tödlichen Spätfolgen, es passiert ihnen nie etwas. Die Ärztekammern nutzen aus, dass der gemeine Germane vor dem Onkel Doktor im weißen Kittel einen abgrundtiefen Respekt hat.

Gilt das auch für Staatsanwälte und Richter?
Ja, natürlich. Und dazu kommt, dass Deutschland eine dopingfreundliche Gesetzgebung hat. Im Vergleich zu anderen Ländern, zum Beispiel Frankreich, ist das Pipifax.

In Deutschland muss man schon eine „nicht geringe Menge“ Dopingmittel bei sich haben, um sich strafbar zu machen . . .
. . . und das ist an Lächerlichkeit nicht zu übertreffen. Beim Wachstumshormon fängt die nicht geringe Menge bei sieben Ampullen an. Damit kann ich eine ganze Fußball-Mannschaft ein ganzes Jahr lang dopen.

Die Freiburger Staatsanwaltschaft hatte die Chance, ein Verfahren gegen die Telekom-Dopingärzte Schmid und Heinrich zu eröffnen. Stattdessen wurden die Ermittlungen 2012 nach fünf Jahren eingestellt.
Dafür gibt es keine plausible Erklärung, zumal das Blutdoping bei Sinkewitz einmal nach einer Komplikation sogar tödlich hätte enden können – Blutdoping durch einen Nicht-Hämatologen! Aber Doper waren und sind in Freiburg gut geschützt.

Einspruch! Freiburg ist seit einem Jahr Standort der baden-württembergischen Doping-Schwerpunkstaatsanwaltschaft.
Dass Justizminister Rainer Stickelberger diese Schwerpunktstaatsanwaltschaft ausgerechnet nach Freiburg vergeben hat, ist eine Realsatire. Dort wurde in 40 Jahren nichts gegen Doping getan.

Das Problem bei Ärzten ist doch aber, dass sie sich vor Gericht auf ihre Schweigepflicht berufen und die Aussage verweigern können.
Das ist ein grober Denkfehler! Denn Doping ist ja keine ärztliche Handlung, weder zur Diagnostik noch zur Therapie oder Prävention. Also gibt es auch kein ärztliches Aussageverweigerungsrecht.

Und wenn die Ärzte trotzdem schweigen?
Würde ich Beugehaft für ein gutes Mittel hal- ten. Denn Doping ist eine kriminelle Handlung, hier wie in den USA, Kanada, Frankreich und nun sogar Spanien. Die DDR-Dopingärzte wurden doch deshalb verurteilt.

Ist Hochleistungssport eigentlich ohne Sportmediziner möglich?
Natürlich. Wer ein Problem hat, kann ja auch direkt zum Facharzt gehen.

Warum haben dann Radteams meist gleich vier oder fünf Ärzte angestellt?
Weil mindestens die Hälfte von ihnen mit unsauberen Sachen zu tun hat. Und das ist, längst bewiesen, eine kriminelle Sache.
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