Weil ihre Konkurrentin 2008 gedopt war, wird Christina Obergföll später an diesem Samstag in Offenburg olympisches Silber verliehen. Die nachträglich umgehängten Medaillen haben für die Betrugsopfer aber meist nur symbolische Bedeutung.
Stuttgart - Wegen dieses Dopingbetrugs sind mir über 30 000 Euro durch die Lappen gegangen“. Ex-Speerwurf-Weltmeisterin Christina Obergföll denkt im Groll an einen der Höhepunkte ihrer Karriere zurück. 2008 hatte sie bei den Olympischen Spielen in Peking mit 66,13 Metern Bronze und damit die einzige Medaille für die deutsche Leichtathletik gewonnen. Erst acht Jahre später wurde bei einer Nachkontrolle der Dopingbetrug der damals zweitplatzierten Russin Marija Abakumova aufgedeckt. Die Reihenfolge der Medaillengewinnerinnen musste neu geschrieben werden. Obergföll rückte von Bronze auf Silber, Abakumovas Ergebnisse (Gold, Silber und Bronze in Daegu, Peking und Berlin) wurden gestrichen. Aus einer E-Mail ihres Trainers, Werner Daniel, hatte Obergföll von ihrem späten Medaillenglück erfahren.
Vermutung gab es immer
„Ich hatte es immer vermutet, konnte es aber nie beweisen“, sagt Christina Obergföll. Dass sie die Russin 2013 in Moskau bezwingen und den WM-Titel gewinnen konnte, war eine Genugtuung und ein Sieg auch über Doping („Ich kann sie dennoch schlagen“).
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Gold, Silber, Bronze – danach streben Sportler. Sie sind Belohnung und Ehre zugleich. Und sie definieren den Marktwert: Prämien, Startgelder, Sponsorenverträge. Hammerwurf-Weltmeisterin Betty Heidler erhielt Anfang des Jahres, sieben Jahre nach einem dramatischen Kampf (mit einem Messfehler), die Silbermedaille der Olympischen Spiele 2012 in London von IOC-Präsident Thomas Bach umgehängt. „Ich freue mich und bin zugleich verärgert, da mir alles, was mit einer Siegerehrung verbunden ist, genommen wurde“, sagt die 35-Jährige. Sie war Opfer der russischen Doping-Wiederholungstäterin Tatjana Lysenko, der man den Olympiasieg aberkannte. Silber statt Bronze ist für Heidler „ein später Sieg der Gerechtigkeit“.
„Mein Leben wäre anders verlaufen“
Seine beiden einzigen internationalen Medaillen (WM-Silber und EM-Bronze) erhielt Hammerwerfer Markus Esser Jahre später. „Mein Leben wäre anders verlaufen, hätte ich die Medaillen sofort bekommen“, ist Esser verbittert und denkt an entgangene Sponsorenverträge, TV-Auftritte und die nicht ausbezahlten Prämien für wertvollere Medaillen. „Keine nachträgliche Übergabe oder Ehrenrunde kann den Moment bei der Siegehrung ersetzen“, betont Esser, der zweimal Opfer des weißrussischen Dopers Iwan Tichon wurde.
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Nadine Kleinert wird 13-mal betrogen
Die meisten Athleten erhalten erst Jahre später ihre richtigen Medaillen. Bei der WM 2017 wurden in London elf Einzelstarter und fünf Staffeln nachträglich für vergangene Erfolge ausgezeichnet – späte Medaillen als Dauerthema. Gleich 13-mal ist Kugelstoßerin Nadine Kleinert betrogen und nachträglich höhergestuft worden. Sie sieht sich als „Doping-Opfer“. Am Ende ihrer Karriere hat sie mehr ihrer sieben internationalen Medaillen auf dem Papier gewonnen als im Kugelstoßring. „Wenn ich meine verpassten Prämien, Antritts- und Sponsorengelder zusammenrechne, kommen mir die Tränen“, sagt sie.
Ariane Friedrich „ärgert sich tierisch“
Es war ein historischer Moment: Hochspringerin Ariane Friedrich steht 2009 im Berliner Olympiastadion am Anlauf zu 2,06 Meter und dem möglichen WM-Gold. Mit dem Zeigefinger auf den Lippen versetzt sie 60 000 Zuschauer in eine brodelnde Stille. Friedrich reißt, jubelt über 2,02 Meter und WM-Bronze. Acht Jahre später steigt sie zur Vize-Weltmeisterin auf. Der Grund: Die zweitplatzierte Russin Anna Chicherova war mit Anabolika gedopt, hätte eigentlich gar nicht starten dürfen. Ihre Silbermedaille von Berlin hat sie bis heute behalten. Die Prämie auch. Ariane Friedrich wartet bis heute, zehn Jahre nach dem sportlichen Ereignis, auf das richtige Edelmetall. „Ich ärgere mich tierisch“, sagt Friedrich, „sie hat mir diesen Moment nach einem gigantischen Wettkampf kaputt gemacht“, zielt sie in Richtung Chicherova.
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Einklagen von Prämien fast unmöglich
Die Rückforderung der Medaillen von den Betrügern ist schwierig, das Einklagen der Prämienzahlungen juristisch fast unmöglich. „Künftig muss noch rigoroser vorgegangen werden“, fordert DLV-Präsident Jürgen Kessing Konsequenzen im Anti-Doping-Kampf, „für den Sportler bleibt bei einer verspäteten Medaillen-Vergabe oft nur ein symbolischer Wert“.
Feier in Offenburger Hotel
Christina Obergföll wird an diesem Samstag mit zwiespältigen Gefühlen ihre Silbermedaille von Peking aus den Händen von DOSB-Präsident Alfons Hörmann in Empfang nehmen, bei einer Feier in einem Offenburger Hotel statt auf einem Siegerpodest vor 80 000 Zuschauern im Pekinger „Vogelnest“. „Ich freue mich, denn es ist eine späte Wertschätzung, auch wenn mir die Medaille emotional nicht mehr so viel bedeutet“, sagt sie.