Im Fokus, allerdings nicht bei den Olympischen Spielen: Doping-Kronzeugin Julia Stepanowa erhält keine Starterlaubnis für Rio. Foto: dpa

Julia Stepanowa hat dem Sport einen großen Dienst erwiesen, aber daraus keinen persönlichen Profit gezogen. Die Doping-Kronzeugin kann es sich nicht mal leisten, gegen ihren Olympia-Ausschluss zu klagen – was für ein Armutszeugnis!

Stuttgart - Nur mal angenommen, Julia Stepanowa würde die Einladung annehmen, die Thomas Bach nicht ernst gemeint hat. Sie wäre also zusammen mit ihrem Mann Witali Stepanow und ihrem Sohn Robert Gast des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro, und sie würde sich dort am späten Abend des 14. August im Estádio Olímpico João Havelange das Finale des 100-Meter-Laufs anschauen. Die Doping-Kronzeugin würde dann womöglich sehen, wie Justin Gatlin (USA), der bereits zwei Dopingsperren abgesessen hat, Gold holt. Sie würde ein Rennen verfolgen, in dem die meisten Athleten – wenn sie nicht schon mal des Dopings überführt worden sind – unter Verdacht stehen. Und sie würde Zuschauer erleben, die den fragwürdigen Helden zujubeln. Vermutlich würde Julia Stepanowa, die nach Ansicht von IOC-Präsident Bach „nicht die ethischen Anforderungen an einen olympischen Athleten“ erfüllt, in diesem Moment die Welt nicht mehr verstehen. Wieder einmal.

Zuletzt war dies am Sonntagabend der Fall. Da erfuhr die russische 800-Meter-Läuferin von der vergifteten Offerte des IOC, dass sie nach Rio kommen darf. Auf die Tribüne, nicht auf die Laufbahn. Ihr Ausschluss sei „unfair“, erklärte Stepanowa (30), er basiere auf „falschen und unwahren Aussagen“. Ihr Mann meinte: „Es war ein Tag, um ein bisschen zu weinen und enttäuscht zu sein.“ Aber nicht, um aufzugeben. Julia Stepanowa wird weiterkämpfen – gegen das staatliche Dopingsystem in Russland, allerdings nicht mehr um einen Startplatz in Rio de Janeiro.

Es fehlt an Geld für eine Klage vor dem Cas

Am Dienstag teilte sie mit, nicht vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne gegen ihren Ausschluss vorgehen zu können. Die Familie Stepanow, die vor den Drohungen aus Russland geflohen ist und nun an einem geheimen Ort in den USA lebt, ist reich an Mut. Aber es fehlt am Geld für eine Klage.

Bei einem Prozess vor dem Cas würden neben Reise- und Anwaltskosten (Stundensatz in der Schweiz rund 400 Euro) auch Verhandlungsgebühren anfallen – obwohl das Cas in Justizkreisen nicht als teures Gericht gilt, können sich die Gesamtausgaben auf mehrere Tausend Euro summieren. Offenbar zu viel für Julia Stepanowa, selbst wenn es vom Cas eine Prozesskostenhilfe geben würde. „Schade, dass sie nicht gegen ihren Ausschluss klagen kann“, sagte Sportrechtler Michael Lehner (Heidelberg), „sie hätte durchaus Aussicht auf einen Erfolg gehabt, den ich ihr absolut gewünscht hätte.“ Mit dieser Meinung steht Lehner nicht alleine.

Die Kritik am IOC und seinem Präsidenten Thomas Bach ist enorm. Kaum jemand kann verstehen, dass die Kronzeugin, ohne die das russische Systemdoping und damit der größte Betrugsskandal der Sportgeschichte nicht aufgedeckt worden wäre, derart abgestraft wird – und in Rio nicht unter neutraler Flagge antreten darf, wie es  ihr der Leichtathletik-Weltverband gestattet hat. Erst bei der EM vor drei Wochen in Amsterdam, und nun auch für Brasilien.

Das IOC legte sein Veto ein, weil Stepanowa 2013 selbst wegen Dopings gesperrt war. Danach hatte sie beschlossen, nicht mehr mitzuspielen. Unter Einsatz ihres Lebens wurde sie zur Whistleblowerin, wofür ihr alle sauberen Athleten dankbar sein müssen. „In meinen Augen“, erklärte Witali Stepanow, „verdient sie es mehr, jetzt eine Olympia-Teilnehmerin zu sein, als zu den Zeiten, als sie noch eine gedopte Athletin war.“ Außerhalb des IOC und von Russland findet sich niemand, der ihm widersprechen würde – weil der Kampf gegen Doping nichts dringender braucht als intime Kenner der Szene, die couragiert genug sind, um über die schmutzigen Praktiken auszupacken.

Harte Kritik am IOC

„Der Ausschluss von Julia Stepanowa ist nicht rechtens, sie hat so viel Schaden von der Leichtathletik-Welt abgewendet“, sagte Diskus-Olympiasieger Robert Harting, „aber ihr Start in Rio wäre ein Schlag ins Gesicht von Herrn Putin gewesen. Deshalb findet er nicht statt.“ Matthias Kamber, oberster Dopingfahnder der Schweiz, meinte: „Alle Whistleblower müssen sich betrogen vorkommen. Es wird nun für alle Anti-Doping-Agenturen noch schwieriger, eine konsequente und glaubhafte ­Dopingbekämpfung aufrechtzuerhalten.“ Und Ines Geipel, Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe, erklärte: „Wenn die wichtigste Kronzeugin von den Spielen ausgeschlossen wird, zeigt dies, dass das IOC den Sport nicht liebt, sondern zu einem reinen Macht- und Geldkartell verkommen ist.“ Das nicht wahrhaben will, wie tief der Doping-Sumpf tatsächlich ist.

Dazu passt, was Julia Stepanowa denkt. „Russland“, sagte sie, „glaubt immer noch nicht, dass die Geschichten über Doping wahr sind.“ Entsprechend gilt sie in dem Riesenreich weiter als Verräterin. „Stepanowa sollte lebenslang gesperrt werden“, sagte Jelena Issinbajewa, „sie zu einer Heldin zu erheben ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht.“ Die Stabhochsprung-Olympiasiegerin gehört zu den russischen Athleten, die für Rio gesperrt sind, vor dem Cas hat sie vergeblich gegen ihren Ausschluss geklagt. Nichts würde sie lieber tun, als im Estádio Olímpico João Havelange zu starten. Seite an Seite mit den anderen Stars der Leichtathletik. Zum Beispiel mit Justin Gatlin.

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