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Der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke über den Spitzensport und seine fragwürdigen Mechanismen.

Heidelberg - Professor Werner Franke brandmarkt wie kein Zweiter die Zustände im Hochleistungssport. Er warnt vor den gesundheitlichen Schäden  des Dopings und  kritisiert scharf  hochrangige Funktionäre: „Das System ist korrupt".

Herr Franke, Sie sind Mitglied einer Kommission zur Aufklärung der Doping-Praktiken von Sportmedizinern an der Universität Freiburg. Wann kommt der Abschlussbericht?Mit einer ersten Lesung ist nach der Jahreswende zu rechnen.

Wird die Öffentlichkeit Neues erfahren?
Aber ja, da kommen Sachen raus, das glauben Sie gar nicht. Da haben inzwischen ja viele Sportler die Hosen runtergelassen, darunter auch Medaillengewinner bei den Olympischen Spielen.

Sie machen uns neugierig.
Im Freiburger Doping-Netzwerk hatte sogar die Staatssicherheit der DDR ihre Finger mit im Spiel. Drei IMBs waren auf die Sportmediziner dort angesetzt, darunter Josef Keul und Wildor Hollmann. Aber auch auf viele andere. Der Stasi wurde sogar berichtet, wer was mit seiner Sekretärin hatte.

Die Freiburger Sportmedizin war erpressbar?
So kann man das sagen.

In Freiburg gingen die Radfahrer vom Team Telekom, später T-Mobile, ein und aus. Was wurde vorzugsweise verabreicht?
Vor der Zeit des Teams Telekom das gleiche Mittel, mit dem Ben Johnson 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul erwischt wurde: Stanozolol. Sie haben es nur rechtzeitig abgesetzt. Beim Team Telekom vor allem Epo und Wachstumshormone. Im Übrigen werden alle Dokumente, aus denen im Abschlussbericht zitiert wird, ins Netz gestellt.

Die Freude darüber dürfte sich bei der Uni Freiburg in Grenzen halten.
Wenn sich Freiburg sträubt, werden sie über den Dopingopfer-Hilfeverein bekanntgegeben.

Sie scheuen seit Jahren keinen öffentlichen Konflikt. Mit Jan Ullrich haben Sie sich eine Dauerfehde geliefert. Zermürbt das nicht ?
Natürlich. Was habe ich gelernt? Ich bin Wissenschaftler: Ich schaffe Wissen und mache es öffentlich bekannt. Ich publiziere meine Erkenntnisse. Ich habe Unterlagen, die beweisen: Ullrich hat vor Gericht mehrfach gelogen wie ein Krimineller. Ich bin der Wahrheit verpflichtet und den Menschen, die mir bei der Findung dieser Wahrheit geholfen haben.

Jan Ullrich musste 250 000 Euro zahlen, damit die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einstellt.
Ja, das war offenbar der Deal mit der Staatsanwaltschaft Bonn. Da wurde nachträglich auch das Verfahren wegen falscher Versicherung an Eides statt mit reingenommen, das ich gegen Ullrich angezeigt hatte. Ursprünglich sollten es 500 000 Euro sein. Dann hat sein Anwalt an die Bonner Staatsanwaltschaft geschrieben und die Strafe als unverhältnismäßig für einen Sportler kritisiert. Ein hoher Politiker habe in der Parteispendenaffäre schließlich nur 300 000 Euro gezahlt. Wissen Sie, wer das war?

Nein!
Helmut Kohl!

Was lernen wir daraus?
Wenn du Kohl heißt oder Kohle hast, passiert dir nichts. Kein öffentliches Verfahren. Kein öffentliches Interesse, heißt es. Auch bei der Wahrheit geht es nur ums Geld.

Der Fall Jan Ullrich ist noch nicht zu Ende. Der Internationale Sportgerichtshof (Cas) entscheidet über eine Sperre wegen Dopings.
Ja, das ist all die Zeit liegengeblieben. Jetzt geht die Welt-Antidoping-Agentur ran. Mal sehen. Ich erwarte auch dort: Das wird im Sande verlaufen.

Vor dem Landgericht Stuttgart könnte es konkret werden. Radprofi Stefan Schumacher hat gedopt und wurde wegen Betrugs angeklagt.
Warten Sie mal ab. Ich habe meine Zweifel, ob da was dabei herauskommt.

Warum? Es geht um Betrug an seinem damaligen Rennstall Gerolsteiner.
Wenn Schumacher nichts zur Sache sagt, wird es schwierig. Die Anwälte argumentieren – wie auch schon im Ermittlungsverfahren gegen Jan Ullrich – dass es ja üblich war, dass im Radsport gedopt wurde. Jeder habe davon gewusst. Und wer es nicht wusste, war selten dämlich. Deshalb ist es dann kein Betrug. Ich glaube auch bei Schumacher nicht, dass da was dabei rauskommt.

In Baden-Württemberg wird nächstes Jahr eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Dopingbekämpfung eingerichtet. Ist das hilfreich?
Das Gesetz lässt ja nur zu, den Handel mit Doping-Präparaten im übergroßen Ausmaß zu ahnden, mehr nicht. Ein Witz!

Brauchen wir ein Anti-Doping-Gesetz?
Wenn man die Paragrafen des Arzneimittelgesetzes ernst nähme, würde das auch schon helfen. Die Doper aus der DDR wurden ja sogar wegen Beihilfe zur Körperverletzung verurteilt. Warum das bei Wessis nicht gilt, warum zum Beispiel bei den Freiburger Sportmedizinern jetzt nicht? Ich sage Ihnen warum: Wir sind korrupt, unser System ist korrupt.

b>„Man pflanzt Sensoren unter die Haut“

Ihr Vertrauen in die Justiz ist überschaubar.
Schauen Sie doch mal , was in Österreich los war. Dort ist inzwischen das Doping-Kontrollsystem effektiver als hier. Da wurden die Doping-Fälle einer nach dem anderen sauber aufgearbeitet – vor Gericht. In Deutschland besteht doch gar kein Interesse daran.

Das ist starker Tobak.
Das ist vielfache Erfahrung. Hier geschehen Dinge, die können Sie im Kabarett nicht besser erfinden. Im deutschen Sport bestimmt das Gesetz nicht der Innen- oder Justizminister, sondern Thomas Bach. Was der sagt, wird gemacht. Siehe das jüngste Doping-Nichtgesetz.

Haben Sie noch mehr Beispiele?
Spontan fällt mir das Buch von Stefan Matschiner ein . . .

. . . dem österreichischen Doping-Dealer.
Der schreibt, dass bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney ein deutscher Minister die Doping-Präparate für die Radsportler transportiert habe.

Das ist schwer zu beweisen.
Das mag sein. Aber ermitteln müsste man ja wohl. Ist diesem Vorwurf in Deutschland jemals einer nachgegangen?

Nicht, dass wir wüssten.
Sehen Sie! Die Wahrheit interessiert als Letztes.

Immerhin wird vom Bundesinstitut für Sport die Doping-Vergangenheit aus den 70er und 80er Jahren in der Bundesrepublik jetzt aufgearbeitet.
(Lächelt). Da kann doch nichts Großartiges rauskommen. Die arbeiten nur die offiziellen Akten durch, die in den Verbänden und Behörden zuvor längst gesäubert wurden.

Immer klarer wird aber, dass die meisten Top-Funktionäre im Sport über die Doping-Praktiken auch im Westen Bescheid wussten. Auch der damalige NOK-Chef Willi Daume.
Den Namen dürfen Sie bei mir überhaupt nicht erwähnen. Er war Teil eines Kartells, das Doping gefördert und geduldet hat. Die wollten Medaillen, Nebenwirkungen von Doping-Präparaten waren völlig uninteressant. Da wurden 13-, 14-jährige Mädchen mit androgenen Steroiden gedopt, das muss man sich mal vorstellen. Das können Sie auch im Buch meiner Frau nachlesen. (Anm. d. Red.: Brigitte Berendonk: „Doping – Von der Forschung zum Betrug“. Rowohlt. 1992).

Und das Bundesinnenministerium als oberster Förderer des Sports hat das geduldet?
Auf jeden Fall.

Und die Sportmediziner?
Die trauten sich ja nicht, da mal was zu sagen. Außerdem war ihr Wissensstand zu den möglichen schädlichen Folgen von Doping zu dieser Zeit noch lächerlich niedrig.

Wer dopt, riskiert seine Gesundheit und hintergeht die Fair-Play-Regeln des Sports. Trotzdem stellen Athleten das Doping-Kontrollsystem infrage. Die Meldepflicht empfinden viele als zu großen Eingriff in die Privatsphäre.
Das ist lächerlich. Die wollen nur in Ruhe ihr Andriol weiter schlucken. Das wird abends genommen und ist schon am nächsten Vormittag nicht mehr nachweisbar.

Was denken Sie, wenn Sie Usain Bolt laufen sehen?
(Lacht.) Hören Sie auf! Über Jamaika rede ich nicht. Das ist doch eine total verkiffte Insel. Doping-Kontrollen auf Jamaika – eine Rasta-Fahndung. Sehr lustig!

Bolt wurde bislang nicht erwischt.
Ja, aber einige seiner Teamkollegen und Staffelkameraden. Außerdem: Die Sprinter nehmen heute auch Epo-ähnliche Medikamente. Damit können sie mehr in eine Trainingseinheit packen, weil sie sich schneller erholen.

Glauben Sie den Protagonisten des Fußballs, die behaupten, Doping in dieser Sportart bringe nichts?
Es gab ja schon genügend positive Fälle. Beim Konföderationen-Cup 2005 in Deutschland mussten plötzlich zwei Mexikaner abreisen, weil sie positiv auf anabole Steroide getestet worden waren. Der Fußball ist so durchkommerzialisiert, da darf es einfach kein Doping-Problem geben. Da halten alle zusammen.

Sie haben jüngst für Aufsehen gesorgt, als Sie den plötzlichen Herztod bei Sportlern in Zusammenhang mit Doping gebracht haben.
Das Phänomen des plötzlichen Herztods lässt sich heute über die DNA prognostizieren. Betroffen sind Menschen mit einer ganz bestimmten genetischen Konstellation. Wenn so jemand gleichzeitig noch zu Dopingzwecken ein herzvergrößerndes Medikament bekommt, ist der Teufel los. Die Schäden von Doping mit anabolen Steroiden zeigen sich natürlich oft erst später. Der Todesfall von Kugelstoßer Ralf Reichenbach ist so ein Beispiel oder der plötzliche Tod von Christel Justen, der Schwimmerin aus Schwäbisch Hall. Bei den beiden – wie auch bei vielen anderen – kennt man ja die Doping-Geschichte aus ihren eigenen Aussagen recht gut.

Vermutet wurden die Zusammenhänge schon immer. Warum weiß man jetzt erst mehr?
Weil die deutsche Herzpathologie so erbärmlich schlecht ist. Ich erstelle zurzeit ein Gutachten für den ehemaligen DDR-Kugelstoßer Gerd Jacobs. Der erste belegte Fall mit beiden Schadensmöglichkeiten: Eine Mutation im Gen für das Zellverbindungseiweiß Desmoglein 2 plus Einnahme hoher Dosiermengen des DDR-Dopingmittels Oral-Turinabol. Ihm konnte vor Jahren gerade noch ein neues Herz eingesetzt werden.

Müsste sich nicht jeder Hochleistungssportler grundsätzlich dem DNA-Test unterziehen, um das Risiko des plötzlichen Herztods zu minimieren?
So ist es. Das wäre eine große Tat. Es kümmert sich aber niemand drum, obwohl es in den USA eine Firma gibt, die sehr preiswert solche Tests durchführt.

Die Sportler haben Angst vor den Folgen. Es könnte das Karriereende bedeuten.
Die Angst ist unbegründet. Man pflanzt Sensoren unter die Haut, die an Defibrillatoren gekoppelt sind. Damit kann man sogar Hochleistungssport treiben.

Herr Franke, nach allem, was wir von Ihnen gehört haben: Stellen Sie den Hochleistungssport grundsätzlich infrage?
Nein. Es ist ja in Ordnung, wenn junge Menschen gern sprinten, springen, schwimmen oder ringen. Aber die Jugend muss den Zweifel lernen und denen da oben sagen können: Nein, da mache ich nicht mit. Es ist doch keiner ein besserer Mensch, nur weil er schneller als andere laufen kann.

Dann müssen Sie ein ernstes Problem mit der strikt auf Hochleistung getrimmten deutschen Sportförderung haben.
Und ob ich das habe. Sie ist faktisch wie ethisch überhaupt nur zu vertreten, wenn zwei Dinge klar sind: Es muss gesichert sein, dass Spitzensportler im normalen Berufsleben keine besonderen Nachteile erleiden. Wer beispielsweise studiert, braucht wirksame Unterstützung durch sein Umfeld und den Sportfachverband. Und der Athlet selbst sollte innerlich eine gewisse Distanz zu den Strukturen im Sport bewahren. Er muss immer auf zwei Beinen stehen: berufliche Ausbildung und Leistungssport: das geht!

Im Sport wird gut verdient. Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen.
Im Fußball stopfen sich die Profis die Taschen voll. Im Radsport wird auch sehr gut verdient. In den meisten anderen Sportarten werden nur einige wenige reich, wenn überhaupt welche. Vernunft und Ethik erlauben diesen Sport schon, man muss es aber wollen.

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