Im Umspannwerk Süßen konnte am Dienstag von Hochspannung 13 Stunden lang keine Rede sein. Foto:  

Zwei defekte Trafostationen bringen am Dienstag das Alltagsleben in mehreren Kommunen im Landkreis Göppingen gehörig durcheinander. Wie hoch die Schäden sind, und wer am Ende dafür aufkommt, ist noch unklar.

Donzdorf/Süßen - Die Worte „Wann“ und „Strom“ dürften am Dienstag in Donzdorf und in Süßen die meistgesprochenen gewesen sein, wahlweise in Kombination mit den Ergänzungen „seit“ und „wieder“. In der Nacht zuvor, kurz vor halb zwölf, war am Umspannwerk in Süßen wegen eines Erdkabelschadens ein Transformator ausgefallen. Normalerweise ist das kein großes Problem, da ein Reservetrafo zur Verfügung steht. Doch hatte dieser gut 24 Stunden zuvor, offenkundig wegen des gleichen Defekts, ebenfalls den Geist aufgegeben.

Rund 10 000 Haushalte in den beiden Kleinstädten sowie in der Gemeinde Salach waren damit von der Elektrizitätsversorgung abgeschnitten. Beim Stromnetzbetreiber, der EnBW-Tochter Netze BW, lief sofort das Notfallprogramm an. So konnte beispielsweise Salach, durch eine Weiterschaltung auf andere Umspannwerke, bereits nach einer Stunde wieder mit Strom versorgt werden. Auch Teile von Süßen und Donzdorf waren noch in den Nachtstunden zurück am Netz. Allerdings sah es in Teilen der beiden Städte selbst am Dienstag um die Mittagszeit noch ganz anders aus.

„Wir konnten durch weitere Zuschaltungen zwar Stück für Stück wieder anschließen. Doch das ist natürlich nur möglich, solange von der Leistung her noch Luft ist“, sagt Richard Huber, der Landesbetriebsleiter Strom/Gas bei Netze BW. Alles andere hätten die Kollegen, die die gesamte Zeit des Ausfalls über im Einsatz gewesen seien, durch Provisorien erst wieder herstellen müssen, ergänzte er. Einen direkten Zusammenhang zwischen den zeitnahen Defekten in Süßen, schließt Huber indes aus. „Ich bin seit 1993 in diesem Bereich tätig und habe so etwas in einer solchen Dimension noch nie erlebt“, betont der Ingenieur. Er weist kopfschüttelnd darauf hin, dass die beiden Trafosysteme unabhängig voneinander arbeiten würden.

Geschlossene Geschäfte, verdorbene Waren und fröstelnde Kinder

Was sich in den stromlosen Stunden in Süßen und vor allem in Donzdorf abgespielt hat, lässt sich mit dem Wort „Ausnahmezustand“ am besten beschreiben: Firmen schickten ihre Beschäftigten wieder nach Hause, Geschäfte blieben geschlossen, in Arztpraxen konnten Patienten nur eingeschränkt behandelt werden, Kinder saßen in Anoraks und mit Mützen im Unterricht, weil mit dem Strom auch die Heizungen ausgefallen waren.

Die Donzdorferin Melanie Schmid saß zwar nicht im Kalten, weil sie zuhause ihren Holzofen anfeuern konnte. „Dass das mit dem Stromausfall solange dauert, finde ich aber eine Frechheit“, schimpfte sie. Auch Thorsten Mölders, der Inhaber des Donzdorfer Rewe-Markts hätte sich nicht vorstellen können, „dass so etwas bei uns in Deutschland passiert“. Er wusste um 11 Uhr zwar noch nicht, wann er wieder Strom haben würde, aber dafür schon ziemlich genau, was auf ihn zukommt.

„Die Tiefkühlware ist hinüber und auch sonst müssen wir sicher viele Lebensmittel wegwerfen“, klagte er. Zum wirtschaftlichen Schaden, über den er noch keinen Überblick habe, kämen die Kosten für die teure Entsorgung und die zusätzliche Arbeit seiner Beschäftigten, fügte er hinzu. Andere Supermärkte blieben ebenfalls dunkel und dicht. Beim verschlossenen Donzdorfer Edeka übernahm gar ein Kühllastwagen an der Rampe den Job, den ansonsten Kühlschränke und -truhen weitestgehend zuverlässig verrichten.

Gegen 14.30 Uhr war die Stromversorgung vollständig wieder hergestellt

Andere Betriebe halfen sich, so gut es eben ging, selbst. Dieselgeneratoren blubberten in den Höfen vor sich hin, damit zumindest das Nötigste getan werden konnte. Bei der Metzgerei Holl blieb das Ladengeschäft zwar zu. Ein Mitarbeiter hatte allerdings sein Notstromaggregat mitgebracht, sodass nicht auch noch die Ware verdarb. Bei denen, die frühzeitig wieder Strom hatten, standen die Kunden hingegen Schlange. So dürfte die OMV-Tankstelle zwischen Süßen und Donzdorf am Morgen fast ebenso viele Liter Kaffee zum Mitnehmen verkauft haben wie Benzin und Diesel.

Nur wenig und schon gar nicht das Gewohnte konnten derweil die Angestellten im Donzdorfer Rathaus tun. Die Computer blieben schwarz, die Telefone stumm. Selbst Handys funktionierten schlecht bis gar nicht, weil die meisten Funkantennen ebenfalls außer Funktion waren. Bürgermeister Martin Stölzle wollte die Lage zwar nicht dramatisieren, gab aber offen zu, „dass wir auf eine Situation, in der mehr als zwölf Stunden der Strom ausfällt, nicht wirklich vorbereitet sind“. Er könne besorgten Bürgern noch nicht einmal Auskunft geben, weil die Kommunikation weitgehend ausgefallen sei, fuhr er fort. „Es ist für mich auch die wichtigste Lehre aus dieser Geschichte, dass wir uns Gedanken darüber machen, wie wir in so einem Fall wenigstens die Verbindung nach draußen gewährleisten können“, erklärte Stölzle.

Als der Transformator in Süßen gegen 13.15 Uhr wieder anlief, dauerte es mit den notwendigen Sicherheitschecks nochmals eine gute Stunde, ehe die Vollversorgung flächendeckend wieder hergestellt war. Bis zur endgültigen Reparatur der beiden Anlagen werden nach den Worten von Richard Huber aber noch mal 14 Tage vergehen. Und bis diejenigen, die einen finanziellen Schaden erlitten haben, Geld sehen, vermutlich noch länger. Die Netze BW haftet in solchen Fällen nicht. Wohl dem, der eine Versicherung abgeschlossen hat.

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