Proteste über Proteste: Auch in Manila, Philippinen, gingen Menschen gegen Trumps Einwanderungsdekret auf die Straße und verbrannten US-Flaggen. Foto: AP

Die Talkrunde bei Maybrit Illner bewertet Donald Trump ungewohnt differenziert. Dabei sprechen die Talkgäste eine Warnung vor Europas Scheinheiligkeit aus.

Berlin - Wer mit dem Finger auf jemanden deutet, zeigt mit drei Fingern auf sich. Diese alte Volksweisheit gilt meist auch für die Politik. Auf Donald Trump bezogen heißt das: Gut und Böse sind im Verhältnis der Welt zum neuen US-Präsidenten nicht so klar verteilt, wie das manche Kommentatoren anfangs glauben machen wollten. Mittlerweile guckt man etwas genauer hin.

Maybrit Illners Talkrunde ging jedenfalls erstaunlich differenziert mit der Frage um, wie gefährlich Trump denn nun sei. Nicht, dass ein verkappter Wahlhelfer in der Fünferrunde gesessen hätte. Aber die Zwischentöne drangen durch. Wolfgang Ischinger zum Beispiel, ehemaliger US-Botschafter und nun Leiter der Münchener Sicherheitskonferenz, hält nichts davon, jeden Stilbruch bis hin zum Bademantelauftritt der Nr. 1 zu kommentieren. Statt permanent den Zeigefinger zu heben, solle Europa lieber klar formulieren, welche Politik es von Trump erwarte: „Für uns ist wichtig, zu überlegen, was unsere strategischen Interessen sind.“

Aber will Trump nicht aus der Nato aussteigen und mit Putin reden? Natürlich besorgt ihn das. Doch noch existiere die Nato ja. Und Barrack Obama habe zu wenig mit Putin geredet. Der Boss im Kreml werde auch ganz schnell verlangen, dass die Amerikaner ihr Raketenabwehrsystem in Osteuropa aufgeben – und da würden die Republikaner im Kongress schnell widersprechen, glaubt Ischinger.

Belastbares System

Auch Matthias Platzeck, ehemaliger SPD-Chef und Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums, ist „vorsichtig mit abschließenden Urteilen“. Statt sich an Trump abzuarbeiten, solle die Politik lieber fragen, was falsch lief in den vergangenen Jahren. 2008 zum Beispiel beim Bankencrash. Und schottet sich nicht auch Europa gegen Flüchtlinge ab? Platzeck: „Damit sollten wir ehrlich umgehen.“

Julian Reichelt, Vorsitzender der „Bild“-Chefredaktionen, erkennt zwar bei Trump autokratische Züge, hält aber die jüngste Auseinandersetzung des US-Präsidenten mit dem obersten Gericht wegen seines Einreisestopps für Muslime für eine Sternstunde der Demokratie: „Die Gewaltenteilung funktioniert, weil ein Richter das Einwanderungsgesetz stoppen kann.“ Das amerikanische politische System erweise sich unter Druck als extrem belastbar.

Selbstgerechtes Europa?

Reichelt hält es für selbstgerecht, wenn Europa sich nun über die geplante Mauer zu Mexiko aufrege, wo doch die EU in der Türkei nicht Anderes als Grenzzäune bauen lasse – und dort stürben syrische Flüchtlinge, wenn sie versuchten, diese zu überwinden. Das hält der Journalist für „selbstgerecht“. Wie das eben so ist mit dem Zeigefinger. Den deutsch-amerikanischen Politikwissenschaftler Peter Rough musste man davon nicht erst überzeugen. Er steht hinter Trump und sagte zum Beispiel zu dessen Zoff mit den obersten Bundesrichtern: Auch Obama habe diese Richter angefeindet, weil ihm deren Urteil zur Wahlkampffinanzierung nicht gepasst habe. Amerikas Elite sage den Bürgern der Mitte doch ständig, dass ihre Werte überholt seien. Deshalb hätten sie Trump gewählt.

Nur die US-amerikanische Autorin Deborah Feldman ließ kein gutes Haar am Präsidenten. Trump, so sagte sie, wolle Rache nehmen an allen, die nicht seiner Meinung sind.

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