Don Pasquale (Enzo Capuano, Mitte) mit Staatsopernchor und Statisten Foto: Martin Sigmund

Sehr anders als gewohnt ist die 1843 in Paris uraufgeführte Oper Gaetano Donizettis in Stuttgart zu erleben: Am Sonntagabend feierte das Publikum die komische Oper „Don Pasquale“, der die Regisseure Jossi Wieler und Sergio Morabito fast alles Komische ausgetrieben haben – mit großem Gewinn.

Stuttgart - Da steht er nun, der arme Tor. Er ist zwar klüger als zuvor, aber eigentlich kann sein Leben jetzt nicht weitergehen. Als gebrochenen alten Mann gibt Enzo Capuano den Titelhelden der Oper „Don Pasquale“ schon lange bevor das Stück an der Oper Stuttgart zu Ende ist, und die Szene, in der aus der Traditionsfigur des komischen Alten endgültig ein bemitleidenswerter, gebrochener Mann wird, ist jene, in der er sich unbewegt links am Bühnenrand halb nach unten beugt: ein Ritter von der traurigen Gestalt, in der Hand ein halb aufgerauchter Joint. Der hat ihn zurückbefördert in jene Jugendzeit, die ein Animationsfilm des Studios Seufz schon vor dem ersten Akt in Bilder fasste. Zu den Klängen der Ouvertüre waren diese Bilder auf der Bühne zu sehen, sie zeigten Don Pasquale im Flower-Power-Outfit und mit Wuschelhaaren, der in einer bunt bewegten Landschaft gleich der des Covers zur legendären Beatles-LP „Yellow Submarine“ lebt und vor allem liebt, bis ihm eine dunkle Gestalt den Lebensfaden durchtrennt.

Der Film endet im Gleichklang mit der Ouvertüre und mit einer Sequenz, in der Don Pasquale, die Haare geschnitten, eine Brille auf der Nase, als Firmenchef in einem Büro sitzt. Genau so sieht man den Sänger Enzo Capuano, als sich der Vorhang hebt und das reale Bühnengeschehen beginnt – in einem Büro, dessen Sterilität den denkbar größten Kontrast zu den zuvor gezeigten Trickfilmbildern bildet. Ist, mag man sich verwirrt fragen, die erfolgreiche Intrige eines Gaunertrios in der Stuttgarter Inszenierung von „Don Pasquale“ vielleicht gar nicht wirklich wahr, sondern ein Albtraum? Die nur im Drogenrausch halluzinierte Geschichte eines Mannes, der Liebe und Freiheit für Macht und Besitz opferte und nun von seinen verpassten Träumen eingeholt wird?

Regisseure und Dirigent arbeiten mit großer Akribie und Präzision

Man hätte diese Oper als psychedelischen Horrortrip erzählen können. Ansätze dazu sind sichtbar, aber jeder, der die Inszenierungen von Jossi Wieler und Sergio Morabito kennt, weiß, dass dem Regieduo eine solche Erzählhaltung viel zu platt erschienen wäre. Deshalb bleibt jetzt der drogengezeugte Erinnerungs-Flashback des Titelhelden mitten im Stück eine Episode – und die bunten Bilder des vorgeschalteten Animationsfilms bieten schlicht eine tiefenpsychologische Begründung sowohl für die Sehnsucht des altes Mann nach Liebe als auch für sein restriktives Verhalten gegenüber dem verliebten Neffen, in dem ein Psychoanalytiker etliche Mechanismen der Übertragung entdecken würde.

Das Lächerliche, das die (aus der Commedia dell’Arte entlehnte) Figur des Don Pasquale sonst umgibt, wird dem Stück dadurch allerdings vollständig ausgetrieben. Die große Akribie und Präzision, mit denen Wieler und Morabito das Personal definieren, spiegelt ganz exzellent das Staatsorchester unter Giuliano Carellas Leitung: Viele rhythmische Figuren wirken so konturscharf, als seien sie gemeißelt, man hört exzellente solistische Passagen (Cello, Trompete), und auf oft geradezu zauberhafte Weise vermählt der italienische Dirigent Motorik und Melodie.

Im Laufe des Abends wird die Düsternis immer stärker

Im Laufe des Abends dominiert immer stärker die Düsternis, und das liegt auch daran, dass die Regisseure dem Stück ein Nebenthema beigeben: Mit dem (Heiratsschwindler-?)Trio rund um die wieder wundervolle Ana Durlovski reibt sich in ihrer Inszenierung nicht nur Altes an Jungem, sondern auch Prekariat an Oberschicht; auf der einen Seite geht es um Aufstieg, auf der anderen um die Angst vor einem bedrohlichen Unbekannten. Wieler und Morabito zeichnen dieses Fremde mit kleinen Bewegungen und Gesten, die Kostümbildnerin Teresa Vergho betont es über die Kleider der Sänger, und so wird sehr deutlich, dass hier der Grund für die kaum glaubliche Naivität, nein: Blödheit zu finden ist, mit der Don Pasquale den Heiratsschwindlern auf den Leim geht.

Situationskomik gibt es allerdings, und es sind maßgeblich die Darsteller, die sie erzeugen. Allen voran: Ana Durlovski, die spielt wie befreit, die ihren exaltierten Charakter und dessen Tun nahtlos mit dem Zierwerk ihrer Partie verquickt – was auch deshalb exzellent funktioniert, weil sie die vielen virtuosen Koloraturen ihrer Partie mit einer oft kaum glaubhaften Mühelosigkeit einfach so vor sich hin singt. Neben ihr gibt André Morsch als Malatesta einen Strippenzieher von Graden: aalglatt, intrigant, auch stimmlich ungemein wendig – ein Gestaltwandler, wie er im Buche steht. Dem rumänischen Hausdebütanten Ioan Hotea, der dem Ernesto viel Schmelz und Italianità mitgibt, haben Wieler und Morabito etliche jener Klischees beigegeben, die man gemeinhin mit Tenören verbindet: Einfalt, Eitelkeit und viel ungefilterte Emotionalität hüllen den Sänger derart ein, dass eine Zukunft seines finalen Liebesglücks mit der zukünftigen Ex-Frau seines Onkels eigentlich nicht vorstellbar ist.

Aus der Klamotte wird eine Charakterstudie

Den gibt Enzo Capuano so zurückhaltend, wie es dem Ansatz der Inszenierung entspricht: Da ist nichts Vertrotteltes, kein darstellerisches Übertreiben – aus der Klamotte wird eine Charakterstudie. Am Ende, nach der (auch hier) wie angeklebt wirkenden moralinsauren Erkenntnis Norinas, dass „einen kranken Verstand hat, wer sich im Alter verheiratet“, lacht man den betrogenen Mann nicht aus, sondern empfindet tiefes, ehrliches Mitleid mit einem Menschen, der beim Rückblick auf sein Leben nur einen leeren Abgrund gähnen sieht. Dabei mag man an andere Opernschlüsse denken: an das „La commedia è finita“ („Die Komödie ist vorbei“) aus Ruggiero Leoncavallos „Bajazzo“ oder an die finale Fuge von Giuseppe Verdis letzter Oper. „Tutto nel mondo è burla“, „Alles ist Spaß auf Erden“, stimmt da Falstaff an, auch er ein mehrfach Gefoppter, die Musik dreht sich dazu in einer Weise, wie sich jetzt in „Don Pasquale“ auch Jens Kilians spielerisch und labyrinthisch in sich verwundene Bühne dreht – und das Lachen bleibt einem im Halse stecken.

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