Die alleinerziehende Bäuerin Agnes freut sich über Urlauber, die ihr bei Feldarbeiten helfen. Foto: Gabriele Kiunke

Auf der Karibikinsel Dominica können Touristen beim Wiederaufbau nach dem Hurrikan Maria helfen, müssen sie aber nicht. Überhaupt zu kommen, hilft auch. Zu erleben und zu sehen gibt es jede Menge.

Roseau - Dem Regenwald ist sein Dach abhandengekommen. Jetzt brennt einem die Sonne auf den Kopf und schickt ihre Strahlen bis auf den Boden, an Stellen, die normalerweise jahrelang im Schatten liegen. Die entlaubten Bäume ragen Spargelstangen gleich in den Himmel. Doch es sprießt schon wieder überall: Am Boden bilden Sträucher, Farne, Gräser einen dichten Teppich, aus umgestürzten Bäumen wachsen junge Triebe und um die kahlen Stämme ranken sich Blätter wie grüne Schals. „Es ist spannend zu sehen, wie der Regenwald wächst und sich täglich verändert“, freut sich Annette Peyer, die vor 20 Jahren aus der Schweiz einwanderte und schon viele Wirbelstürme erlebte. Maria, einer der schlimmsten, fegte im September 2017 über Dominica, so gewaltig und verheerend, dass seither eine neue Zeitrechnung gilt: „vor“ und „nach“ Maria. Nicht alles war vorher besser. „Jetzt sieht man die Landschaft“, gewinnt Annette dem lichten Wald Positives ab.

Es finden sich nur wenige Fleckchen Erde, an denen die Natur ihr Füllhorn so reichlich ausgeschüttet hat wie über Dominica. Ob Pflanzen, Obst, Tiere oder Wald – es herrscht ein unfassbarer Artenreichtum auf dieser nur 46 Kilometer langen und 25 Kilometer breiten Insel, die sich ihre Ursprünglichkeit bewahrte, seit Kolumbus anno 1493 an einem Sonntag (auf Spanisch „Domingo“) vorbeisegelte und so der Insel ihren Namen gab. Seitdem wurden gezählt: 55 Orchideenarten, ein Dutzend Palmenspezies, 18 Krabbenarten, zehn Avocadosorten, sechs Waldtypen, 364 Flüsse – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Weil das Gelände so bergig ist, scheiterten in der Vergangenheit Versuche einer kommerziellen Nutzung des Waldes. So konnte sich der ursprünglichste aller karibischen Regenwälder erhalten und ist seit 1998 auch als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt. Das lockt Wanderer und Naturliebhaber, weshalb der Tourismus neben der Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig ist. Dominica, 1978 von Großbritannien in die Selbstständigkeit entlassen, ist ein armes Land, ohne Industrie und mit wenig Perspektiven für die Jungen. Von den rund 70 000 Einwohnern sollen rund 30 000 inzwischen ihre Heimat verlassen haben, vor allem Sturm Maria beförderte den Exodus.

Dominica verzaubert Besucher

Doch seit dieser Naturkatastrophe hat sich vieles getan. Hier und da sieht man zwar noch eingestürzte Häuser und fährt über Notbrücken, doch Besucher nimmt die Insel mit ihrem Zauber und Charme schnell für sich ein. Die wolkenverhangenen, mystisch wirkenden Berge und Vulkane (neun an der Zahl). Die zitronengelb, pastellblau und schweinchenrosa angemalten Holzhäuser der Hauptstadt Roseau. Die Bilderbuch-Sonnenuntergänge. Die vielen Wunderwerke der Natur, als da sind: der zweitgrößte kochende See der Erde (Boiling Lake), eindrucksvolle Wasserfälle, natürliche Pools und grandiose Tauchreviere wie das Champagne Reef.

Das zu genießen, gleichzeitig aber den Wiederaufbau zu unterstützen, ist die Idee des Voluntourismus-Programms, das sich die Touristiker einfallen ließen, um wieder Besucher auf die Insel zu locken. Eine Kombination von Arbeiten und Urlaub. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Man kann vermüllte Korallenriffe säubern, beim Aufbau von Häusern helfen, Waldwege freiräumen und bei Bauern arbeiten. Wer mithilft, profitiert von vergünstigten Urlaubspaketen.

Der einzige Fernwanderweg der Karibik

Annette Peyer nimmt die Freiwilligen mit auf den völlig zerstörten Waitukubuli Trail, einen über 180 Kilometer langen, in 14 Abschnitte unterteilten Fernwanderweg. „Ein ganz wunderbarer Weg, der Geld in die Gemeinden entlang der Strecke bringt. Es liegt mir sehr am Herzen, dass er bald wieder begehbar ist“, erzählt Annette, die Abschnitt 11 „adoptierte“ – ein elf Kilometer langes Teilstück im Nationalpark Morne Diablotin, benannt nach dem gleichnamigen höchsten Berg (1447 Meter). Drei Kilometer durch den tropischen Regenwald sind schon begehbar, ein bisschen Klettern über dicke Stämme inklusive. Eine Stunde Fußmarsch dauert’s bis zur der Stelle, an der weitergearbeitet wird. Da türmt sich eine Wand aus Ästen, Gestrüpp und Sträuchern auf. Plötzlich ein lautes Knacksen. Annette schaut zu den Gommier- und Chataignier-Bäumen. „Na, da könnte bald noch einer umfallen“, sagt sie und es klingt, als wäre das keine Bedrohung, sondern nur eine weitere zu meisternde Herausforderung. Zwei- bis dreimal die Woche arbeitet sie auf dem Trail, mit karibischer Gelassenheit und Schweizer Gründlichkeit. Der bereits freigeräumte Abschnitt ist so breit, dass locker zwei Wanderer nebeneinander gehen können, aber „schließlich soll ja nicht gleich alles wieder zuwachsen“. Zwei junge Männer hat sie für die schweren Sägearbeiten beschäftigt, diese wie auch die Maschinen bezahlt sie mit Spenden. Staatliche Unterstützung bekommt sie für ihren Einsatz nicht. „Ich sehe das als meinen Beitrag zum Wiederaufbau des Landes.“

Die Anbieter hoffen auf mehr Touristen

Ehrenamtlich engagiert sich auch Maureen Horrick für das Voluntourismus-Programm. Die Kanadierin lebt seit dem Ruhestand in Mero, einem traumhaft gelegenen Küstendorf mit einem der wenigen Sandstrände der Insel. Die Gemeinde bietet Sechs-Tage-Pakete inklusive Unterkunft und Essen an. Viermal arbeiten die Urlauber je einen halben Tag mit, zum Beispiel bei Agnes, einer alleinerziehenden Bäuerin. Dann geht es hoch in die Berge über Mero zum Unkrautjäten. Oder sie bringen ganz eigene Fertigkeiten ein wie Dan. Der amerikanische Elektriker ist für zwei Wochen in Mero und schon so bekannt wie ein bunter Hund. „Viele sprechen mich auf der Straße an und fragen, ob ich helfen kann“, erzählt Dan. Noch ist die Resonanz auf das Angebot aber verhalten. Maureen hofft dringend auf mehr Urlauber. „Dann könnten wir jemand für das Projekt beschäftigen und hätten einen Arbeitsplatz geschaffen.“ Viele Dorfbewohner könnten es sich nicht leisten, ehrenamtlich zu arbeiten, sondern müssten schauen, dass sie ihre Familien satt bekommen.

Dan genießt diese andere Form des Urlaubs. „Als normaler Tourist würde ich die Menschen und die Insel nicht so erleben“, sagt er und scherzt: „Kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so entspannt gearbeitet habe.“ Und so sinnvoll sicher auch nicht.

Hinkommen, unterkommen, rumkommen

Anreise

Dominica hat keinen internationalen Flughafen, deshalb reist man über Guadeloupe an, z. B. mit Air France, und nimmt von dort die Fähre nach Dominica: www.express-des-iles.com

Unterkunft

Hotel Picard in Portsmouth: Anlage mit hübschen Holzhäusern direkt am Strand, ab 120 Euro ohne Frühstück: www.picardbeachcottages.dm Bestes Hotel der Insel, direkt am Meer, Fort Young Hotel in Roseau, DZ ab 190 Euro ohne Frühstück: www.fortyounghotel.com Charmant, tolle Lage: Tamarind Tree Hotel eines deutsch-schweizerischen Ehepaars, DZ ab 100 Euro mit Frühstück: www.tamarindtreedominica.com

Voluntourismus

Tauchen und dabei Müll einsammeln – dieses Paket bietet das Cabrits Dive Center in Portsmouth. Eine Woche inkl. Unterkunft, 10 Tauchgänge, Lunch, Transport ab 670 Euro. Ein Tagespaket kostet rund 120 Euro. www.cabritsdive.com Mero: Die Gemeinde bietet ein Paket an mit Unterkunft und Verpflegung, als Gegenleistung hilft man einige Stunden am Tag Bauern auf dem Feld oder bei Aufräumarbeiten im Dorf. Sechs Nächte ab 630 Euro. Infos und Buchung bei Maureen Horrick: mo.don.dominica@gmail.comWaitakubuli Trail: Wege des Fernwanderwegs freiräumen ist Teil der Pakete im Tamarind Tree Hotel. Je nach Aufenthalt arbeiten die Besucher an 4 Tagen (bei einer Woche) oder 9 Tagen (bei zwei Wochen) mit. An den anderen Tagen stehen Ausflüge auf dem Programm. Ab 1300 Euro (inkl. Unterkunft, Vollpension, Programm, Eintritte). www.tamarindtreedominica.com

Währung

1 Euro entspricht etwa 3 Ostkaribischen Dollars (ECD)

Allgemeine Informationen

Dominica Tourist Büro, Postfach 140223, 70072 Stuttgart, Telefon 0711 / 26 34 66 24. E-Mail: dominica@tropical-consult.de. www.dominica.dm

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: