Pflichttermin in „The Gällery“: Analysieren, Offenlegen, Entlarven und doch auch Staunen – die Schau „Images of the Present“ macht dies in der Staatsgalerie Stuttgart möglich.
Wer vergisst, dass Familie eine eher junge Erfindung ist, und die Familie durch die Mythenzerstörung in Theater und Film für den großen Auftritt verloren glaubte, sieht sich in der digitalen Bilderindustrie gehörig belehrt. Private Gemeinschaft ist gleichermaßen Sehnsuchtsidee wie Dauerbehauptung – und vielleicht gerade deshalb dauernd auf der Überholspur. Kann dann ausgerechnet die Fotografie ein Medium sein, sich ernsthaft und haltbar mit Familie zu beschäftigen?
2005 erarbeitet die heute in Berlin lebende Verena Jaekel eine Serie, die alles Dagewesene aufzusaugen scheint und sich doch oder vielleicht gerade deshalb aus dem tobenden Bildermeer erhebt: „Neue Familienportraits – New Family Portraits“ stellt deutsche und US-amerikanische Familien mit gleichgeschlechtlichen Elternpaaren vor. Ihr Auftritt ist so souverän, dass der erste Blick eher der geographischen Verortung gilt. Diese Porträts sind zuvorderst Städtebilder. Wir lesen New York, San Francisco, Berlin. Dann kommen die Zweifel. An der Selbstverständlichkeit vor allem. Verena Jaekel gelingt mit dieser Serie das Kunststück, zugleich zeitlos und in aller Veränderung aktuell zu sein. 2006 ist dies der Jury der von der Wüstenrot Stiftung und dem Museum Folkwang Essen vergebenen Dokumentarfotografie Förderpreise eine Auszeichnung wert – 2023 wird „Neue Familienportraits – New Family Portraits“ in der Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten zu einem Fanal individueller Freiheit.
Spiegel der Veränderung
Zu sehen sind die Werke aus Jaekels Preis-Serie von 2005 jetzt in der Schau „Images of the Present. 30 Jahre Dokumentarfotografie Förderpreise der Wüstenrot Stiftung“ in den Räumen der fotografischen Positionen vorbehaltenen „The Gällery“ der Staatsgalerie Stuttgart. Das Titelungetüm sollte nicht schrecken, eher ist es Hinweis darauf, dass hier nichts zu sehen ist, was leichtfertig bepreist wurde. Entsprechend konzentriert und unaufgeregt zeigt sich der von der in Leipzig lebenden freien Kuratorin Christin Müller erarbeitete Parcours. „Christin Müller“, heißt es in einer Selbstbeschreibung, „interessiert sich insbesondere für künstlerische Dokumentarfotografie, fotografische Materialität im Wandel und die Grenzbereiche des Mediums“ – und eben diese Trilogie bestimmt „Images of the Present“.
Susanne Heftis Bravourstück
Den beobachtenden, der Geschichte des eigenen Mediums folgenden Sequenzen „Forza Italia“ von Sarah-Lena Maierhofer (2004 ausgezeichnet) oder der deutlich in die Kunst drängenden bitteren Folge „Big Sexyland“ von Tobias Zielony (2006) antwortet das in der künstlerischen Forschung zu verortende Projekt „Die neue Ungleichheit – am Beispiel Köln“ von Arne Schmitt (2014), bevor Malte Wandel mit der Langzeitbeobachtung „Sarah, Miguel und Jamal“ (seit 2015) den Weg ins Multimediale öffnet. Susanne Hefti gelingt mit „Kosovo – A Truely. Affirmative Research“ (2017) das Bravourstück, Fotografie, Film und Hörspiel zu einem Ganzen zu fügen, in dem eine einzelne Fotografie einer Tankstelle ein Versprechen zuvorderst dekorative Realität werden lässt. „Images of the Present“? Ist ein Ereignis im besten Sinn.
Die Preise
Die Dokumentarfotografie Förderpreise sind die bedeutendste Auszeichnung dieser Art in Deutschland. Sie richten sich an Fotografinnen und Fotografen, die sich mit Themen der realen Lebenswelt beschäftigen und sich mit zeitgenössischen Mitteln mit der Repräsentationsfunktion von Fotografie auseinandersetzen. Seit 1994 von wird der Preis im zweijährigen Turnus von der Wüstenrot Stiftung in Kooperation mit dem Museum Folkwang in Essen an Absolventinnen und Absolventen von Hochschulen in Deutschland vergeben. Aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums präsentiert die Staatsgalerie Stuttgart in „The Gällery“ erstmals einen repräsentativen Überblick über drei Jahrzehnte Dokumentarfotografie in Deutschland.
Die Ausstellung
„Images of the Present“ zeichnet die Entwicklung dokumentarischer Konzepte seit den frühen 1990er Jahren an ausgewählten Werken der Preisträgerinnen und Preisträger nach. In der Ausstellung werden mit den Kapiteln „Beziehungsnetze des Porträts“, „Gesellschaft in Bewegung“ und „Politische Landschaften“ drei wichtige Themenfelder vorgestellt, um die einige Werkgruppen der 56 bisher ausgezeichneten Preisträgerinnen und Preisträger kreisen. Die thematische Gruppierung der Arbeiten zeigt nicht nur verschiedene Zugriffe auf die Themen. Sichtbar werden auch sich wandelnde Bildstrategien, künstlerische Haltungen und mediale Übersetzungen vom gerahmten Bild bis hin zur Multimedia-Installation.
The Gällery
„Images of the Present – 30 Jahre Dokumentarfotografie Förderpreise der Wüstenrot-Stiftung“ in der Staatsgalerie Stuttgart / The Gällery; bis zum 18. Februar 2024. Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Do 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei – ermöglicht durch die Wüstenrot Stiftung.