Der Ballettstar Friedemann Vogel stellt auf dem Festival einen Film über seine Karriere vor. Foto: Stuttgarter Ballett 2009/SWR

Das SWR-Doku-Festival bietet vom 21. bis 24. Juni wieder ein faszinierendes Spektrum an Bildern. Ein Porträt von Friedemann Vogel und das Werk von Werner Herzog stehen hier neben den Clips von Lisa und Lena.

Mit Feuer, Schwert und Kamera gegen das Böse in der Welt zu Felde ziehen, Lügen entlarven, Wahrheiten ins Licht rücken, Täter benennen, verdrängte Opfer aus dem Dunkel holen – ja, manche Dokumentarfilme haben solch einen kämpferischen Ansatz. Sie folgen der Vision, eine lohnende Beschreibung der Welt sei auch ein Akt der Verbesserung der Welt. Das SWR-Doku-Festival, das an diesem Dienstag beginnt, hatte solche Filme immer schon zu bieten, und hat sie auch dieses Jahr wieder im bis Freitag laufenden Programm in den Kinos Gloria und Cinema, innerhalb und außerhalb des Wettbewerbs um den Deutschen Dokumentarfilmpreis.

 

Da könnte man zum Beispiel „Dear Future Children“ (Donnerstag, 19 Uhr, im Gloria) vom Regisseur Franz Böhm nennen, dem manche ein wenig Heimspielbonus wünschen werden. Böhm, Jahrgang 1999,stammt aus Gerlingen und arbeitet heute von London, aber auch von Stuttgart aus. Sein Film erzählt von engagierten jungen Frauen, die gegen heftige Widerstände für ihre Ideale kämpfen: die 23-jährige Rayen aus Chile, die 22-jährige Pepper aus Hongkong und die 22-jährige Hilda aus Uganda.

Eine kleine Überraschung

Bei bestimmten Themen erwarten viele Filmfreunde spontan, dass sie auf einem ernsthaften Dokumentarfilmfestival eigentlich nur Ziel von Entlarvungsarbeit sein können: das Influencer-Wesen mit all seinen Auswüchsen und Nebenwirkungen zum Beispiel. Aber es gibt eben auch einen Verdammungsreflex, gegen den sich ein Dokumentarfilmfest immer wieder stemmen sollte.

Das SWR-Doku-Festival hat diesmal die Überraschung im Gepäck, für Schulen – Achtung, ausgebucht – einen Workshop mit Lisa und Lena anzubieten. Falls es jemanden geben sollte, der sie noch nicht kennt: die beiden soeben 20 Jahre alt gewordenen Zwillingsschwestern aus Stuttgart haben 2015 eine quasi ganz normale Netzkarriere für Jugendliche begonnen, die sich auf Instagram und Tiktok zu einem jener Erfolgsphänomene aufbauschte, die Millionen von anderen Jugendlichen ebenfalls von einer Influencerinnen-Karriere träumen lassen.

Umarmung der Welt

Aber Lisa und Lena sind eben keine Musterschreckgestalten des bedenkenlosen Konsumwahnsinns. Von der Plattform Tiktok haben sie sich wegen Zweifel an der Sicherheit wieder zurückgezogen. Statt nach Dubai zu übersiedeln, um von einer gesponserten Luxussuite aus Propaganda für ein menschenverachtendes Glitzerregime zu machen – der Weg vieler Top-Influencer –, haben sie eine Zusammenarbeit mit den öffentlich-rechtlichen Medien begonnen. Für den Kinderkanal treten sie in „Ticktack Zeitreise mit Lisa und Lena“ an, einer vom SWR produzierten flotten Erklärserie für Jüngere.

Dokumentarfilm als Umarmung der Welt, als Huldigung, als Vermittler von Schönheiten, von Kunst und Inspiration – auch das ist ein Element des SWR-Doku-Festivals. Am Mittwochabend um 19 Uhr etwa steht Katja Trautweins 60-minütiger Film „Friedemann Vogel“ auf dem Programm. Trautwein hat den 42-jährigen Stuttgarter Ballettstar im Alltag begleitet und erzählt von einem, bei dem Leidenschaft und Beruf völlig zur Deckung gekommen sind. Im Anschluss an die Vorführung gibt es ein Livegespräch zwischen Friedemann Vogel und Katja Trautwein, moderiert vom ARD-Journalisten Thomas Aders, der einen stark faktenorientierten Roman um John Cranko geschrieben hat.

Ehrenpreis für Werner Herzog

Auf Personen zugehen, deren Leben, Leidenschaften, Träume und Besessenheiten erkunden – das ist auch das Programm des diesjährigen Ehrenpreisträgers Werner Herzog. Nur hat der sich nicht Stars ausgesucht, sondern Außenseiter, Eigenbrötler, Sonderlinge. Seine von einer spürbaren Sympathie bis an den Rand der Fiktion getriebenen Dokumentarfilme sind die konsequente Fortsetzung seiner längst Klassiker gewordenen Spielfilme wie „Fitzcarraldo“. Drei Herzog-Werke – „Land des Schweigens und der Dunkelheit“, „Mein liebster Feind“ und „The white Diamond“ – laufen beim Festival.

Der 79-Jährige selbst kommt nicht, aber sein Kameramann Klaus Scheurich wird im Gloria nach der Vorführung am Freitag um 17 Uhr über „The white Diamond“ sprechen. Ein bisschen schade ist es schon, dass Herzog nicht in Stuttgart sein wird. Die Vorstellung, er hätte Lisa und Lena kennenlernen und einen Herzog-Film über die Welt der Influencerinnen planen können, ist zu schön.

SWR-Doku-Festival

Branchentreff
Parallel zum Filmprogramm des Festivals veranstaltet das Haus des Dokumentarfilms am 23. und 24. Juni die Fachtagung Dokville, die sich diesmal unter anderem investigativen Langformaten widmet

Preisverleihung
Der Deutsche Dokumentarfilmpreis wird nebst dem Preis für eine Musikdoku am Freitag ab 19 Uhr im Gloria verliehen. Es moderiert Max Moor.

Juroren
In den Jurys saßen beispielsweise Filmproduzentin Regine Ziegler und der TV-Veteran Gero von Boehm sowie beim Musikfilmpreis Campino und Fola Dada.