Islamisten schüchtern eine Frau ein: Szene aus „Timbuktu“ Foto: Verleih

Er zählt zu den Aushängeschildern des afrikanischen Kinos. Mit seinem Drama „Timbuktu“ über die Gewaltherrschaft fanatischer Islamisten wurde der 53-jährige Abderrahmane Sissako in Cannes gefeiert. Auslöser für den Film war die Steinigung eines unverheirateten Pärchens in seiner Heimat.

Monsieur Sissako, Ihr Film über ein islamistisches Schreckensregime in Mali wird von der Wirklichkeit in Syrien überholt – sind Sie erschrocken über die Aktualität des Themas?
Erschrocken wäre nicht das richtige Wort. Die schrecklichen Dinge, die heute passieren, gibt es ja nicht erst seit gestern. Eine Armee mit 30 000 Leuten wird nicht über Nacht aufgebaut. Es scheint, als ob der Westen erst jetzt aufschreckt über etwas, das schon lange existiert. Seit man schreckliche Bilder sieht, bei denen Geiseln die Kehle durchgeschnitten wird, wachen plötzlich alle auf.
Kurz vor den Tübinger Filmtagen haben Sie Ihren Film beim Festival von Abu Dhabi gezeigt, wie waren dort die Reaktionen?
Genauso wie in Tübingen. Darüber war ich gar nicht sonderlich überrascht, weil sehr viele junge Leute und Frauen im Publikum saßen. Die allgemeine Stimmung war, dass dies ein wichtiger und notwendiger Film sei.
Gab es Drohungen gegen Sie?
Darauf möchte ich nur ungern antworten, denn das gäbe meiner Person zu großes Gewicht. Was zählt, ist dieser Film, und der spricht für sich selbst. „Timbuktu“ zeigt ja zugleich auch einen Islam, der tolerant ist und voller Liebe und Mitgefühl steckt.
Es gibt eine Szene in Ihrem Film, die Klassiker-Qualitäten besitzt: Als Jugendlichen das Fußballspielen verboten wird, tun sie es als Pantomime ohne Ball – wie entstand diese Idee?
Für mich waren drei Elemente wichtig: die Frauen, die Justiz und die Verbote. Die Sinnlosigkeit von Verboten lässt sich am besten demonstrieren durch den Widerstand, den es dagegen gibt. Ein Fußballspiel ohne Ball zu inszenieren steht für mich als Symbol des friedlichen Widerstands. Das sind Siege der Menschlichkeit, die letztlich effizienter sind als der Sieg einer Armee. Es wird nicht möglich sein, den Islamismus nur mit militärischen Mitteln zu besiegen. Diesem stillen Widerstand der einfachen Leute wollte ich ein Denkmal setzen.
Ihr Bild von Afrika und seiner Bewohner fällt durch besondere Schönheit auf – wie wichtig ist diese fast poetische Darstellung?
Land und Leute sind vorhanden, die muss ich nicht erfinden. Natürlich trifft ein Film immer eine Auswahl, aber manchmal ist diese Wahl gar nicht schwierig. Ein gutes Beispiel ist die Szene mit dem Fischer, die wichtig für die Geschichte ist. Am Vorabend des Drehs hatte ich noch immer keinen passenden Darsteller gefunden. Jemand, der so schnell den Filmtod stirbt, benötigt schließlich eine große Ausstrahlung. Am nächsten Morgen kam dann der große Zufall zu Hilfe: Genau an unserem Drehort fischte jemand, der absolut perfekt für diese Rolle war. Das ist wahre Magie des Kinos.
Wie zeigt man Gewalt, ohne dass es zu brutal und verstörend wirkt?
Man muss diese Gewalt zeigen, doch die Form ist dabei entscheidend. Es gibt ein ­Kino, das Gewalt möglichst spektakulär ­zelebriert, was für mich nie infrage käme. Ich habe sehr lange überlegt, wie ich diese Steinigung zeige, und sogar an eine Zeichentrick-Variante gedacht. Das habe ich wieder verworfen, weil diese Stilisierung falsch gewirkt hätte. Die Lösung bestand schließlich darin, diese Szene mit einer Tanzsequenz zu verbinden.
Sie haben in Moskau an der Filmschule studiert. Was halten Sie von Lenins Aussage, wonach Kino die wichtigste aller Künste wäre?
Für Lenin war Kino ein Instrument revolutionärer Propaganda, er hatte die Kraft der Bilder erkannt. Für mich ist es wichtig, beim Filmemachen gar nicht daran zu denken, dass Kino wichtig ist – sonst hält man sich irgendwann selbst für wichtig. Das zerstört den Wert und die Aussage eines Films. Film kann durch seine bloße Existenz wichtig sein, jedoch nicht durch seine Absichten.
Wie sehen Sie die Entwicklung der Radikalisierung von Islamisten?
Es ist nicht der Islam, der gewalttätig und intolerant ist. Es sind die Leute, die den ­Islam als Vorwand benutzen. Diese Unterscheidung, auch in den Medien, ist elementar wichtig, sonst wird sich nichts verändern. Ebenso wichtig ist es, dass Moslems sich deutlich von solchen Gewalttaten distanzieren – denn der Islam ist keine Religion der Gewalt. Im Koran sagt der Prophet, es gäbe nur einen Unterschied zwischen Moslems und Christen, nämlich den Grad ihres Glaubens: Eine größere Akzeptanz gegenüber dem anderen kann es kaum geben. ­Jeder, der von Christen als „Ungläubigen“ spricht, hat unrecht.
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