In Kassel begenet einem die Kunst überall: hier der Bücher-Parthenon von Marta Minujin. Foto: dpa

Kunst ist meist eine elitäre Angelegenheit. Bei der Documenta 14 in Kassel und der Skulptur Projekte Münster aber darf Kunst ausnahmsweise ein lustvolles Freizeitvergnügen sein. Adrienne Braun begrüßt das ausdrücklich.

Kassel - Als das Kunstmuseum Stuttgart 2005 eröffnet wurde, kam das einer Sensation gleich. Ein Museum direkt in der Fußgängerzone, bequem zu erreichen – ebenerdig und damit sozusagen auf Augenhöhe mit der Bevölkerung. Das ist keineswegs selbstverständlich. Traditionelle Ausstellungshäuser müssen oft über monumentale Treppenanlagen erklommen werden. Ein Bild mit Symbolwirkung: Die Kunst ist in diesen Kunsttempeln dem Leben entrückt und abgehoben.

Am Wochenende werden gleich zwei Kunstevents eröffnet, die anders sind: die Documenta 14 in Kassel und die Skulptur Projekte Münster. Es sind die wichtigsten Kunstereignisse der Republik, zu der Besucher aus aller Welt kommen. Für Kassel und Münster bedeutet das Ausnahmezustand. Überall wird man die Kunstfreunde antreffen, die wie bei der Schnitzeljagd von Station zu Station pilgern, Cafés und Parkbänke bevölkern oder in der Straßenbahn über Kunst debattieren. Und wie nebenbei tragen sie damit eine wichtige Botschaft hinaus in die Welt: Kunst ist eine Reise wert – und kann sogar Spaß machen.

Kunst gilt gemeinhin als anstrengend und kompliziert

Gut 2,3 Millionen Menschen befassen sich Erhebungen zufolge in Deutschland regelmäßig mit Kunst. Bei einer Bevölkerung von mehr als 80 Millionen ist das eine bescheidene Bilanz. Aber Kunst gilt oft als anstrengend und kompliziert. An diesem Bild ist weniger die Kunst, als vielmehr der Kunstbetrieb schuld, der sich gern in seiner Kennerschaft sonnt und sich mit dem Volk nicht gemein machen will. Auch die Museen machen es den Besuchern nicht leicht mit ihrem akademischem Fachjargon und allzu wissenschaftlichen Fragestellungen.

Es kann gut sein, dass man auch bei der „d 14“ ratlos vor der ein oder anderen Installation, Performance oder Videoarbeit stehen wird. Aber diese Großveranstaltungen sind immer auch ein wenig Spektakel, bei dem das Publikum der Kunst leichter und ohne die üblichen Berührungsängste gegenübertreten kann, weil sie einem ganz selbstverständlich überall in der Stadt begegnet – als lustvolles Angebot zwischen Würstchenbude und Eiscafé.

Einige Projekte im öffentlichen Raum haben Geschichte geschrieben

In Münster werden ausschließlich Arbeiten für den öffentlichen Raum konzipiert. Eine Künstlerin hat ins Stadthafenbecken einen Steg unter der Wasseroberfläche gebaut – und man kann sicher sein, dass es ein fröhliches Planschen werden wird. Auch bei der Documenta gehörten Projekte im öffentlichen Raum immer schon dazu, einige haben sogar Geschichte geschrieben: Joseph Beuys pflanzte 7000 Eichen, Walter De Maria bohrte auf dem Friedrichsplatz tausend Meter in die Tiefe für seinen „Vertikalen Erdkilometer“.

Viele der verbliebenen Außenarbeiten sind heute Wahrzeichen von Kassel, das sein Image der Weltkunstschau verdankt. „Documenta-Stadt“ steht denn auch stolz auf den Ortschildern. Auch die Bewohner profitieren von den Gästen aus aller Welt, vermieten Zimmer, genießen das internationale Flair, manche bieten selbst Führungen an und beteiligen sich an Kunstaktionen – und sind hundert Tage lang Teil der großen, internationalen Kunstfamilie.

Der Chef der documenta 14 wird die gesamte Stadt bespielen

Adam Szymczyk, dem künstlerischen Leiter der diesjährigen „d 14“ ist es ein Anliegen, seine Weltschau mitten in Kassel zu verankern. Alte Fabriken werden genutzt für Ausstellungen zur Geschichte der Stadt. Die 74-jährige Künstlerin Marta Minujin hat bereits vor dem Friedericianum einen Parthenon aus 100 000 verbotenen Büchern aufgebaut. Ob im Park oder in den Kinos, ob an Bahnhöfen oder auf öffentlichen Plätzen – die „d 14“ wird während der kommenden hundert Tage in Kassel sehr präsent sein.

Und das ist gut so. Denn damit verlässt die Kunst ausnahmsweise ihren elitären Schutzraum und breitet sich mitten in der Stadt aus, dort, wo sie doch eigentlich hingehört: in den Alltag, ins Leben – und nicht weggesperrt in entrückte Kunsttempel.

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