Smartphone-Offensive bei dm: Mitarbeiter können schnell sagen, ob ein Artikel in dieser oder einer anderen Filiale verfügbar ist. Foto: dpa

Deutschlands größte Drogeriemarktkette muss die Eröffnung von rund 20 neuen Läden verschieben, weil Bauarbeiter und Handwerker fehlen. Das Wachstum kommt vor allem aus dem Auslandsgeschäft, doch auch die Onlineverkäufe legen zu.

Karlsruhe - Der deutsche Marktführer im Drogeriegeschäft, dm aus Karlsruhe, wächst weiter, jedoch mit gedrosseltem Tempo. Dabei lassen die krisenhaften Entwicklungen egal ob in Italien oder Großbritannien den Geschäftsführer Erich Harsch recht unbeeindruckt: „Die Menschen waschen immer Wäsche und putzen sich immer die Zähne, unabhängig davon, wer gerade regiert“, sagte der Wiener in gewohnt launiger Manier bei der Bilanzvorlage für das vergangene Geschäftsjahr (30. September) in Karlsruhe.

Im deutschen wie im italienischen Markt, in den dm erst im vergangenen Jahr mit 13 Filialen neu gestartet ist, „leidet“ das Unternehmen sogar eher unter der guten Wirtschaftslage, genauer gesagt unter dem anhaltenden Bauboom: Aufgrund von fehlenden Handwerkern und Bauarbeitern, aber auch wegen zu langer Genehmigungsverfahren sei es zu Verzögerungen gekommen. „Wir konnten in Deutschland 20 Märkte nicht wie geplant eröffnen“, so Harsch. Die Zahl der deutschen Läden stieg dennoch um 64 auf nun 1956. In neue und umgebaute Märkte wurden 140 Millionen Euro investiert. Das Ziel von einhundert italienischen Filialen innerhalb von drei Jahren, das der dm-Chef noch vor einem Jahr ausgegeben hatte, nennt er heute „vielleicht zu ambitioniert“. Er ist jedoch froh, nicht vor einem Jahr in den türkischen Markt eingestiegen zu sein.

Die Fetten Jahre nach der Schlecker-Pleite sind vorbei

Die Bauverzögerungen seien ein Grund dafür, dass sich das Wachstum zwar noch „solide“, aber nicht mehr so „sprunghaft und dynamisch“ wie in den ersten Jahren nach der Schlecker-Pleite fortsetze. Der Jahresumsatz der Drogeriekette legte um 4,3 Prozent auf 10,7 Milliarden Euro zu. Während im Ausland noch ein achtprozentiger Zuwachs auf 2,6 Milliarden Euro zu Buche stand, kletterten die Erlöse in Deutschland lediglich um 3,2 Prozent auf 8,1 Milliarden Euro. Die Umsatzrendite bewege sich weiter konstant zwischen einem und zwei Prozent, fügte Harsch hinzu.

Damit behauptet dm seine Spitzenposition auf dem deutschen Markt. Verfolger Rossmann hatte im Geschäftsjahr 2017 in seinen gut 2100 deutschen Filialen 6,4 Milliarden Euro umgesetzt. In den drei Jahren zuvor lag das Wachstum von dm noch zwischen fünf und zehn Prozent. Doch die Luft im Markt wird dünner. Mittlerweile drängen auch Lebensmittelketten und sogenannte Non-Food-Discounter wie Tedi, TK Maxx oder Zeemann immer stärker in das Geschäft mit Drogerieartikeln. Mit großem Interesse dürfte man in der dm-Zentrale auch die Expansion des bisher auf die Region Hamburg beschränken kleineren Konkurrenten Budnikowsky verfolgen. Die Drogeriekette hat Anfang des Jahres eine Allianz mit dem Hamburger Handelskonzern Edeka geschlossen und eine bundesweite Expansion angekündigt. Konkurrent Rossmann wiederum kooperiert mit dem Online-Riesen Amazon beim Versand von Drogerieartikeln.

Erstmals mehr als 100 Millionen Euro Umsatz online

In diesem Bereich hat auch dm die Schlagzahl erhöht und zuletzt mehr investiert. In die IT-Tochter dm-Tech, die mittlerweile 750 Fachleute beschäftigt, stecke man jährlich rund 20 Millionen Euro. Diese Investitionen zahlten sich Harsch zufolge momentan vor allem in Kundenkontakten aus: „Uns besuchen pro Monat mehr als neun Millionen Kunden auf dm.de“, sagt er. Das Angebot im Online-Shop sei mit 14 000 Produkten sogar noch etwas größer als das in den Läden. Der Umsatz im Internetversand kletterte erstmals über 100 Millionen Euro, die Zuwachsraten seien hoch. Mit dem eigenen Online-Geschäft ist das Unternehmen vor weniger als drei Jahren gestartet. Wenn man damit in zehn Jahren schwarze Zahlen schreibe, wäre Harsch zufrieden. „Wir wollen lernen und uns weiterentwickeln. Nichtstun ist für mich keine Option“, so der Österreicher.

Doch nicht nur im Vertrieb agieren die Karlsruher zunehmend digital. Vor einem Jahr stattete der Arbeitgeber rund 25 000 Mitarbeiter im Verkauf mit Smartphones aus. Dadurch sei die Qualität der Auskünfte gestiegen, so Harsch. Mitarbeiter könnten den Kunden unmittelbar sagen, ob ein Artikel in ihrer oder einer anderen Filiale verfügbar sei. Die Smartphone-Offensive sei von weiten Teilen der Belegschaft positiv aufgenommen worden, da sie die Kommunikation innerhalb der Teams, aber auch den Informationsaustausch zwischen verschiedenen Filialen erleichtere. Einzelne Mitarbeiter mit Berührungsängsten würden von ihren Kollegen unterstützt.

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