In der Favoritenrolle: Elisabeth Seitz und ihr Team vom MTV Stuttgart Foto: Baumann

Die Turnerinnen des MTV Stuttgart peilen den achten deutschen Meistertitel in Folge an. Das wäre eine historische Marke, die aber nur in Teilen mit anderen Sportarten vergleichbar ist.

Stuttgart - Zugegeben, es gibt längere Serien als die der Turnerinnen des MTV Stuttgart. Im Fernsehen zum Beispiel, wo es die „Springfield Story“ mit den Geschichten um den reichen Familienclan Spaulding von 1952 bis zum Produktionsende 2009 auf 15 672 Folgen brachte. Der deutsche Seifenopernklassiker „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ kann immerhin auf eine Reihe von mehr als 6500 Folgen schauen. Der in der Regel wöchentlich neu erscheinende „Tatort“ bringt es insgesamt auf mehr als 1100 Folgen.

Aber auch die Serie des MTV Stuttgart hat es in sich. Sie hat es qua Produktionsrhythmus nur schwerer als tägliche Seifenopern. Schließlich ist das ganze Jahr auf die eine entscheidende Folge am Saisonende ausgerichtet. Sieben Episoden aber gibt es schon, an diesem Samstag nun soll die achte in der Ludwigsburger MHP-Arena über die Bühne gehen: Zum achten Mal nacheinander wollen die MTV-Turnerinnen den Meistertitel holen. Und beim Mehrkampf gegen den TSV Tittmoning, die TG Karlsruhe-Söllingen und den SSV Ulm würde von 14 Uhr an wohl nur ein Produktionsausfall zum Ende der Meisterserie führen, so überlegen ist der MTV mit den Hauptdarstellerinnen Elisabeth Seitz und Kim Bui.

Man könnte also sagen: Der MTV Stuttgart ist so etwas wie die „Springfield Story“ des deutschen Frauenturnens – aus guten Gründen.

Stuttgart ist die deutsche Turn-Hochburg

Das renommierte Cannstatter Kunstturnforum bietet einen großen Anreiz für Spitzenathletinnen, in der Landeshauptstadt zu trainieren. Stuttgart ist die deutsche Turn-Hochburg – kürzlich schloss sich auch noch die Spitzenkraft Pauline Schäfer (Chemnitz) dem MTV an. Neben der sportlichen Stärke ist der über Jahre gewachsene Teamgeist ein weiterer Erfolgsfaktor. Ein Großteil des Frauen-Nationalteams trainiert täglich zusammen in Bad Cannstatt.

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Dabei geht es im Vereinsturnen nicht ums Geld, weil es schlicht nicht zu verdienen ist – es geht um weichere Faktoren. Die Athletinnen kennen sich, sie treiben sich im Alltag zu Höchstleistungen. Und sie wissen die perfekten Bedingungen zu schätzen. Dazu gehören auch Spitzentrainer wie Robert Mai oder Marie-Luise Probst-Hindermann, die wiederum auch im Kreis des Nationalteams aktiv sind.

Allein: Die Deutsche Turnliga (DTL) mit dem Finale um die deutsche Meisterschaft als Höhepunkt steht im Alltag nicht an erster Stelle. Jede Turnerin hat die Olympischen Spiele, die Welt- und Europameisterschaften und die Weltcups auf dem Schirm, wofür in Stuttgart die Basis gelegt wird. Die DTL-Wettkämpfe sind zwar wichtig, aber kaum zu vergleichen mit der Bedeutung der Bundesliga in klassischen Mannschaftssportarten wie Fußball oder Handball. Turner sind im Gegensatz zu Fußballern, Handballern oder Basketballern auch immer Individualsportler, weshalb sie in den Teamwettkämpfen in der DTL auch mal pausieren, wenn es der persönliche Zeitplan erfordert.

Die Liga ist nur zweitrangig

Die Anzahl der Wettkampftage in der DTL ist obendrein gering (dieses Jahr gab es vor dem Finale an diesem Samstag vier) – was die Leistungen der MTV-Turnerinnen nicht schmälert, sie aber im Vergleich zu anderen Sportarten in einen anderen Kontext rückt. Die Losung ist einfach: Es gibt weniger Wettkampftage, weshalb man schneller am Ziel ist – viel schneller. Schneller als in fast jeder anderen Sportart. Schneller also auch als etwa der FC Bayern München, der in der Fußball-Bundesliga stets 34 Spieltage absolvieren muss – und nun ebenfalls bei sieben Meistertiteln nacheinander steht.

Dass alle Spitzenturnerinnen in ihrem ohnehin sehr trainingsintensiven Sport im Alltag einen höheren Übungsaufwand als Profifußballer oder viele andere Ballsportler betreiben, weil sie mit Blick auf die Großereignisse mit ihren zig Bewegungsabläufen stets in Hochform kommen und bleiben müssen, steht dagegen auf einem anderen Papier.

Ein Titel als Arbeitslohn

So lässt sich sagen, dass der achte Meistertitel nacheinander für die MTV-Frauen mal wieder der Lohn wäre für den Aufwand über das Jahr hinweg. Und wer weiß, vielleicht wandeln die Stuttgarter Serientäterinnen ja bald auf den Spuren von anderen Abonnementmeistern des deutschen Sports.

Die Wasserfreunde Spandau 04 etwa wurden in den vergangenen 41 Jahren 37-mal Meister im Wasserball. Präsident und Übervater Hagen Stamm tut alles dafür, dass die Vormachtstellung erhalten bleibt. In der Schach-Bundesliga wurde die OSG Baden-Baden seit 2006 nur einmal nicht Meister. Borussia Düsseldorf lag in der Tischtennis-Bundesliga in den vergangenen zwölf Jahren zehnmal vorn. 2019 aber war Ochsenhausen an der Reihe.

Ein Ende der Erfolgsgeschichte des MTV ist dagegen eher weniger in Sicht.

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