Nach dem Festgebet wünschen sich die Muslime der Waiblinger Ditib-Moschee ein gesegnetes Zuckerfest. Foto: Gottfried Stoppel

Mit dem Zuckerfest feiern Muslime das Ende des Fastenmonats. Ein Besuch am frühen Morgen in der Waiblinger Ditib-Moschee, wo sich rund 800 Gläubige versammeln.

Waiblingen - Auf dem Boden der Waiblinger Ditib-Moschee sitzen die Männer dicht nebeneinander; alte, junge, auch einige Kinder sind gekommen. Es ist kurz vor sechs Uhr am Freitagmorgen und die Gläubigen versammeln sich anlässlich des Zuckerfests zum Gebet: Der Fastenmonat Ramadan ist zu Ende, das Fest des Fastenbrechens gehört zu den wichtigsten im Islam. Der Strom der Moscheebesucher reißt nicht ab, die Männer rücken noch dichter zusammen, einige von ihnen lassen sich im Vorraum nieder. Etwa 800 sind gekommen, schätzt Kadri Yayla, der Zweite Vorsitzende der Gemeinde, der, wie viele andere Moscheebesucher, einen eleganten Anzug trägt.

Die Atmosphäre ist feierlich, die Gläubigen lauschen schweigend den Ausführungen des Imams. Gegen Viertel nach Sechs, rund eine Stunde nach Sonnenaufgang, beginnt das eigentliche Gebet auf Arabisch. Die Männer stehen auf, verneigen sich und knien nieder. Auf der Minbar, der Kanzel, hält der Imam anschließend die Predigt. „Weil nicht alle hier türkisch verstehen, wird ins Deutsche übersetzt“, erklärt Kadri Yayla und deutet auf eine Leinwand, auf der der Predigttext erscheint. Der Imam ruft zur Versöhnung und Dankbarkeit auf und dazu, die Freude des Fests mit anderen zu teilen. Nach einem weiteren Gebet ist der Gottesdienst beendet. Die Männer erheben sich, wünschen einander „Bayramin mubarek olsun“, ein gesegnetes Zuckerfest, lachen. Die Stimmung ist gelöst. Draußen gibt es Tee und Süßigkeiten.

Die Familie kommt zusammen

„Jetzt frühstücken wir erstmal gemeinsam mit der Familie“, erklärt Muhammet Yayla. „Während des Zuckerfests kommen alle zusammen, das ist ähnlich wie Weihnachten. Und für die Kinder ist es aufregend, weil es Süßigkeiten gibt.“ Der 40-Jährige mit dem wachen Blick ist ein Neffe von Kadri Yayla, und er erzählt mit Begeisterung davon, dass der erste, der ihm heute per Whatsapp zum Zuckerfest gratuliert hat, ein deutscher Freund ist. „Ich wünsche meinen Freunden ja auch frohe Weihnachten, das hat etwas mit Respekt zu tun“, findet Demir Gömleksiz. „Letztlich kann nur Gott entscheiden, was richtig ist. Menschen steht es nicht zu zu sagen, ‚diese Religion ist besser als die andere’“, betont der Muslim.

Lebhaft erzählen die Männer was es heißt, einen Monat lang täglich etwa 16 Stunden auf Essen und Trinken zu verzichten und erst nach Einbruch der Dunkelheit etwas zu sich zu nehmen. „Es ist auch eine spirituelle Reinigung, man bekommt ein Gefühl dafür, wie es ist, nichts zu haben“, sagt Yayla. „Und wir können ja dann wieder essen, andere müssen hungern. Zu verzichten lehrt einen, mit dem, was man hat, wertschätzend umzugehen“, ergänzt Gömleksiz. „Der Körper schaltet schnell in eine Art Ruhemodus um, sodass man beim Fastenbrechen am Abend nur wenig zu sich nehmen kann.“ Kranke, Schwangere, Reisende und Kinder seien vom Fasten ausgenommen.

Über Politik wird nicht gesprochen

„Insgesamt sind dieses Jahr 10 000 Menschen aus Waiblingen und Umgebung während des Ramadans zum allabendlichen Fastenbrechen in die Gemeinde gekommen“, sagt Kadri Yayla. Der zweite Vorsitzende ist ein ruhiger Mann mit blauen Augen und freundlichem Lächeln. Die Moschee stehe Männern und Frauen gleichermaßen offen, betont er. Allerdings sei die Teilnahme am Zuckerfest-Gebet nur für männliche Gläubige Pflicht. Frauen, die trotzdem teilnehmen möchten, können das tun. Für sie wird der Gottesdienst per Mikrofon in einen separaten Raum im Obergeschoss übertragen.

Offenheit spielt in der Waiblinger Ditib-Gemeinde eine große Rolle. Friedliches Miteinander sei wichtig, sagt Imam Nursin Demir: „Im Koran gibt es allein 72 Verse über den Frieden. Der Islam ist eine friedliche Religion, er lässt anderen Konfessionen ihre Freiheit.“ Um zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, Andersgläubige zu respektieren, erzählt der Imam eine Begebenheit aus dem Leben des Propheten Mohammed. „Sein Nachbar war Jude und er teilte sein Essen zuerst mit diesem Nachbarn.“ Gewalt im Namen des Islam sei ein Missbrauch der Religion, betont Demir.

Was das politische Klima in Deutschland angeht, äußert sich der Imam mit Bedacht: „Es ist gut, dass Religion hier gelebt werden darf. Alles andere ist Politik.“ Und über Politik, sagt Kadri Yayla, wird in der Moschee nicht gesprochen. Sie ist ein Ort der Religion.

Der islamische Fastenmonat

Ramadan: Während des Fastenmonats verzichten gläubige Muslime zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang auf Essen, Trinken, Rauchen und Geschlechtsverkehr. Kranke und Reisende sowie schwangere und menstruierende Frauen sind vom Fasten befreit, sollen es aber später nachholen.

Fünf Säulen: Das Fastengebot ist eine der fünf Säulen des Islam, neben der Pflicht zu Bekenntnis, Gebet, Almosengabe und Pilgerfahrt. Zur Berechnung der Fastenzeit wird der Mondkalender herangezogen, weshalb der Ramadan jedes Jahr zehn Tage früher beginnt.

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