„Raya und der letzte Drache“, der erste abendfüllende Disney-Trickfilm seit 2016, reist in eine magische Welt asiatischer Fürstentümer, deren gesamte Existenz von einer Drachin abhängt.
Stuttgart - Prinzessin Raya ist eine zauberhafte junge Frau: klug, schön, prinzipienfest und mit dem Blick fürs große Ganze – nur etwas übermotiviert im unbändigen Drang, das Richtige zu tun. Monster beherrschen die Welt und versteinern Menschen bei Berührung, so wie Rayas gütigen Vater. Sie sucht nun den letzten Drachen, die letzte Hoffnung für die zerstrittenen Fürstentümer des einst einigen Reiches Kumandra. Rayas Gegenspielerin aber, die Krieger-Prinzessin Namaari, möchte den Drachen nur für ihr Volk – selbst wenn alles andere dann untergeht.
Das klingt ernst und die pseudo-realistisch animierten menschlichen Figuren sind es auch im jüngsten Disney-Trickfilm „Raya und der letzte Drache“. Der bedient sich im Reservoir asiatischer Mythen und ist im Detail über weite Strecken sehr vergnüglich. Das liegt – wie bei Disney üblich – vor allem an den überzeichneten Nebenfiguren: Schräge Außenseiter helfen Raya, die Welt zu retten. Einer davon ist ihr Reittier Tuk Tuk, eine sanfte, nicht allzu helle Rollassel.
Ein Trickbetrüger-Baby mit Affen-Gehilfen
Drachen sind in der asiatischen Tradition heilsame Kreaturen, anders als die feuerspuckenden europäischen Lindwürmer. Die wiedererwachende Drachin Sisu hat magische Fähigkeiten, in ihr lebt die Weisheit der Versöhnung, kleinlicher Egoismus ist ihr völlig fremd – diese Spiegelung des Grundkonflikts befeuert eine herrliche Komödie. Dazu kommen der geschäftstüchtige, zehnjährige Boun, der mit perfektem Verkäufer-Mundwerk das Bootslokal „Shrimporium“ betreibt, und der monströse Krieger Tong, der bald ein weiches Herz offenbart. Die komödiantische Krönung aber ist eine Trickbetrüger-Gang aus dem skrupellosen Baby Noi und drei sehr lustigen Affen, die grandiosen Quatsch anstellen. Da scheint die alte Disney-Schule am deutlichsten durch, und es wäre kein Wunder, wenn diese Rasselbande bald eine eigene Serie bekäme.
Die Animation ist solide, aber nicht zu vergleichen mit jener in Pixar-Meisterwerken wie „Die Unglaublichen“. Wenn Raya und Namaari kämpfen, wirkt das zwar ausgefeilt, doch das Kräftemessen ist eher hektisch inszeniert wie in einschlägigen Videospielen. Die Kampfkunst als ein asiatisches Kernthema hätte ein wenig mehr Sorgfalt verdient gehabt.
Disney hat die Kinder im Auge
„Raya und der letzte Drache“ ist der erste originäre Disney-Trickfilm seit „Vaiana“ (2016), „Chaos im Netz“ (2018) und „Die Eiskönigin II“ (2019) waren Fortsetzungen. Der Konzern befindet sich mitten in einem großen Umbau, er hat das Filmstudios 20th Century Fox geschluckt und den eigenen Streamingkanal Disney+ weltweit etabliert. Das Fundament des Erfolgs aber bleibt der abendfüllende Animationsfilm, mit „Schneewittchen“ (1937) und „Pinocchio“ (1940) hat eine beispiellose Erfolgsgeschichte begonnen.
Anders als die Disney-Tochter Pixar mit oft sehr erwachsenen Filmen wie „Oben“ (2009) und zuletzt „Soul“ (2020) bleibt Disney selbst seinem Markenkern treu und behält zumeist das kindliche Publikum im Auge. Das ist auch in „Raya und der letzte Drache“ so, und die Botschaft ist eindeutig: Einigkeit macht nicht nur stark, sie kann auch Mensch und Tier vor dem Untergang bewahren. Wie eine archaische Fridays-for- Future-Bewegung wirkt Rayas seltsame Reisegruppe. Am Ende überzeugt sie auch die verstocktesten Egoisten und Faktenleugner und überwindet die Monsterpandemie.
Zwei Autorinnen mit asiatischen Wurzeln
All das gibt dem Film eine sehr aktuelle Note – wie auch seine eindeutige Gender-Ausrichtung: Er zielt auf Mädchen, wie schon „Die Eiskönigin“ und „Vaiana“. Die Drachin, ein Zweihorn mit „Little Pony“-Frisur und knuffiger Hundeschnauze, dürfte bald als Spielfigur in vielen Kinderzimmern zu finden sein. Die Regisseure Don Hall und Carlos López Estrada sind zwar Männer, geschrieben haben die Geschichte aber die vietnamesischstämmige Autorin Qui Nguyen und ihre malayischstämmige Kollegin Adele Lim. Sie zeichnen ein vielgestaltiges Asienbild ohne die sonst oft übliche Dominanz japanischer oder chinesischer Motive, und sie stellen Frauen und ihre Beziehungen in den Mittelpunkt. Jungs können da einiges lernen für später.
Ab sofort auf Disney+