Datenbrillen und Modelle – in der Arena 2036 auf dem Unicampus in Stuttgart-Vaihingen wird an der Mobilität der Zukunft getüftelt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Daimler-Chef Zetsche rechnet nicht mit menschenleeren Fabriken. Es gehe nicht um den Ersatz des Menschen, sondern um seine Zusammenarbeit mit Maschinen, sagte er bei einer Expertendiskussion an der Uni Vaihingen.

Stuttgart - Das Video zeigt aufflackernde Lichter in einer Maschine, dazu ist ein rhythmisches Klacken zu hören. Doch was den Gästen in der Arena 2036 auf dem Uni-Campus in Stuttgart-Vaihingen vorgeführt wird, ist für die Experten auf dem Podium keineswegs der von manchen befürchtete Angriff der Algorithmen. Auf Spekulationen darüber, wie viele Arbeitsplätze die Digitalisierung der Industrie kosten könnte, wollen sie sich erst gar nicht einlassen.

Dieter Zetsche, der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, versucht, Sorgen auszuräumen: „Es geht nicht um menschenleere Fabriken, sagt Zetsche, es geht um die Kooperation von Menschen und Maschinen“. Die Maschine braucht den Menschen – das ist auch die Meinung von Bernd Becker. Der Technologiestratege des Autozulieferers Faro aus Korntal-Münchingen, Tochter eines US-Konzerns mit Sitz in Florida, bringt in die öffentliche Debatte über künstliche Intelligenz einen durchaus bemerkenswerten Aspekt ein: „Bei einer Kooperation kann die Maschine auch die schnelle Lernfähigkeit des Menschen nutzen.“

Schnelligkeit ist Trumpf

Denn dass Schnelligkeit immer wichtiger wird, darüber waren sich Vertreter von Wirtschaft und Wissenschaft einig. „Wir brauchen für die Zukunftstechnologien deutlich kürzere Entwicklungszeiten“, sagt etwa Michael Bolle, der Leiter für Forschung und Vorausentwicklung bei der Robert Bosch GmbH. Dies ist mit ein Grund, warum Bosch zu den Partnern gehört, die die Arena 2036 tragen. Dazu sei auch die enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft nötig. „Hier in Vaihingen können wir die Menschen an einem Ort zusammenbringen“, so Bolle. So sieht dies auch Wolfram Ressel, der Rektor der Universität Stuttgart: „Wir haben hier eine der modernsten und größten Forschungsfabriken in Europa“, so der Hinweis von Ressel. „Aus der Grundlagenforschung müssen wir schnell zum Transfer der Erkenntnisse für die Wirtschaft kommen“.

Mobilität kennt keine Grenzen

Für die Einrichtung, in der nicht nur an der Fabrik der Zukunft, sondern auch an der Mobilität der Zukunft getüftelt wird, gab es Geld vom Bund, aber ein großer Batzen kam auch aus Brüssel. „Laden Sie auch weitere Partner ein, damit das hier über Stuttgart hinaus auch bis nach Europa ausstrahlt“, rät EU-Kommissar Günther Oettinger. Die Kommission müsse auch dafür sorgen, dass die Funklöcher in Europa rasch ein Ende hätten. „Sonst ist Platooning nicht möglich“. Beim Platooning handelt es sich um dicht hintereinanderfahrende, automatisch gesteuerte Lastwagen. Durch das enge Auffahren soll der Windschatten genutzt und Sprit gespart werden.Überhaupt, so findet der heutige Chefhaushälter und frühere Digitalkommissar der EU, sei alles, was mit der Mobilität der Zukunft zu tun habe, eine zutiefst europäische Angelegenheit: „Die Mobilität kennt keine nationalen Grenzen. Grenzen sind höchstens noch der Atlantik und der Pazifik“. Deswegen müsse sich die EU auch damit beschäftigen, wem die enormen Mengen an Daten gehörten, die im Zuge der Digitalisierung anfielen.

Keine Angst vor Google

Die Politik, so der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, müsse den richtigen Rahmen für die Wirtschaft von morgen schaffen, bei der Forschungsförderung ebenso wie beim Verkehr. Schließlich werde der wirtschaftliche Fortschritt nicht mehr durch Erfindungen im stillen Kämmerlein, sondern durch wissenschaftliche Forschung produziert. Politiker, so meint er, dürften ihren Blick nicht nur auf ein Gebiet lenken, im Gegenteil: „Wir müssen die Energiewende mit der Mobilitätswende verknüpfen“. Dies war nicht nur ein Hinweis für alle, die meinen die Hinwendung zur Elektromobilität sei nur die halbe Wahrheit, weil ein großer Teil des Stroms eben noch nicht aus regenerativen Energiequellen komme. Autofahren 2036 stellt sich Kretschmann so vor: „Emissionsfrei, autonom – und auch selbst, wenn man es will.“

Vor dem Einstieg von Konzernen wie Google in den Automarkt hat der Ministerpräsident keine Angst. Viel werde vom Internet der Dinge geredet, „und wir haben die Dinge. Damit meint er gute Autos, gute Maschinen und „eine hervorragende Forschungsinfrastruktur.“ Nun, so fordert Kretschmann, müssten alle Anstrengungen darauf gerichtet werden, „dass Baden-Württemberg ein Mobilitätsstandort bleibt, der die Benchmarks selber setzt“ – so wie heute schon bei Premiumautos.

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