Eindringling: Nilgans am Eckensee. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Ein Fall von Tierquälerei in Fellbach lenkt den Blick auf die Nilgänse, die sich auch in Stuttgart ausbreiten – zum Leidwesen etwa der Bäderverwaltung, die angesichts massiver Verschmutzungen auf Abhilfe hofft. Eine Ornithologin hat einen Vorschlag.

Dass die Zahl der Nilgänse in Stuttgart zunimmt, ist nicht nur gefühlt der Fall. Friederike Woog, Ornithologin am Naturkundemuseum in Stuttgart, bestätigt das auch aus Expertinnen-Sicht: „Es sind eindeutig mehr Tiere geworden.“ Inzwischen dürften es ihrer Einschätzung nach mehrere Hundert Nilgänse sein, die sich an Gewässern in der Stadt tummeln und häufig kritische und missmutige Blicke von Spaziergängern oder Freibadbesuchern auf sich ziehen, schon ihrer Hinterlassenschaften wegen. Bei einer Erhebung im Jahr 2020 waren rund 220 Tiere gezählt worden.

 

Die Vorfälle im Fellbacher Freibad F3, wo der Geschäftsführer des Erlebnisbads offenbar in tierquälerischer Weise gegen Nilgänse vorgegangen war und deswegen entlassen wurde, lenken den Blick wieder verstärkt auf die ursprünglich aus Afrika stammenden Tiere. Woog hat grundsätzlich Verständnis dafür, dass Nilgänse in Parkanlagen oder in Freibädern als störend empfunden werden und man über Maßnahmen nachdenkt, die Population einzudämmen: „Ich bin niemand der sagt, das ist gut oder schlecht, ich erforsche nur die Tiere und wie sie sich an die Umgebung anpassen.“

In Stuttgart treten Nilgänse seit 2011 auf

Das gelingt den Nilgänsen offensichtlich bestens. 2010 wurde erstmals ein Brutpaar in Stuttgart gesichtet. Seitdem sind viele kleine Nilgänse geschlüpft. Bisher galt die Vermutung, dass pro Gewässer nur eine Nilgansfamilie siedelt und dort jeweils ihr Revier absteckt. In diesem Jahr hat die Vogelkundlerin des Naturkundemuseums erstmals die Beobachtung gemacht, dass mehrere Brutpaare an einem Ort anzutreffen sind. Das würde bedeuten, dass die Anzahl der Gewässer kein limitierender Faktor für die Ausbreitung mehr ist.

Gleichzeitig stellt sie fest, dass sich die Zahl der Jungtiere auf drei oder vier pro Brutpaar teilweise halbiert hat. Ein Hinweis darauf, dass die Nilganspopulation anfängt, einen gewissen Sättigungsgrad zu erreichen. Die verbleibenden Jungtiere kämen in der Regel gut durch. „Die sitzen beim Ausruhen oft auf einem Haufen – wie ein großer Organismus, der auch weniger angegriffen wird“, erklärt sie. Wenn Brutgebiete besetzt seien, versuchten die reiselustigen Nilgänse neue Gebiete zu besiedeln, deshalb breiteten sie sich so schnell aus. Die Ornithologin ist sich sicher: „Man kriegt die nicht wieder weg.“

Das Regierungspräsidium arbeitet an einem Konzept

Das würde die Europäische Union im Grundsatz jedoch gerne erreichen. Sie führt die Nilgans, die sich mutmaßlich von den Niederlanden aus nach Deutschland ausgebreitet hat, seit 2017 als invasive Art. Dem liegt die „ Verordnung über die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten“ zugrunde. „Damit ist das Entfernen der Nilgänse außerhalb der Schonzeit rechtlich möglich, vielleicht sogar noch mehr gefordert als bisher“, sagt Friederike Woog. Die Frage ist nur wie: Ein Sprecher der Stadt Stuttgart deutete jüngst ein entschiedeneres Vorgehen an: „Das Regierungspräsidium Stuttgart als Obere Naturschutzbehörde erarbeitet ein Konzept für die so genannten invasiven Arten. Wir stehen hierzu beratend zur Seite.“ Eine Bejagung ohne vorheriges Konzept wäre rechtlich nicht zulässig.

Ornithologin: „Nilgänse reagieren empfindlich auf Hunde“

Jagen ist demnach eine Möglichkeit – bei ausgewachsenen Tieren jeweils im Zeitraum vom 1. August bis zum 15. Februar. Mit Ausnahmegenehmigungen ist die Jagd auf Nilgänse auch innerhalb sogenannter befriedeter Bereiche möglich, wozu Parkanlagen zählen. Friederike Woog weist noch auf eine ander Möglichkeit hin: „Nilgänse reagieren empfindlich auf frei laufende Hunde. In Freibädern könnte man beispielsweise vor Badebeginn und nach Badeschluss trainierte Hunde über das Gelände führen, natürlich ohne dass diese in direkten Kontakt mit den Nilgänsen kommen.“ Dadurch würde für die Nilgänse ein Aufenthalt erst mal unattraktiv.

Auch ein Einfangen der Tiere sei denkbar, sagt die Vogelkundlerin. Solche Vergrämungsmaßnahmen dürften jedoch nicht ohne Absprache mit den zuständigen Naturschutz- und Jagdbehörden erfolgen. In Parks könne es helfen, das Gras stehen zu lassen. Damit würde die Nahrungsgrundlage der Nilgänse reduziert, die kurzen Rasen bevorzugten. Aufwendig gestalte es sich, Eier aus den Nestern zu entfernen oder durch Dummies zu ersetzen, weil Nilgänse in der Regel auf hohen Bäumen brüten würden.

„Erhebliche Mengen an Kot“ in einigen Freibädern

Aus Sicht der Stuttgarter Bäderverwaltung ist es höchste Zeit, dass etwas geschieht. Die Beeinträchtigungen durch Nilgänse werden als massiv empfunden. „Bei uns treten seit etwa zehn Jahren Nilgänse störend auf“, sagt Bädersprecher Jens Böhm. Betroffen seien das Mineralbad Leuze, das Freibad Rosental in Vaihingen und das Inselbad in Untertürkheim. „Unseren Beobachtungen nach verdrängen Nilgänse andere Vogelarten, insbesondere Enten“, sagt Böhm. Das Hauptproblem seien jedoch die erheblichen Mengen an Kot, der auf Gehwegen, Liegewiesen, in Kinderspielbereichen, Beckenumgängen und in den Becken selbst abgesetzt werde. Diese Verunreinigungen müssen „während der Freibadsaison täglich mit hohem personellen Aufwand“ so gut wie möglich entfernt werden, erklärt er. Je nach Verschmutzungsgrad betrage der Arbeitsaufwand zwischen zwei bis acht Stunden pro Tag und Bad.

Nilgänse nicht mit Graugänsen verwechseln

Die Nilgans beeindruckt das in keiner Weise: „Die Tiere sind teils auch während des Badebetriebs anwesend und lassen sich unter Berücksichtigung des Tierwohls kaum vergrämen“, sagt der Bädersprecher und gibt damit die Eindrücke der Nilgänse-geprüften Mitarbeiter wieder: „Auch bei Reinigungsarbeiten außerhalb des Badebetriebs halten sich die Tiere in der Nähe auf und kehren im Anschluss wieder an oder in die Becken zurück.“ In Mühlhausen wartet man ebenfalls auf ein wirksames Nilgans-Management. Am Max-Eyth-See werden laut Bezirksvorsteher Ralf Bohlmann teilweise bis zu 150 Nilgänse gezählt. Ähnlich ist die Situation am Vaihinger Feuersee. „Dort liegt so viel Nilgänse-Kot im Umfeld, dass man sich dem See eigentlich kaum noch nähern mag“, schreibt ein Anwohner.

Auf einen Punkt legt Friederike Woog in der Nilgans-Diskussion großen Wert. Die Tiere dürften nicht mit der zahlenmäßig kleineren Population der Graugänse verwechselt werden. Diese fügten sich gut ein und und vor vor allem: „Sie sind hier heimisch.“