„ Foto: dpa/Arne Dedert

In der Großen Kreisstadt galten über viele Jahre hinweg besonders strenge Strahlengrenzwerte. Jetzt hat sich die Stadt der Macht der Mobilfunkanbieter gebeugt. Ihr Alleinstellungsmerkermal im Landkreis gibt sie damit auf.

Ditzingen - In einem ist sich die Gerlingerin sicher, auch wenn sie selbst kein Handy besitzt: 5G, der neue Standard des mobilen Internets, wird sich auf dem Markt durchsetzen. Und eine Stadt, in der Bosch zuhause ist und neuerdings auch der Softwareriese SAP einen Standort hat, werde sich der Entwicklung weder verschließen können noch wollen.

Die 80-Jährige, die nicht namentlich in der Zeitung genannt werden will, war vor etlichen Jahren gerade von Rutesheim weggezogen, sie litt gesundheitlich, ohne definitiv zu wissen, woran. In Gerlingen kamen die Beschwerden wieder. Viel Zeit verging, viele Arztbesuche bedurfte es, um herauszufinden, dass sie sensibel auf Mobilfunkstrahlung reagiert. Es sei, als trage sie eine zweite Haut, die ihren Körper zusammenpresse, beschreibt sie das Gefühl. Sie kann mit der Situation umgehen, seit sie einige Schutzvorkehrungen in ihrer Wohnung getroffen hat. Sie hat W-Lan, ein Handy aber besitzt sie nach wie vor nicht. Sie brauche es nicht, warum also sollte sie sich unnötig belasten, fragt sie. Die Mobilfunkstrahlung existiere, auch wenn die Belastung nicht die Grenzwerte übersteige. Wie stark die Strahlung sein darf ist in der Bundesimmissionsschutzverordnung geregelt.

Österreichische Stadt war ein Vorbild

Der Gemeinderat der Nachbarstadt Ditzingen richtet sich seit kurzem auch nach diesen bundesweiten Grenzwerten. Dort, in der Großen Kreisstadt galt seit 2001 der Salzburger Vorsorgewert und damit ein deutlich niedrigerer Wert.

Die österreichische Stadt hatte 1998 gefordert, zum vorbeugenden Schutz der öffentlichen Gesundheit, für die von Mobilfunksendeanlagen ausgehenden Emissionen einen vergleichsweise niedrigen Vorsorgewert gesetzlich zu verankern. Die Bevölkerung sollte so wenig wie möglich den elektromagnetischen Feldern ausgesetzt sein. Sie folgte damit dem Ergebnis einer Studie im Auftrag der Politik. Die Ditzinger beschlossen im Jahr 2001 den Salzburger Vorsorgewert ebenfalls zum Maßstab ihres Handels zu machen. Sie waren damit kreisweit die einzige Stadt. Vor wenigen Wochen verabschiedeten die Ditzinger sich von den strengen Werten. Nun gelten auch dort die bundesweiten Vorgaben.

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„Wir sind bisher gut damit gefahren“, sagt Bürgermeister Ulrich Bahmer (CDU) zum Salzburger Wert, „aber jeder will 5G.“ Die Geschwindigkeit des neuen Mobilfunkstandards wird in der Stadt aber vorerst nicht erreicht werden. „So werden wir wenigstens auf 4G kommen.“

Anlass für das Umschwenken des Gemeinderats war laut der Ditzinger Stadtverwaltung ein Schreiben von Telefónica, worin das Unternehmen die Stadt als Vertragspartner um eine Änderung der Nutzungsvereinbarung zu zwei Masten in Heimerdingen und Hirschlanden bat. Dies, so argumentierte Telefónica, sei Voraussetzung für die technische Aufrüstung der beiden Sendeanlagen auf 4G.

Ein zeitgemäßer Ausbau des Netzes könne nur erfolgen, wenn auch in Ditzingen die normalen Grenzwerte gelten würden, schrieb das Unternehmen der Stadt. Es war damit offenbar nicht alleine. Das Schreiben spiegele die grundlegenden Inhalte des Austausches mit anderen Mobilfunkbetreibern wider, teilte die Verwaltung den Stadträten mit. Neben Telefónica sind laut Bahmer Mobilcom und Vodafone im Ort vertreten. „Wir ändern die Realität nicht“, fasst Bahmer zusammen.

Stadt will weiterhin Wildwuchs verhindern

Gemeinderat und Verwaltung hatten bei der Entscheidung zum einen die Versorgung von Bürgern und Unternehmen im Blick. Andererseits wollten sie an einem ihrer ursprünglichen Ziele festhalten, nämlich den Wildwuchs von Funkmasten im Ort zu verhindern. Die Unternehmen können zum Salzburger Vorsorgewert nur auf städtischen Flächen verpflichtet werden. Bei der Errichtung der Masten auf privatem Grund hat die Stadt keinen Einfluss. „Die Netzbetreiber können und wollen die Einhaltung des speziellen Ditzinger Vorsorgewertes im Umfeld ihrer Anlagen nicht garantieren. Sie sind rechtlich auch nicht dazu verpflichtet“, heißt es dazu aus dem Rathaus.

Den Ditzingern blieb bei der Entscheidung somit kaum eine Wahl, wollten sie für ihre Bürger und ortsansässigen Unternehmen weiterhin ein gutes Mobilfunknetz gewährleisten. Die Räte sahen offenbar auch deshalb im Fachausschuss keinen Grund zu einer Diskussion. Zumal sich selbst die Salzburger Kommunalpolitiker schon vor 16 Jahren von der Idee eines starren Immissionsgrenzwertes verabschiedete hatten – um auf diese Weise eine zeitgemäße Mobilfunkversorgung zu ermöglichen. Und nicht nur die Salzburger reagierten. Wie es aus dem Ditzinger Rathaus heißt, soll Tübingen seit zwei Jahren ebenfalls die deutschlandweit geltenden Grenzwerte anwenden.

Die 80-Jährige, die heute zurückgezogen in Gerlingen lebt, verfolgt die Diskussions interessiert und keineswegs ablehnend. Sie sagt nur: „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen mehr aufeinander Acht geben.“

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