Ex-Kripochef Gerd Stiefel hat viele Mosaiksteine aus seinem Berufsalltag in den Kriminalroman „Die verlorenen Seelen vom Bodensee“ einfließen lassen. Foto: Markus Brändli

Gerd Stiefel war 42 Jahre lang Polizist. Menschenhandel und Zwangsprostitution gehörten zu seinem Berufsalltag. Über die Realität von Prostituierten hat er in Leinfelden berichtet.

Die Geschichte hätte genau so passieren können, davon ist Gerd Stiefel überzeugt. Verschiedene Mosaiksteine hat der ehemalige Leitende Kriminaldirektor für sein Buch „Die verlorenen Seelen vom Bodensee“ aus den 42 Jahren Polizeiarbeit zusammengetragen. Er war unter anderem in Stuttgart, Waiblingen, Konstanz und Skopje tätig. Zehn Jahre lang hatte er als Kripochef im Landkreis Konstanz Verantwortung getragen. „Menschenhandel und Zwangsprostitution waren für mich 38 Jahre lang immer präsent“, erklärt er.

 

Sein Kriminalroman handelt von Lacrima – einer jungen Frau, die aus einem kleinen Dorf in Rumänien stammt – und ihrem kleinen Sohn Adrian. Die beiden werden misshandelt und ermordet in einem kleinen Boot am Teufelstisch, einer Felsformation im Überlinger See gefunden. Karl Grimm und sein Ermittlungsteam versuchen herauszufinden, warum die beiden sterben mussten. Und vor allem, wer sie umgebracht hat. Die Ermittlungen führen die Polizei in das Züricher Rotlichtmilieu und in den Dunstkreis der rumänischen Mafia.

Die Verführungskünste eines Loverboys

Gerade einmal 18 Jahre alt, hatte sich Lacrima in einen jungen Mann verliebt, der sich Florin nennt. Für ihn verlässt sie ihre Eltern, Haus und Hof. Er verspricht ihr eine gute Anstellung in Prag und eine Karriere als Modell. Doch die Rumänin ist auf die Verführungskünste eines Loverboys reingefallen. Sie wird zunächst zu einem Bauernhof südlich von Bukarest gebracht. Gemeinsam mit anderen Mädchen, denen Florin eine ähnliche Geschichte aufgetischt hat, wird sie in einen Stall eingesperrt. Am nächsten Tag zeigt ihr ein grobschlächtiger Typ, was von ihr künftig erwartet wird. Wie sie Geld in Prag verdienen soll.

Um ein Schlaglicht auf die Realität von Frauen in der Prostitution zu werfen, hat Gerd Stiefel im Leinfelder Haus aus dem Kriminalroman gelesen. Frauen wie Lacrima „müssen sich sechs bis zehn Mal am Tag mit jemanden vergnügen, den sie nicht kennen und nicht wollen; da gibt es Menschen, die stinken, die die Hygiene nicht wahrnehmen, gewalttätig sind und absurde sexuelle Vorlieben haben“, sagt er. Und: „Die Frauen gehen kaputt an diesem Geschäft.“ Die Lebenserwartung bei Prostituierten liege oft deutlich unter 50 Jahren. 95 Prozent der Menschen in der Prostitution werden zu diesem Geschäft gezwungen, haben keine Chancen auszusteigen, betont er. Zuhälter würden die Frauen unter Druck setzen und das Geld der Freier einkassieren.

„Prostitution ist noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft“, sagt er. Man kümmere sich zu wenig. „Hier geht es um die Würde von Menschen, die unantastbar sein sollte. In Deutschland aber handeln wir nicht danach“, betont er. Ganz andere Verhältnisse gebe es in Schweden, in Dänemark und in Norwegen. Dort droht den Freiern eine Strafe, wenn sie eine Prostituierte für Sex bezahlen. Dieses Modell – das nordische Modell – sei für ihn das deutlich bessere.

Weil ihm es wichtig ist, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen, hat der Autor nicht lange überlegen müssen, als ihn Regina Golke vom Arbeitskreis Prostitution gefragt hat, ob er spontan in eine Lücke springt, die sich aufgetan hat, weil Anna Schreiber erkrankt war und ihren Vortrag nicht halten konnte. Anna Schreiber wollte an diesem Abend darüber sprechen, was in Menschen vorgeht, die in der Prostitution tätig sind oder waren. Die Psychotherapeutin war in den 1980er-Jahren selbst zwei Jahre lang Prostituierte.

Frauen werden verkauft und im Ringtausch weitergereicht

Prostitution ist in Deutschland nicht mehr sittenwidrig, klärt der Autor und ehemalige Polizist auf. Prostituierte und Stricher können sich laut dem Prostituiertenschutzgesetz registrieren, ihre Arbeit anmelden und müssen dann Steuern bezahlen. „Im Jahr 2022 haben dies 28 000 Menschen getan“, weiß Stiefel. Diesem Geschäft würden, konservativ geschätzt, aber deutschlandweit 300 000 bis 400 000 Frauen und Männer nachgehen. Die meisten würden also in der Illegalität leben und „sind für die Polizei nicht greifbar“. Ermittlungen im Bereich von organisierter Kriminalität und von Menschenhandel seien schwierig. Um Beweisketten zu schließen, sei die Polizei darauf angewiesen, Fakten zu erfahren. „Frauen, die eventuell etwas aussagen könnten, werden verkauft und in einem Art Ringtausch an ein Bordell in einer anderen Stadt weitergereicht.“

270 Besucherinnen und Besucher haben sie sich die Ausstellung „Echt.entfremdet“ in Leinfelden angeschaut. Foto: Natalie Kanter

„Wir haben eine sehr gute Kooperation mit der Polizei in Deutschland“, sagt derweil Silvia Vintila von der Beratungsstelle Rahab des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen. Sie berät Menschen, die in der Prostitution tätig sind. Die Beraterin kommt ursprünglich aus Rumänien. In den vergangenen 20 Jahren habe sich dort einiges geändert, berichtet sie. Organisationen, die auf Spendenbasis arbeiten, bieten Frauen, die in der Prostitution arbeiten, Unterstützung an. In den Schulen werde Aufklärungsarbeit geleistet. Aber: „Wenn die Frau schon in Deutschland ist, ist es leider oft schon zu spät.“

„Die Frauen haben Folgen durch diese Arbeit, die sie zwingen in dem Milieu weiterzuarbeiten“, ergänzt Neele Petikis, ebenfalls Rahab-Beraterin. Prostituierte sind in Deutschland meist nicht krankenversichert. Viele haben aber Krankheiten oder sind zum wiederholten Mal ungewollt schwanger. Jeder Abbruch und jede medizinische Behandlung sei eine Schuldenfalle. „Prostituierte erfahren hier außerdem eine extreme Stigmatisierung“, sagt die Beraterin. Wodurch ihnen auch der Gang zum Jobcenter schwerfalle. Der Ausstieg aus diesem Beruf sei auch deshalb schwer, weil es kein Übergangsgeld für Prostituierte gebe. Sie können es sich nicht leisten, erst einmal das, was sie erlebt haben, aufzuarbeiten.

Der jungen Frau wird beigebracht: Flucht ist keine Option

Zurück zu Lacrima: Sie verfällt den Verführungskünsten eines Loverboys. Vorzuwerfen ist ihr das nicht. Denn, so erklärt Gerd Stiefel: „Wir sind alle Menschen, wir alle wollen geliebt werden.“ Als die junge Rumänin schwanger wird und ihr Kind bekommt, wird sie immer wieder weiterverkauft, bis sie im Züricher Rotlichtmilieu landet. Als Prostituierte hat sie kaum Zeit, sich um ihren Sohn Adrian zu kümmern. Sie kann ihn nur selten füttern, er hat oft Hunger. Ihr Zuhälter kettet den Jungen mit einem Hundehalsband an einen Heizkörper, damit Lacrima weiter für ihn Geld verdienen kann. Von Anfang an wird der jungen Frau beigebracht, dass Flucht keine Option ist, sonst werde sie umgebracht. Und dennoch versucht sie zu entkommen.

Veranstaltung des Arbeitskreises Prostitution

Schlusspunkt einer Reihe
Der Abend mit dem Autor und Ex-Kriminaldirektor Gerd Stiefel sowie Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle Rahab des Kreisdiakonieverbandes Esslingen war der Schlusspunkt der zweiten Veranstaltungsreihe des Arbeitskreises Prostitution Leinfelden-Echterdingen. Der Arbeitskreis hat für diese Reihe auch die Ausstellung „Echt.entfremdet“ ins Leinfelder Haus geholt. Die Schau nimmt Menschen, die in der Prostitution arbeiten, in den Blick, erzählt von ihren Beweggründen und Sehnsüchten. Die Beratungsstelle Rahab hat die Ausstellung konzipiert, für die es mittlerweile Anfragen aus ganz Deutschland gibt. 270 Besucherinnen und Besucher haben sie sich in Leinfelden angeschaut.

Realität der Sexarbeit
Die Initiative hatte sich gegründet, weil es zwei Bordelle in Leinfelden-Echterdingen gibt: Das Luxor – der Nachfolgebetrieb des Paradise – und das Laufhaus Stetten, das gerade geschlossen ist und umgebaut werden soll. Die Gruppe hat sich vorgenommen, über die Realität der Sexarbeit zu informieren, zu der Menschenhandel und Zwangsprostitution gehören. Sie möchte die Problematik der liberalen Prostitutionsgesetzgebung in Deutschland thematisieren.