Baubürgermeister Peter Pätzold: „Ich glaube, in Stuttgart hilft ein Masterplan nicht weiter“ Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Der Bund Deutscher Architekten begrüßt Stuttgarts neuen Baubürgermeister Peter Pätzold zur Diskussion in der Universität Stuttgart. Dabei ist natürlich auch vom Stuttgarter „Tatort“ die Rede.

Stuttgart - Natürlich ist auch vom Stuttgart-„Tatort“ die Rede, als Stuttgarts neuer Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) am Dienstagabend in der Architektur-Fakultät der Universität Stuttgart von den Qualitäten spricht, die Stuttgarts Talkessel als Kulisse einer entwickelten Innenstadt haben könnte. Vertreter des Bundes Deutscher Architekten (BDA) haben Pätzold eingeladen, über die Zukunft der Stadt zu sprechen.

Jens Wittfohlt, freier Architekt und seit 2014 Mitglied des Stuttgarter Städtebauausschusses, spricht die fatalen Sätze aus: Stuttgart – ein „Drecksloch“, ein „zubetonierter Talkessel voller Blechlawinen“. Seit Fernsehkommissare Jagd auf die Urheber dieses Zustandes machten, scheint das Image der Stadt in diese Worte betoniert zu sein. Pätzold diskutiert mit Wittfohlt, Thorsten Gutbrod (Mitinhaber des Kulturbetriebs in den Wagenhallen), Ute Meyer (Professorin in Biberach und ebenfalls Absolventin der Stuttgarter Universität). Klaus Jan Philipp, Dekan der Fakultät Architektur, moderiert. Ein Jahr lang, erklärt Philipp zu Beginn, habe sich der BDA um Gespräche mit der Stadtverwaltung bemüht. Nun ist es so weit, Skepsis ist spürbar.

Pätzold jedoch gibt sich offen, will nach neuen Ideen und Visionen suchen, spricht aber auch von den Schwierigkeiten, die den demokratischen Prozess begleiten. „Ich glaube, ein Masterplan hilft nicht weiter“, sagt er zu Beginn. „Aber Ideen helfen.“ Der Baubürgermeister sieht Stuttgart als höchst heterogenes Stadtbild mit 23 Bezirken und einkommensstarken Bewohnern: „Das treibt natürlich die Preise nach oben. Wir haben nur endliche Flächen“, sagt er. Für ihn sind Wohnungsbau, Verdichtung und die Einpassung von Gebäuden in den umliegenden Kontext zentrale Fragen der Stadtplanung.

Eine Vision sei kein Masterplan, entgegnet ihm Ute Meyer: „Ganz im Gegenteil: Stuttgart sollte eine Vision haben. Alle bedeutenden Städte haben eine Vision.“ Darauf, dass die Stadt eine solche Vision brauche und „Insellösungen“ letztlich gar keine Lösungen seien, können sich schnell alle einigen – auch Pätzold, der in der Stuttgarter Mitte „gigantische Möglichkeiten“ der Stadtgestaltung sieht und an die belebende Wirkung erinnert, die eben erst der Kirchentag auf diese Mitte zeigte. Pätzold möchte Begeisterung wecken für innerstädtische Blickbezüge, sagt: „Wir sollten den öffentlichen Raum nicht nur als Verkehrsfläche sehen.“

In der Diskussion kristallisieren sich schnell zwei Parteien heraus, die nicht gegeneinander stehen, aber unterschiedliche Schwerpunkte setzen: Meyer und Gutbrod wollen städtebauliche Konzepte unter sozialen Gesichtspunkten diskutieren, für Pätzold und Wittfohlt geht es zunächst einmal um architektonische Qualität. Dass es an Transparenz mangele, ein städtebaulicher Status quo in Stuttgart nicht erkennbar sei, ein Diskurs nicht hinreichend stattfinde – das wird von den Architekten bemängelt. „Das Qualitätsniveau der Diskussion zu heben“, sagt Wittfohlt, „ist Aufgabe des Baubürgermeisters.“

Wittfohlt will Stadtplanung und Architektur nicht trennen, das Europaviertel stellt für ihn das Beispiel für ein Versagen in beiden Bereichen dar: „Wenn man dorthin schaut“, sagt er, „laufen einem Schauder über den Rücken.“ Zugleich weist der Architekt auf eine zentrale Schwierigkeit hin: Der Städtebauausschuss, dem er angehört, ­besitzt kein Mandat, kann keinerlei Druck aufbauen, arbeitet unverbindlich und ist als politisches Instrument deshalb nicht tauglich. Immer wieder wird von der Möglichkeit gesprochen, über einen Gestaltungsbeirat Einfluss auf die Stadtplanung zu nehmen. Ohne Mandat, sagt Wittfohlt, wäre einem solchen Gremium dasselbe Schicksal ­beschieden.

Thorsten Gutbrod und Ute Meyer dagegen suchen nach Möglichkeiten der Mitgestaltung jenseits der Gremien, sprechen von Partizipation. Ihnen mangelt es an gewachsenen, bürgernahen Strukturen in der Stadt, sie fordern das Experiment ein. „Wir müssen ausgetretene Pfade verlassen“, sagt Ute Meyer. „Die Diskussion wird belebt, wenn man zwei Schritte auf einmal tut.“

Der Rückkauf der Villa Berg als aktuelles Ereignis kommt am Ende dieses Abends unter Beifall zur Sprache. Ein Nutzungskonzept, so Peter Pätzold, liege für die Villa jedoch noch nicht vor – worauf Thorsten Gutbrod einhakt: Aus einer Zwischennutzung des Gebäudes, sagt er, könne ein Konzept bürgernah entstehen. In den Wagenhallen habe sich so die Zwischennutzung in eine Dauernutzung verwandelt.

Was von dieser Diskussion zwischen Baubürgermeister und Architekten bleibt? Das Versprechen einer Fortsetzung. In einem Jahr will Peter Pätzold wiederkommen.

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