Stell dir vor, es gibt einen Modellversuch, und keiner wertet ihn aus. Foto: dpa-tmn/Armin Weigel

An 44 Schulen im Land wird seit zehn Jahren die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium erprobt. Die Modelle, nach denen sie funktionieren, sind höchst unterschiedlich. Nicht alle überzeugen.

Sitzenbleiben in der siebten Klasse? Das kann vorkommen. Am Friedrich-Schiller-Gymnasium (FSG) in Marbach gehört diese Ehrenrunde aber zum offiziellen Stundenplan – sofern man sich für den G9-Zug entschieden hat. Versetzt nach Klasse 7.1, lautet dort das etwas unterambitioniert klingende Klassenziel für die Siebtklässler. Dann erst geht es weiter mit Klasse 8. Dort treffen die G9-Schüler auf die ein Jahr jüngeren Kameraden des G8-Zugs und müssen damit ebenfalls den Turbo in Richtung Abitur zünden.

 

Seit zehn Jahren erprobt Baden-Württemberg eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium. Wobei: Um eine Rückkehr ging es der Politik wohl nie, sondern eher darum, dem Druck der Eltern ein Ventil zu verschaffen. Dementsprechend ließ das Kultusministerium den 44 ausgewählten Modellgymnasien bei der Ausgestaltung ihrer G9-Züge große Freiheit.

Ein Gymnasium hat den Modellversuch wieder beendet

Marbach als größte Schule im Land verlegte die Dehnung in die Unterstufe. Bewährt hat sich das Modell zumindest nach Ansicht des Philologenverbandes nicht. In den Klassen fünf bis sieben sei die Zufriedenheit groß, danach komme „das bittere Erwachen mit hohen Durchfallquoten, weil plötzlich das Lerntempo anzieht“, sagt der Landesvorsitzende Ralf Scholl. Profiteure sind in jedem Fall die wenigen G8-Schüler an der Schule, denen damit ab Klasse acht die kompletten Wahlmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

13 Schulen, darunter das Stuttgarter Zeppelin-Gymnasium, verlegen die Dehnung in die Mittelstufe. Die meisten Modellschulen, insgesamt 27, halten ihre G8- und G9-Züge hingegen bis zur Kursstufe streng getrennt und strecken die Entschleunigung damit linear von den Klassen fünf bis elf. In Stuttgart gilt dies für das Leibniz- und das Wilhelmsgymnasium. Mit drei Modellschulen ist Stuttgart gut bestückt. In Mannheim starten mittlerweile überhaupt keine G9-Jahrgänge mehr, seit das Kurfürst-Friedrichs-Gymnasium nicht zuletzt aus Platzmangel seine Beteiligung am Modellversuch vor drei Jahren beendet hat.

Der Modellversuch wurde nie ausgewertet

Die Versuche anderer Gymnasien, in die Bresche zu springen, hatten bei Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) und ihrer Vorgängerin Susanne Eisenmann (CDU) keinen Erfolg. Allerdings ist G9 ohnehin nie als flächendeckendes Angebot eingeführt worden. Demnach gibt es auch in Heidelberg und Heilbronn sowie den Landkreisen Tuttlingen, Schwarzwald-Baar, Emmendingen, Waldshut und Breisgau-Hochschwarzwald keine G9-Züge.

Bei der Diskussion über eine flächendeckenden Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium könnten die Modellschulen nun eine Rolle spielen. Doch Michael Mittelstädt, der Vorsitzende des Landeselternbeirats, ist skeptisch. „Ich weiß nicht, ob die Modellschulen überhaupt ein Ergebnis liefern. Es gibt nirgendwo eine Auswertung dazu.“ Auch Barbara Becker von der Landesfachgruppe Gymnasien bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält sie für „schulpolitisch irrelevant“. Im Hinblick auf Probleme bei der Demokratie- und Medienbildung würden sie nicht weiterhelfen.

Die G9-Züge werden weiterhin überrannt

Derweil steigt die Zahl der Eltern, die ihre Unterschrift unter die Initiative „G9 jetzt“ setzen. Und auch die G9-Züge werden, wo es sie gibt, überrannt. Vor einem Jahr entschieden sich mehr als 5000 Viertklässler dafür. Zum Vergleich: G8-Anmeldungen gingen bei den Modellschulen nur 257 ein. Landesweit gibt es aber mehr als 35 000 Fünftklässler an den allgemein bildenden Gymnasien.