Die Angler an Max-Eyth-See und Neckar machen sich Sorgen um den Fischbestand – nicht zuletzt wegen der Kormorane Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Max-Eyth-See ist ein beliebtes Naherholungsgebiet – und zugleich ein Problemgewässer. Immer wieder droht er zu kippen. Der Anglerverein klagt allerdings auch über ein anderes Problem als die Wasserqualität: den Kormoran, der die Fische dezimiere.

Stuttgart - Hans-Hermann Schock wählt deutliche Worte. „Der Fischbestand im Max-Eyth-See ist katastrophal schlecht“, sagt der Vorsitzende des Württembergischen Anglervereins, der das Gewässer bewirtschaftet. Als Ursache sieht er weniger das Fischsterben im heißen Sommer 2015, als dem See Sauerstoff zugesetzt werden musste. Nein, vielmehr kommt seine Erklärung gefiedert daher und schlägt von oben zu. „Der Kormoran hat den Bestand so weit dezimiert, dass er irgendwann nicht mehr selbsttragend ist. Das gilt auch für den Neckar. Wir haben 80 Prozent weniger Fische als vor zehn Jahren“, schätzt Schock.

Der streng geschützte Vogel hat sich in dieser Zeit in vielen Regionen des Landes stark vermehrt. Die Diskussionen darüber, wie schädlich das für die Fische ist, kocht immer wieder hoch, besonders am Bodensee. Besonders betroffen sind laut Schock Hecht, Zander oder Karpfen. Sie würden gefressen, wenn sie zwischen zehn und 20 Zentimeter groß seien und könnten sich so nicht mehr fortpflanzen. „Wenn wir 30 000 Fische reinsetzen, werden 29 500 davon gefressen. Wir haben keinen Naturschutz, sondern nur einen Vogelschutz“, klagt der Anglerchef.

In den vergangenen Jahren haben der Verband für Fischerei und Gewässerschutz Baden-Württemberg und die Regierungspräsidien die Lage im unteren und mittleren Neckar untersucht. Derzeit läuft eine ähnliche Studie für den oberen Neckar. Zwischen 2009 und 2011 ist der Abschnitt rund um die Landeshauptstadt unter die Lupe genommen worden. Ergebnis: Der Bestand ist tatsächlich massiv zurückgegangen. Von 70 Prozent ist da die Rede. Auffällig dabei: Vor allem die mittelgroßen Fische fehlen. „Eine derart gestörte Altersstruktur ist ein deutlicher Hinweis auf einen starken Fraßdruck durch Kormorane“, heißt es da. Es seien Gegenmaßnahmen notwendig.

Kanalisierung als großes Problem

Das ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Denn die Studie kommt noch zu einem anderen Schluss: Der Kormoran ist nicht der alleinige Täter. Von 38 ursprünglich vorkommenden Fischarten waren im Neckar noch 27 anzutreffen, aber nur 14 davon hatten genug Jungfische, um den Fortbestand der Art zu sichern. Das liegt bei vielen auch an den zahlreichen Staustufen, dem Schiffsverkehr und der Kanalisierung des Neckars. Es fehle schlicht an geeigneten Lebensräumen und Wandermöglichkeiten.

Das sieht auch Ulrich Tammler, Vogelexperte beim Naturschutzbund (Nabu) in Stuttgart, so: „Der Kormoran ist der Buhmann, das Problem ist aber vorwiegend menschgemacht.“ Zwar könnten Kormorane lokal Bestände erheblich dezimieren, wenn man großräumig und über längere Zeiträume denke, sei das aber kein wesentliches Problem. „Viel wichtiger ist, dass der Neckar über Jahrzehnte kanalisiert wurde und zu wenig durchgängig für Fische ist“, sagt Tammler.

Am Max-Eyth-See gebe es im Sommer nur zehn bis 20 Kormorane, die noch nie erfolgreich gebrütet hätten, so der Experte. Im Winter dagegen, wenn die Vögel von der Nord- und Ostsee kommen, seien es bis zu 200. Bei anderen Naturschutzverbänden geht man allerdings davon aus, dass Kormorane am See auch schon gebrütet haben und sich der Bestand immer weiter auch in die Seitentäler des Neckars ausbreitet.

Landesweit 1459 Kormorane in einem Winter abgeschossen

Auch im Regierungspräsidium Stuttgart geht man davon aus, „dass die negativen Entwicklungen im Fischbestand nicht allein dem Kormoran zur Last zu legen sind“. Im Juli soll es im Bereich Freiberg am Neckar und Besigheim Untersuchungen geben, weil dort 2016 noch einmal deutlich weniger Fische gesichtet worden sind als zuvor. Das Umweltministerium teilt mit, der Kormoranbestand spiele im Bereich des mittleren Neckars seit 2005 „eine zunehmende Rolle“. Die Vögel dürfen deshalb seit 2011 dank einer Landesverordnung im Winterhalbjahr abgeschossen werden, wenn der Druck zu groß wird. Nur für Schutzgebiete braucht es Sondergenhemigungen.

Für die wiederum ist das Ministerium für den ländlichen Raum zuständig. Dort teilt man mit, es gebe in jedem Fall eine genaue Abwägung. Die neusten Zahlen stammen aus dem Winter 2015/16. Da sind landesweit 1459 Kormorane getötet worden. Es gab sechs Genehmigungen für Gewässer in Schutzgebieten. Auch in Stuttgart sind demnach 16 der Vögel abgeschossen worden.

Für Vogelexperte Tammler ist klar, was gegen das Fischsterben zu tun ist: „Es braucht mehr Altarme und Rückzugsräume am Neckar.“ Pläne gebe es in Stuttgart für eine Wiese an der Aubrücke, zudem kleinere Projekte. Ob all das schnell genug kommt und ausreicht, daran gibt es zumindest beim Anglerverein erhebliche Zweifel.

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