Der Start der Stadtbahn verschiebt sich um Jahre, Bürgermeister und Lokalpolitik sind geschockt. Aber warum überhaupt, fragt sich Emanuel Hege. Auch weitere Entwicklungen machen den Redakteur stutzig.
Seit 30 Jahren wird über eine Bahnstrecke von Markgröningen über Ludwigsburg nach Pattonville gestritten – 2020 folgte der Beschluss, die Planung der Stadtbahn namens Lucie begann. Doch die Diskussion um das Schienenprojekt nimmt immer groteskere Züge an, mehrere Punkte machen stutzig.
1. Die Ausgangslage
Erst verkündete das Lucie-Planungsteam um Interimsgeschäftsführer Michael Ilk, dass der Start der Bahn um Jahre verschoben wird. Die Kosten-Nutzen-Analyse, die entscheidend für die Förderung ist, braucht länger als gedacht. Eine ausführliche Begründung für die Verzögerung gibt es nicht.
2. Unglaubwürdige Empörung
Bürgermeister und die Lokalpolitik lieferten sich daraufhin einen Wettkampf der emotionalen Reaktionen. Sie seien „schockiert“, „erzürnt“ und „aus allen Wolken gefallen“. Doch wie echt ist diese Empörung?
Dass die Kosten-Nutzen-Analyse nicht wie versprochen Ende 2024 eingereicht wird, war ein offenes Geheimnis. Schon Anfang Oktober schrieb diese Zeitung, dass es zu einer Verzögerung kommen wird. Einige Räte aus der Verbandsversammlung mutmaßten schon vor Monaten, dass die Analyse erst Anfang 2026 fertig sein wird.
3. Der perfekte Sündenbock
Wo Empörung hochkocht, wird ein Schuldiger gesucht. In Gesprächen und Medienberichten wird unverblümt auf den früheren Stadtbahn-Geschäftsführer Frank von Meissner gezeigt. Sogar rechtliche Konsequenzen werden für von Meissner gefordert.
Es ist zu verlockend: Der ehemalige Geschäftsführer hat sich in seiner Amtszeit Feinde gemacht, heute kann er sich nicht mehr verteidigen. Der perfekte Sündenbock. Eine Erklärung, was genau von Meissner falsch gemacht haben soll, gibt es nicht.
Es scheint unwahrscheinlich, dass bei einem Projekt wie der Lucie nur eine Person für einen unrealistischen Zeitplan oder die Verzögerung verantwortlich ist. Die Frage, die gestellt werden sollte: Warum hat niemand Verantwortung übernommen – vor allem, nachdem Frank von Meissner Anfang Juli vom Hof gejagt wurde?
4. Keine Informationen
Erst die Trennung von Frank von Meissner, dann das späte Eingeständnis der Verzögerung und leise Gerüchte über eine schlechte Kommunikation des Stadtbahn-Teams. Als Beobachter verliert man das Vertrauen in die Verantwortlichen. Umso unverständlicher ist die Informationsstrategie rund um Lucie.
Weder das Team um Interimsgeschäftsführer Michael Ilk noch Landrat Dietmar Allgaier halten es offenbar für notwendig, die Gremien des Verwaltungsrates (Bürgermeister) und der Verbandsversammlung (Lokalpolitiker) ausreichend zu informieren. Grünen-Kreisrätin Christine Knoß zeigte sich bereits öffentlich erbost, dass sie sich Infos über den Planungsstand selbst zusammensuchen müsse.
5. Befürworter enttäuscht
Diese (Des-)Informationsstrategie droht den Zug entgleisen zu lassen, bevor Lucie überhaupt losgefahren ist. Besonders bedenklich: Auch Befürworter aus Rathäusern und Parteien zeigen sich zunehmend genervt von den Ereignissen. Sie wollen eine ehrliche Kommunikation, frühzeitig von Problemen erfahren und sich mit ihrer Expertise einbringen. Das scheint aktuell nicht gewollt. Ein Spiel mit dem Feuer: Hinter vorgehaltener Hand heißt es schon, dass nur noch eine weitere böse Überraschung das Projekt zum Platzen bringen wird.