Der Streetworker Baykar Tavit (li.) und Abbas Khalil beobachten Veränderungen in der Gesellschaft. Wichtig sei ein respektvoller Umgang, so Mirja Küenzlen. Foto: Gerlinde Ehehalt

Ein Stück Heimat in der Fremde – wie kann das gelingen? Darüber haben Baykar Tavit, Abbas Khalil und Mirja Küenzlen in St. Antonius diskutiert.

Kaltental - Wir schaffen das“, sagte Kanzlerin Angela Merkel, als sich immer mehr Flüchtlinge auf den Weg nach Deutschland machten. „Mittlerweile kommen 1200 Menschen pro Monat nach Stuttgart, viele davon werden lange hier bleiben, manche vielleicht für immer“, erklärte Angelika Hensolt im Gemeindesaal von St. Antonius. Gemeinsam mit Podiumsgästen erörterte die SWR-Journalistin im Rahmen der ökumenischen Reihe „Gott mag die Ausländer“, ob man in einem fremden Land eine Heimat finden und wie Integration gelingen kann.

„Was verstehen wir unter Integration?“, fragte Pfarrerin Mirja Küenzlen von der Thomasgemeinde. Wichtig sei, dass sich alle an Werten wie Gleichberechtigung und an den demokratischen Grundrechten orientierten. Und dass man untereinander einen achtsamen, respektvollen Umgang pflege, so Küenzlen. Für Abbas Khalil liegt der Schlüssel eines guten Zusammenlebens in der persönlichen Begegnung – gemeinsam essen, Party machen, sich zusammensetzen. Die Möglichkeit dazu bietet der gebürtige Libanese, der seit 38 Jahren in Deutschland lebt, täglich in seinem Kaltentaler Lebensmittelladen. Das Geschäft ist zum Treffpunkt geworden – man kann Kaffee trinken, sitzen, miteinander reden. „Die Ausländer haben Farbe nach Deutschland gebracht“, freute sich Khalil. „Früher kannten die Deutschen nur die Arbeit, und die letzte Straßenbahn fuhr schon um halb elf Uhr abends.“

Teilweise 909 Prozent Migrationshintergrund

Die Deutschen haben laut dem Sozialarbeiter Baykar Tavit gemerkt, „dass wir eine Multikulti-Gesellschaft geworden sind, das gilt nicht nur für die Zusammensetzung der Fußballmannschaften“. Tavit ist für die Mobile Jugendarbeit als Streetworker und in der Schulsozialarbeit unterwegs. Seine Jugendlichen haben zu 90 Prozent Migrationshintergrund, „doch im Vergleich zu früher haben sie eine starke heimatliche Bindung zu ihren Stadtteilen entwickelt“, erzählt Tavit. Sie bezeichneten sich jetzt als „Heslacher“ oder „Kaltentaler“, nicht mehr als „Türke“, „Kurde“ oder „Grieche“. Tavit hat armenische Wurzeln, ist aber in Stuttgart geboren und aufgewachsen.

Obwohl es immer noch Gruppen gebe, die nicht bereit seien, wirklich anzukommen und in Deutschland nur Geld verdienen wollten, habe sich beispielsweise die Haltung der türkischen Eltern in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert, berichtete Jutta Heisig, die Rektorin der Kaltentaler Grundschule. „Viele Eltern erkennen, wie wichtig Bildung und die Sprache ist“, sagte Heisig. Angebote im Sport- oder Schwimmunterricht würden allerdings nicht gut angenommen. Bei einem Bewegungsprogramm für leicht übergewichtige Kinder habe es Reaktionen gegeben, etwa „mein Kind schwitzt immer so und ist danach total schmutzig“, so Heisig. Auch das Programm „Mama lernt Deutsch“ habe sich wegen mangelnder Teilnahmebereitschaft nicht durchgesetzt. Sprachbarrieren hemmten die Integration. Deshalb freute sich Jutta Heisig über den Ausbau der Ganztagsschulen. „Die Kinder lernen, basteln, spielen zusammen und sprechen den ganzen Tag über Deutsch.“

Patenschaften sind eine gute Möglichkeit

Auch die Fahrradwerkstatt, die der Plieninger Bezirksbeirat Thomas Plagemann im vergangenen Jahr beim Flüchtlingsgebäude in Plieningen aufbaute, kam anfangs nur zögerlich in Gang, da die Menschen die Sprache nicht beherrschten. „Patenschaften sind eine gute Möglichkeit, Kontakte aufzubauen und den Flüchtlingen beim Deutsch lernen zu helfen“, betonte Plagemann. Angelika Hensolt beendete die Podiumsdiskussion mit einem tahitischen Sprichwort: „Wo viele Hände sind, ist die Last nicht schwer – wir schaffen das!“

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