Andrang in Lampedusa - die Flüchtlingsproblemtaik beschäftigt derzeit auch die Schlagzeilen Foto: dpa

Eine Gesprächsrunde im Haus der Katholischen Kirche thematisierte die Situation der vielen Flüchtlinge auf Lampedusa und die Haltung Europas in Flüchtlingsfragen. Auch Bürgermeisterin Giusi Nicolini war zugeschaltet.

Stuttgart - Adriana Cuffaro ist angenehm überrascht: Der Andrang im Haus der Katholischen Kirche an der Königstraße ist so groß, dass zunächst weitere Stühle beschafft werden müssen. Die Kopfhörer für die Simultanübersetzung reichen nicht annähernd aus. Es gilt zu improvisieren. Schließlich kann die Direktorin des Istituto Italiano di Cultura Stuttgart etwa 200 Zuhörer zu der von Christoph Reisinger, Chefredakteur der Stuttgarter Nachrichten, moderierten Expertenrunde begrüßen. Motto: „Als Europäer gehen uns die Flüchtlinge auf Lampedusa alle an.“

Das Schicksal der Menschen, die sich auf heillos überfüllten Booten gen Europa aufmachen, bewegt die Gemüter. Die Antwort der Politik auch. Nicht immer fällt sie zufriedenstellend aus, das zeigen die Beiträge der auf dem Podium – und aus Lampedusa. Denn besonderes Interesse gilt der über einen Internet-Kanal zugeschalteten Bürgermeisterin von Lampedusa.

Giusi Nicolini bemängelt die Tendenz in Europa, sich mehr um den Schutz der eigenen Grenzen, als um jene zu kümmern, die sich den Risiken einer Flucht aussetzten. Während die zum Jahresende auslaufende ,,Mare Nostra“-Operation Italiens ihren Schwerpunkt in der Seenotrettung sehe, sei die EU-Mission „Triton“ auf die Verhinderung illegaler Zuwanderung ausgerichtet, sagt Bürgermeisterin Nicolini: „Wir sollten uns vor Augen führen, dass es um Menschen geht, die vor Diktatoren, Krieg und Hunger fliehen. Sie lassen alles zurück und begeben sich in Lebensgefahr.“

Die Flüchtlingsströme, so die Bürgermeisterin, seien keine Naturkatastrophe: „Wir haben es mit den Folgen einer globalen Entwicklung zu tun.“ Derzeit ist es jahreszeitlich bedingt ruhiger auf Lampedusa. Für das Frühjahr aber rechnet die Bürgermeisterin mit einem weiteren Ansturm auf die Insel. „Unsere Lager sind nicht schlecht, aber zu voll“, betont sie. Ein stärkeres Bemühen der Europäischen Gemeinschaft um raschere Aufnahme von Flüchtlingen in anderen Ländern sei wünschenswert, sagt ­Nicolini.

„Es fehlt an sicheren Fluchtwegen, auf denen niemand fürchten muss zu ertrinken, verschleppt oder vergewaltigt zu werden“, sagt Fritz Weller, Bereichsleiter Migration und Integration beim Caritasverband Stuttgart. „Man kann den Eindruck gewinnen, dass alles versucht wird, Flüchtlinge fernzuhalten.“ Weller mahnt Deutschlands besondere Rolle an: „Wir sind aufgrund unserer Geschichte einer humanitären Grundhaltung verpflichtet. Jeder sollte sich fragen: Was kann ich tun?“ Pfarrer Werner Baumgarten vom Arbeitskreis Asyl hat sich 2008 für eine Luftbrücke zwischen Lampedusa und Stuttgart stark gemacht. 1125 Unterschriften konnte er an den damaligen OB Schuster überreichen. Am Samstag setzt sich der Theologe dafür ein, die Umstände einer Flucht dort stärker in den Vordergrund zu rücken, wo es um das Asylrecht gehe: „Dass jemand die traumatisierende Überfahrt in einem kleinen Kahn auf sich nimmt, sollte für die Gewährung des Bleiberechts ausreichen. Wir sollten auch aufhören, Flüchtlinge nur als Problem zu betrachten. Sie können eine wertvolle Bildungsreserve sein. Wir müssen sie nur nutzen.“

Während sich Baumgarten anerkennend über die Politik auf Lampedusa äußert, beklagt Antonio Russo, der Leiter der Abteilung Immigration bei der Christlichen Vereinigung der italienischen Arbeitnehmer (ACLI), dass Italien immer wieder für seine zu großzügige Flüchtlingspolitik gerügt werde. Seine persönliche Position ist unmissverständlich: „Wir haben uns zu viel um die Märkte und zu wenig um die Menschen gekümmert. In Lampedusa landen nicht Wirtschaftsflüchtlinge, sondern Männer, Frauen und Kinder. Europa versagt, wenn es sich hinter seine Grenzen zurückzieht.“ Russo würdigt das Engagement vieler Bürger, zeigt sich aber gleichzeitig enttäuscht von den Entscheidungsträgern: „Warum müssen sich in einem Europa, das sich als Wiege der Zivilisation sieht, Bürger für die Rechte von Flüchtlingen engagieren? Das sollte doch eine politische Selbstverständlichkeit sein!“

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