Laternen-Umzug von Kindern in Friedrichshafen am Martinstag Foto: dpa

Am 11. November ist Martinstag. Zu diesem christlichen Fest ziehen Kinder mit Laternen durch die Straßen. Aber sollte das nicht besser „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ heißen – um nicht-christliche Kinder einzubeziehen? Im Netz sorgt dieser Begriff für Ärger.

Stuttgart - „Ich gehe mit meinen Kindern zum St.-Martinsumzug (nicht zum Sonne-Mond-und Sterne-Fest). Im Dezember freuen wir uns auf den Weihnachtsmarkt (nicht auf den Wintermarkt).“ Wie in den vergangenen Jahren kursieren auch in diesem Jahr solche Bekenntnisse in den sozialen Netzwerken, mit denen gegen die vermeintliche Umbenennung von Sankt-Martins-Umzügen zum „Lichterfest“ oder zum „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ protestiert wird.

Der Ton in solchen Twitter- oder Facebook-Einträgen ist oft ruppig. „Ich halte viel von Toleranz und Rücksichtnahme. Nichts halte ich allerdings von den Vollidioten, die meinen, dass wir in unserem eigenen Land unsere eigenen Traditionen und unsere eigene kulturelle Identität aufgeben sollten“, heißt es zum Beispiel in einem aktuell verbreiteten Beitrag auf Facebook und Instagram.

Den Beleg, dass Kitas und andere Einrichtungen zur Kinderbetreuung tatsächlich ihren Laternenumzügen aus solchen Gründen neue Namen geben, bleiben die Schreiber in den sozialen Netzwerken aber schuldig. Die Debatte um eine Umbenennung oder gar Abschaffung von christlichen Festen reißt trotzdem nicht ab.

Türkische Gemeinde will an St. Martin festhalten

Dabei bekennt sich auch die Türkische Gemeinde in Deutschland klar zur Pflege des traditionellen Namens. Deren Vorsitzender, Gökay Sofuoglu, der auch der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg vorsteht, hat eine klare Meinung: „St. Martin bleibt St. Martin und wird von allen Kindern gefeiert.“ Der Fellbacher ist seit 1990 als Sozialarbeiter im Haus 49 im Stuttgarter Norden tätig.

St. Martin ist für ihn nicht irgendein Fest. „An meinem ersten Arbeitstag haben wir St. Martin gefeiert und ich habe mich als Bettler verkleidet“, erzählt der 56-Jährige. Überlegungen zur Umbenennung bezeichnet er als „sozialromantische Rücksichtnahme“. „Wenn man St. Martin ohne St. Martin feiert, nimmt man dem Fest die Bedeutung“, findet Sofuoglu . „Es sollte so gefeiert werden wie seit Jahrzehnten.“ Feste könnten als Begegnung zwischen den Kulturen dienen. „Die Muslime feiern bei uns auch gemeinsam mit ihren christlichen Nachbarn das Fastenbrechen im Ramadan.“

Auslöser war wohl die Suppe

Doch wie kam es eigentlich zu der Debatte? Ausgelöst hatte den Streit ein städtischer Kindergarten im hessischen Bad Homburg – der die Kinder im Jahr 2013 zum Sonne-Mond-und-Sterne-Fest einlud. Eine Abkehr vom christlichen Ursprung sei damit nicht verbunden gewesen, betonte später ein Stadt-Sprecher. Der neue Name habe sich intern eingebürgert, nachdem bereits beim Martinsfenst 1998 eine Suppe mit Sonne-Mond-und-Sterne-Nudeln gereicht worden war. Doch die Debatte war schon in Gang geraten: Der Vorsitzende der Linkspartei Nordrhein-Westfalen Rüdiger Sagel unterstützte die Idee als Versuch, das Fest für muslimische Kinder zu öffnen. Es folgte ein Aufschrei – sowohl in rechten Kreisen als auch in den Kirchen und den meisten Parteien (auch in Sagels Linkspartei). Muslimische Verbände distanzierten sich sofort von dem Vorschlag. Sagel ruderte daraufhin zurück.

Im Netz besitzt die Geschichte dennoch ein hartnäckiges Eigenleben. Gibt es heute noch Überlegungen, das Martins-Fest umzubenennen? „Die Schulen müssen dem Schulamt nicht melden, was und wie sie etwas feiern“, sagt Manfred Rittershofer, Schulamtsdirektor beim Staatlichen Schulamt Stuttgart. „Es gibt keine vorgeschriebenen Termine zu christlichen Festivitäten. Das liegt im Ermessen der Schule.“ Rittershofer geht davon aus, dass in den allermeisten Schulen in der Vorweihnachtszeit Feiern stattfinden. „Es ist keine Frage, dass natürlich Traditionen gepflegt werden“, sagt Rittershofer.

Sankt Martin steht für Teilen und Miteinander

Wie St. Martin heutzutage gefeiert wird, weiß Detlef Storm, Schulleiter der Rosensteinschule in Stuttgart. „Die Geschichte von St. Martin, der seinen Mantel teilt, ist religionsübergreifend. Es geht um das Teilen, das Miteinander, das Nach-Einander-Sehen: das Grundprinzip des sozialen Denkens“, sagt er. Ein Sonne-Mond-und-Sterne-Fest sei für ihn keine Alternative zu St. Martin, weil der Sinn des Festes verfälscht würde. Viele seiner Schülerinnen und Schüler, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, würden beim Sankt-Martins-Umzug mitlaufen. „Die Religion ist da kein Hindernisgrund. Die Kinder genießen die feierliche Stimmung in der dunklen Jahreszeit genauso.“

Matthias Schneider, Pressesprecher der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg, hebt den Wert der religiösen Bildung in Kindertagesstätten und in Schulen hervor. „Man setzt sich so mit Weltanschauungen und der Rolle von Religion im Alltag auseinander. Ab September stehen zum Beispiel in den Supermärkten überall Nikoläuse“, merkt er an. Auch Kinder, die keinen christlichen Hintergrund hätten, sollten seiner Meinung nach etwas über den echten Nikolaus lernen. „Es geht um den Sinn dahinter: die Symbolfigur und die Werte, die mit ihm vertreten werden, fernab der Konsumgesellschaft“, sagt Schneider. „Man soll Feste wie St. Martin bewusst nutzen.“ Es bleibe bei Kindern mehr hängen, wenn man abstrakte Werte an einer Figur verankere. Da könne gerade der Heilige Martin ein Vorbild sein, „da er sich gegen Ausgrenzung eingesetzt hat“.

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