n Stuttgart versuchen die Privatgalerien mit einem Galerienwochenende ein breiteres Publikum zu erreichen und für die Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern zu begeistern Foto: Daniel Moritz

Seit mehr als 100 Jahren sind Künstlerinnen und Künstler eng mit Privatgalerien verbunden. Aktuell aber scheint die Liaison an Glanz zu verlieren. Brauchen die Produzenten aktueller Kunst die Galerien noch, um ihre Werke zu platzieren? Kunstmessen und Auktionen werden immer wichtiger.

Stuttgart - Seit mehr als 100 Jahren sind Künstlerinnen und Künstler eng mit Privatgalerien verbunden. Aktuell aber scheint die Liaison an Glanz zu verlieren. Brauchen die Produzenten aktueller Kunst die Galerien noch, um ihre Werke zu platzieren? Kunstmessen und Auktionen werden immer wichtiger.

Vorrede

„Die Entwicklung der bildenden Kunst in Deutschland und in der Welt“, heißt es in der Ankündigung für den Diskussionsabend „Warum brauchen Künstler Galerien?“, „ist ohne die Dynamik von Galerien, ohne die Kunst der Künstler undenkbar. Aber dennoch gibt es Schwierigkeiten: Nicht immer glückt die Verbindung zwischen Künstlern und Galeristen.“ Immer deutlicher werden zwei Spannungsfelder. Schrauben einerseits Erfolgsmeldungen des globalisierten Kunstmarktes die Erwartungen von Künstlerinnen und Künstlern an Galerien als erste Vermittler ihrer Werke in die Höhe, so provoziert andererseits gerade die Globalisierung eine ständig wachsende Zahl von Präsentationsmöglichkeiten von Kunstwerken auch außerhalb der Galerien.

Rückblick

In einem Vortrag für den Bundesverband Deutscher Galerien fasst Rudolf Zwirner, 1967 Mitbegründer der Kölner Kunstmesse, die jüngere Entwicklung so zusammen: Während es noch 1960 durchaus üblich war, Ladenlokale zu Galerien umzufunktionieren, wurde in den 1970er Jahren der spezifische Galerieraum zur Voraussetzung einer ernstzunehmenden Galeriearbeit. Der eigens als Galerie gebaute oder ausgebaute Raum mit entsprechend musealen Möglichkeiten zur Präsentation, Lagerhaltung und Beleuchtung ist ein Indikator für die Erweiterung des Kunstmarktes mit zeitgenössischer Kunst, dem die Professionalisierung eines neuen Berufsstandes des Galeristen korrespondiert.“

Der Schulterschluss

Allerorten entstehen aktuell Projekträume, in denen Künstlerinnen und Künstler abseits von ­Galerien Präsentations- und Vermittlungsmöglichkeiten ausprobieren. Wirklich neu ist dies nicht. Mit der Produzentengalerie wurde in den späten 1960er und frühen 1970er Jahre eben diese Bühne zum anerkannten Kunstforum.

Und Rudolf Zwirner erinnert an einen weiteren Punkt: „Wurden noch in den ­1950er Jahren die fertigen Arbeiten im Atelier ausgesucht und in der Galerie präsentiert, so kamen in den 1960er Jahren die Künstler in die Galerie, um die räumlichen Vorgaben in ihre Arbeit mit einzubeziehen. Die Galerie wurde somit zum integralen Bestandteil der Kunst, indem die Künstler zunehmend Bezug auf den Raum nahmen.“

Ein frühes Beispiel? „Schon 1958 stellte Yves Klein in der Ausstellung ‚Le Vide‘ bei Iris Clert nur die leere Galerie aus, während Arman dieselbe Galerie wenig später in einen Müllcontainer verwandelte, die nur noch von außen durchs Schaufenster eingesehen werden konnte. Die Galerie wurde ­somit vom reinen Ausstellungsraum zu einem künstlerischen Ereignisraum, der in den Folgejahren zwar sein gesellschaftliches Prestige erheblich vergrößerte, jedoch noch keinen wirtschaftlichen Erfolg garantierte.

Im Gegenteil, der professionelle Galerieraum entwickelte sich paradoxerweise zunächst zum Garanten für eine künstlerische Verwirklichung jenseits ökonomischer und gesellschaftlicher Zwänge.“

Alleskönner

Informationsbörse, Präsentationsbühne, Interessenvertreter gegenüber Besuchern, Sammlern, Museen, Medien, Kunstberatern und vieles mehr – Galerien müssen sich heute als Alleskönner erweisen, wenn sie Künstler zu einer konsequenten Zusammenarbeit motivieren wollen. Mehr noch: Galerien sollen zugleich vor Ort Gewicht haben, aber auch auf allen wichtigen Kunstmessen vertreten sein. Oder wie Rudolf Zwirner es sagt: „Heute gilt es für die Galerien, wie für alle anderen Bereiche der Wirtschaft, den Prozess der Globalisierung zu akzeptieren, indem sie sowohl ihr Profil als lokale Keimzelle künstlerischer Vermittlung wahren als auch sich international vernetzen.“

Die Diskussion im Literaturhaus

Was? „Warum brauchen Künstler Galerien?“ ist ein Diskussionsabend betitelt, der am kommenden Dienstag, 1. Juli, im Literaturhaus Stuttgart (Bosch-Areal, Breitscheidstraße 4) stattfindet.

Wer? Es diskutieren der Bildhauer und langjährige Stuttgarter Akademieprofessor Werner Pokorny und der Stuttgarter Galerist Klaus Gerrit Friese, bis 2013 Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Galerien.

Wie? Der Abend findet in der Reihe „Brotlos? – Kunst im Spannungsfeld der Ökonomie“ und in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsclub im Literaturhaus statt. Es moderiert Nikolai B. Forstbauer, Kulturressortleiter unserer Zeitung. Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 9 Euro (ermäßigt 7 und 4,50 Euro). Karten unter: www.literaturhaus-stuttgart.de, in der Buchhandlung im Literaturhaus (Sa 10 bis 16, Mo und Di 12 bis 20 Uhr und an der Abendkasse.