Dieses Warnschild muss im Göppinger Stadtwald am Oberholz vorläufig nicht mehr aufgestellt werden. Foto: dpa/Friso Gentsch

Göppingen steht vor einem Paradigmenwechsel: Der Stadtwald am Oberholz soll natürlicher werden. Auf Holzeinschlag wird vorläufig ganz verzichtet und es werden keine alten Eichen mehr gefällt.

Die Diskussion hat gezeigt, wie unterschiedlich die Auffassungen sind“, stellte Martin Geisel, der Leiter des Forstamts beim Landratsamt Göppingen, am Ende einer äußerst engagierten Debatte im Göppinger Gemeinderat fest. „Das Thema wird in der Bürgerschaft emotional diskutiert“, hat auch der Oberbürgermeister Alex Maier festgestellt. Der Gemeinderat befasste sich nach einer Initiative von Bürgern und Anträgen der Grünen, der Lipi-Fraktion und der FDP/FW intensiv mit dem Wald im Göppinger Oberholz und änderte die vor acht Jahren beschlossene sogenannte Forsteinrichtung.

 

Demnach werden künftig weit mehr Flächen zu einem Naturwald entwickelt, als dies bislang vorgesehen war: Aus 14,8 werden rund 35 Hektar. Dies war im Gremium unumstritten. Ebenso, dass weiterhin Bäume, die Spaziergänger durch herabfallende Äste gefährden, gefällt werden müssen und bei Neuanpflanzungen heimische, möglichst klimaresistente Bäume verwendet werden. Keine Frage war außerdem, dass in den kommenden beiden Jahren kein Holz eingeschlagen wird.

Sollen Eichen gefällt werden?

Strittig war im Gremium hingegen, ob in diesem Zeitraum weitere bis zu 200 Jahre alte Eichen abgesägt werden, um jüngeren Platz zu machen, wie in der Vergangenheit im gesamten Stadtwald geschehen. Martin Geisel hatte darauf verwiesen, dass das Oberholz einen überdurchschnittlich hohen Bestand an alten Eichen aufweise, die teilweise geschädigt seien. Für eine Verjüngung, also das Anpflanzen von jungen Bäumen, brauche es freie Flächen. Die Eiche benötige Licht zum Wachsen. Jan Sakschewski von der Immobilienverwaltung der Stadt bekräftigte: „Die klare Aussage unsererseits ist: Die Eiche soll weiter verjüngt werden.“ Und so sagte auch OB Alex Maier: „Ich folge den Experten.“

„Der Eichenwald hat seinen Zenit noch lange nicht überschritten“, fand hingegen Dietrich Burchard (Grüne) angesichts des Umstands, dass „Eichen bis zu 1000 Jahre alt werden können“. Seine Fraktionskollegin Elke Caesar erinnerte daran, dass das Bundesverfassungsgericht bereits vor über 30 Jahren festgestellt hatte, dass Wald in erster Linie „ein Erholungs- und kein Wirtschaftsfaktor ist. Wir brauchen den Wald als grüne Lunge. Wir wollen mit ihm kein Geld verdienen.“

Den wirtschaftlichen Aspekt stellte Armin Roos (SPD) generell in Frage: „Im Oberholz sieht es verheerend aus.“ Große Flächen seien durch das Fällen mit schwerem Gerät nachverdichtet, Wege zerstört. Angesichts der Schäden stelle sich die Frage, wie viel Ertrag der Wald unterm Strich tatsächlich abwerfe. Hartmut Fischer (AfD) bezweifelte, dass junge Bäume angesichts der anhaltenden Trockenheit überhaupt „eine Chance zum Wachsen haben“.

Verjüngung des Eichenwaldes gefordert

Michael Freche (Lipi), auf dessen Antrag hin die Vorschläge der Verwaltung getrennt abgestimmt wurden, verwies auf die unterschiedliche Studienlage zum Wald. Er regte an, sich vor der Diskussion der nächsten Forsteinrichtung „externe Expertise einzuholen und von außen auf unsere Wälder zu schauen“. Am Ende wurde mit den Stimmen von Grünen, SPD, Lipi und AfD dem Antrag seiner Fraktion zugestimmt: Der Eichenwald wird bis 2025 nur dort verjüngt, wo es eh freie Flächen gibt, also etwa nach Sturmschäden.

Susanne Weiß (FDP/FW) betonte: „Wir stehen zur Verjüngung.“ Allerdings sei fraglich, ob nicht auch die Hälfte der Fläche ausreichend sei. Hans-Peter Schmidt (FWG) räumte ein: „Auch wir tun uns schwer mit der Verjüngung der Eichen.“

Sein Fraktionskollege Emil Frick sprach sich eindeutig dagegen aus. Vor dem Hintergrund der Bedeutung des Oberholzes für das Stadtklima stellte Wolfgang Berge (FWG) fest: „Wir täten uns leichter, wenn wir ein Stadtklimagutachten hätten, über das wir seit zehn Jahren diskutieren.“

Nachhaltigkeit im Forst

Geschichte
 Bereits im 18. Jahrhundert war erkannt worden, dass Wälder zu stark genutzt und so langfristig zerstört werden. Es wurde eine nachhaltige Waldbewirtschaftung beschlossen, aus der ein Forst-Betriebsplan, die sogenannte Forsteinrichtung, entstand. Sie legt für zehn Jahre fest, wie Wald bewirtschaftet wird.

Ziel
Erklärtes Ziel ist es, den Rohstoff Holz nachhaltig zu produzieren und ihn umweltschonend zu nutzen. Die nächste Forsteinrichtung für die städtischen Wälder wird die Jahre 2026 bis 2035 umfassen.